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Lokales Vor 30 Jahren begann die Friedliche Revolution in Leipzig
Leipzig Lokales Vor 30 Jahren begann die Friedliche Revolution in Leipzig
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10:27 15.01.2019
Am 15. Januar 1989 zogen Demonstranten schweigend durch die Petersstraße. Sie wollten damit ein Zeichen zur Demokratisierung der DDR setzen.   Quelle: Foto: Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.
Leipzig

Kenner der Geschichte sagen: Am 15. Januar 1989 begann die Friedliche Revolution. Anlass war der alljährliche Staats-Gedenktag für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Leipziger Oppositionelle wollten ein Zeichen setzen für ihr Streben nach Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit und riefen zur eigenen Demonstration auf. Dafür waren 10 000 Flugblätter gedruckt und nachts in Leipziger Briefkästen verteilt worden. Im Vorfeld der Demo wurden elf Initiatoren verhaftet, den Protestmarsch konnte die Staatsmacht nicht verhindern. Mit Uwe Schwabe, damals ein 26 Jahre junger Bürgerrechtler und Mitorganisator des Protestes und seit Jahren tätig im Zeitgeschichtlichen Forum, lohnt, auch mit Kenntnis der Stasiakten, ein Blick zurück.

Stasi konnte Flugblatt-Verteilung nicht stoppen

„Der Entwurf des Flugblattes stammte von Michael Arnold und wurde mit Gesine Oltmanns und mir diskutiert und geändert. Gedruckt wurden 10 000 Flugblätter auf verschiedenen illegalen und auf kircheneigenen Vervielfältigungsgeräten“, so Schwabe. Am 11. Januar 1989 fand in der Wohnung von Arnold, damals Student der Zahnmedizin, ein Treffen statt. Die Stasi war mit dabei, wurde vom inoffiziellen Mitarbeiter (IM) Maria informiert, die Oppositionellen standen unter Beobachtung: „Wir ahnten die Bespitzelung, änderten kurzfristig den Ort und trafen uns eine Stunde später in der Wohnung von Jochen Läßig erneut. Mitternacht verließen wir die Wohnung und gingen zum vereinbarten Treffpunkt, um die Flugblätter abzuholen. Es waren sechs Gruppen mit jeweils zwei Personen, jede Gruppe hatte einen anderen Stadtbezirk, in dem verteilt wurde.“

Mit diesem Flugblatt rief die „Initiative zur demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft“ zu einem Schweigemarsch am 15. Januar 1989.. Quelle: Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Obwohl die Staatssicherheit von der Aktion wusste, konnte man die Verteilung nicht verhindern, wie auch der Leiter der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit auf einer späteren Dienstkonferenz einräumte. Am 12. Januar, 3.30 Uhr, wurden die Bürgerrechtler Carola Bornschlegel und Udo Hartmann verhaftet. Ein Leipziger Bürger (IM für die Transportpolizei) hatte sie bei der Flugblattaktion beobachtet und die Polizei informiert. Am Vormittag ging bei der Leipziger Stasizentrale ein Fernschreiben der für die Auslandsspionage zuständigen Hauptabteilung Aufklärung ein. Es enthielt einen Bericht von IM Helmut (Mitglied der auch Schwabe angehörenden Initiativgruppe Leben), der selbst Flugblätter verteilt hatte und gezielt auf die Oppositionellen angesetzt war. Der Bericht enthielt den detaillierten Ablauf und die Namen der beteiligten Personen. Am Nachmittag des 12. Januar wurde Schwabe festgenommen und an den beiden folgenden Tagen weitere Flugblattverteiler.

Am Leuschnerplatz stoppte die Polizei den Protestzug

Die Demonstration fand am 15. Januar dennoch statt. 800 Teilnehmer trafen sich am Markt. Fred Kowasch hielt kurz nach 16 Uhr eine Rede: „Wir haben uns hier versammelt, um an den 70. Jahrestag der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts zu erinnern. Sie wurden verfolgt, weil sie sich nachdrücklich für gesellschaftlichen Fortschritt einsetzten. Wir wollen ihrer mit einem Schweigemarsch gedenken. Aber bevor wir schweigen, werden wir reden, und zwar von erneuten massiven staatlichen Eingriffen in die Freiheit der Persönlichkeit.“ Kowasch benannte die Verhaftungen, dieses Vorgehen verdeutliche, dass zur Zeit grundlegende Artikel der DDR-Verfassung außer Kraft gesetzt seien: „Ein Sozialismus ist ohne die uneingeschränkte Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit nicht möglich.“ Der Protestzug kam bis zum Leuschnerplatz, dem Stopp seitens der Polizei folgte mittels Lkw die sogenannte Zuführung von Demonstranten über 24 Stunden. Fred Kowasch wurde am 16. Januar verhaftet.

Am 15. Januar hatten in Wien Freunde der Charta 77 und aus Polen eine „Erklärung der polnisch-tschechoslowakischen Solidarität“ zu den Ereignissen in Leipzig veröffentlicht. Hier fand gerade das 3. KSZE-Folgetreffen statt, auch die DDR wollte die Unterschrift leisten, mit der sie die Einhaltung der Menschenrechte versichert. US-Außenminister Shultz und Bundesaußenminister Genscher sprachen die Verhaftungen in Leipzig an. Schwabe: „Das war ein Schlag ins Gesicht der DDR-Führung. Am 19. Januar, dem letzten Tag des Treffens in Wien, wies Mielke Leipzigs Stasi-Chef Hummitzsch an, die inhaftierten Bürgerrechtler zu entlassen, die Ermittlungsverfahren sollten aber weiter bearbeitet werden.“ Beim Friedensgebet am 23. Januar in St. Nikolai dankte Michael Arnold im Namen aller zeitweilig Verhafteten und verlas trotz laufender Ermittlungsverfahren eine Erklärung, dass man auch künftig Menschenrechtsverletzungen in der DDR anprangern werde. Am 25. Januar wurden auf Weisung von Erich Honecker die Ermittlungsverfahren eingestellt.

Schwabe heute: „Die Ereignisse um den 15. Januar stellten eine neue Qualität des Widerstand dar. Wir wussten, dass der SED-Staat nicht allmächtig ist.“

An die wichtigsten Ereignisse des Wendejahres 1989 in Leipzig wird die LVZ in den kommenden Wochen und Monaten erinnern.

Von Thomas Mayer

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