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Lokales Vor 30 Jahren: Polizei greift härter gegen Leipziger Demonstranten durch
Leipzig Lokales Vor 30 Jahren: Polizei greift härter gegen Leipziger Demonstranten durch
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08:01 01.10.2019
Polizisten versuchten am 2. Oktober 1989 den Zug der Demonstranten aufzuhalten. Quelle: Johannes Beleites
Leipzig

Von den ersten Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 gibt es nur wenige Bilddokumente. Es gehörte Mut und wohl auch jugendliche Unbeschwertheit dazu, den sich stetig steigernden Protest aufzunehmen. Am 2. Oktober besuchte Johannes Beleites, damals 22 Jahre alt, das Friedensgebet in der Nikolaikirche und war danach einer der Demonstranten, die vom Nikolaikirchhof vorbei am Hauptbahnhof über den Tröndlinring zogen. Beleites, der im Fotolabor des Museums für Kunsthandwerk arbeitete, hatte seine Praktika, „das Beste, was es damals auf dem DDR-Markt gab“, unter der Jacke versteckt. Er fotografierte, wenn er sich sicher war, nicht beobachtet zu werden: die Polizisten, die versuchten, den Nikolaikirchhof abzuschirmen, den Zug der Tausenden über den Ring, die Übergriffe der Staatsmacht gegen gewaltlose Menschen auf der Straße. Er weiß noch, wie sich plötzlich vier Männer auf ihn stürzten und ihm die Kamera entrissen. Den belichteten Film mit den Bilddokumenten hatte er zum Glück gerade entfernt. Tags darauf fasste Beleites neuen Mut und ging zur Polizei, um den Diebstahl anzuzeigen. Das, so erinnert er sich, war möglich, wenn auch der Beamte die Anzeige nur widerwillig aufnahm.

Jugendpfarrer Kaden mahnt Rechte von DDR-Bürgern an

Ihre persönlichen Erinnerungen an jenen 2. Oktober hat auch Gisela Kallenbach. Die spätere Politikerin in Stadt, Land und EU war als Mitglied der Arbeitsgruppe Umwelt beim Leipziger Jugendpfarramt eine Gestalterin des Friedensgebets in der Nikolaikirche. Sie zitierte dabei Martin Luther: „Die Zeit des Schweigens ist vorbei und die Zeit des Redens ist gekommen.“ Die Predigt hielt Jugendpfarrer Klaus Kaden, er nahm Bezug auf aktuelle Geschehnisse: „Wenn wir aus den Bildern in Prag oder Warschau etwas lernen sollten als freie, mit gleicher Würde bedachte Menschen, die auch die Verfassung der DDR ihren Bürgern als verbürgtes Recht verheißt, dann dies, dass man nicht ungestraft junge Menschen zu unkritischer Anpassung erziehen darf; sie laufen in Scharen weg …“

Polizei greift härter durch

Gisela Kallenbach. Quelle: André Kempner

Gisela Kallenbach hat noch die Worte von Nikolaikirchen-Pfarrer Christian Führer im Ohr, der vor dem Friedensgebet gemahnt hatte: „Wer heute noch gut nach Hause kommen will, der tue das gleich nach dem Friedensgebet …“ – „Wir kamen aus der Kirche, und der Nikolaikirchhof war voller Menschen, die Polizei versuchte, die sich formierende Demonstration zu verhindern. Da ich meine drei Kinder, 17 und 13 Jahre alt, bei mir hatte, zwängten wir uns durch die Polizisten und folgten Pfarrer Führers Rat …“ 20 000 zogen an diesem frühen Abend über den Leipziger Ring. In Höhe der Reformierten Kirche versuchte die Polizei, die Demonstranten aufzuhalten. Die Kette wurde durchbrochen, die Menschen gingen weiter bis zur Thomaskirche. Als ungefähr 2000 zurück in die Innenstadt wollten, griff die Polizei erneut und härter ein. Spezialeinheiten, ausgerüstet mit Schlagstöcken und Hunden, gingen gegen die Demonstranten vor. „Es war“, so heißt es rückblickend, „ein in der Stadt Leipzig noch nie geschehenes Ereignis.“ Tags darauf war in der Leipziger Volkszeitung zu lesen: „Am Montagabend kam es in der Leipziger Innenstadt erneut zu einer Zusammenrottung größerer Personengruppen, die die öffentliche Ordnung und Sicherheit störten und den Straßenverkehr der Innenstadt beeinträchtigten … Der Einsatz von Hilfsmitteln der Deutschen Volkspolizei war unumgänglich. Es waren Zuführungen erforderlich.“

Demonstrationen werden zur Massenbewegung

Die Demonstrationen waren zur Massenbewegung geworden. Am 7. Oktober, dem Nationalfeiertag, sollte eigentlich wie verordnet gejubelt werden. 4000 Menschen wollten indes erneut auf dem Ring demonstrieren. Ihr Protest wurde gewaltsam aufgelöst, es gab Verletzte und Festnahmen. In Leipzig wurden 210 Personen unter unmenschlichen Bedingungen teilweise länger als 24 Stunden in den Pferdeställen auf dem Agra-Gelände festgehalten.

Johannes Beleites bekam übrigens seine Kamera Wochen später zurück. Zwei anonym bleibende Männer übergaben sie ihm wortlos an seinem Arbeitsplatz im Grassimuseum.

2. Oktober, 17 Uhr, in der Runden Ecke: Vortrag, Film, Gespräch zum Thema „Die Montagsdemonstrationen werden zur Massenbewegung“.

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