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Lokales Vorsitzender des Leipziger Paulinervereins zieht ernüchterndes Fazit
Leipzig Lokales Vorsitzender des Leipziger Paulinervereins zieht ernüchterndes Fazit
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11:33 03.06.2019
Ulrich Stötzner hat den Vorsitz des Paulinervereins abgegeben. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Um beim 168 Mitglieder starken Paulinerverein neue Impulse möglich zu machen, hat der bisherige Vorstandsvorsitzende Ulrich Stötzner seinen Platz geräumt. Er legt das Amt nach 15 Jahren auf eigenen Wunsch nieder. In seiner Zeit entstand das Paulinum, kehrten viele der Kunstwerke, die aus der 1968 gesprengten Paulinerkirche gerettet werden konnten, an den Augustusplatz zurück. Doch das Fazit, das der promovierte Geophysiker zieht, fällt durchwachsen aus.

Innenraum lässt zu wünschen übrig

In Ihrer Abschiedsrede waren fatalistische Töne zu hören. Warum?

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Es waren ja nicht nur fatalistische Töne zu hören. Die Tatsache, dass heute am Augustusplatz eine neue Pau­linerkirche steht, ist das eigentliche Wunder von Leipzig. Dass der Innenraum noch Wünsche offen lässt, ist ein anderes Thema.

Neuer Vorsitzender des Paulinervereins bricht mit einem Tabu

Der neue starke Mann an der Spitze des Paulinervereins heißt Detlef Grösel. Der Architekt war bei der 1992 gegründeten Initiative schon einmal stellvertretender Vorsitzender. Der 73-Jährige saß zu DDR-Zeiten wegen seiner Kritik an der Sprengung der alten Paulinerkirche und wegen eines gescheiterten Fluchtversuchs monatelang in Isolationshaft und wurde nach über einem Jahr weiterer Haft von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. In seiner Antrittsrede nannte er den Nachfolgebau der gesprengten Kirche „Paulinum“ und brach damit ein Tabu bei den Paulinern, die das neue Gebäude bislang immer als „Neue Paulinerkirche“ bezeichneten. Zudem streckte er der Stadt und der Universität seine Hand entgegen: Er erinnere sich daran, dass es mit deren Leitung „eher gute und konstruktive als schlechte Gespräche“ gab, sagte er. Das Paulinum sei „eine würdige Erinnerungsstätte“ geworden und „besonderer Dank“ gebühre dafür „der Rektorin und den Rektoren, die dazu beigetragen haben, etwas Besonderes entstehen zu lassen“, so Grösel. Nichtsdestotrotz verschickte der Verein nach der Vorstandswahl eine Erklärung, wonach „die Restaurierung und die Aufstellung der Kanzel“ in dem Neubau weiter Priorität haben würden.

Die Universität befürchtet, dass die 1968 aus der alten Paulinerkirche gerettete Kanzel die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit in dem neuen Gebäude nicht verträgt. Hierzu werden Messungen durchgeführt. Es gebe Anzeichen dafür, dass die Luft zu trocken sein könnte, hieß es seitens der Uni.

Was meinen Sie damit?

Wir wollten am Anfang die originalgetreue, historische Lösung und erhielten eine historisierende Selbstgefälligkeit. Ein schlichterer Innenraum entspräche besser dem Charakter des verloren gegangenen Vorgängerbaus. Es ist deprimierend, wenn trotz aller Energie, die man in ein solches Projekt investiert, das Ergebnis unbefriedigend ausfällt. Doch der Zuspruch eines großen Teils der Leipziger Bevölkerung und wichtiger Persönlichkeiten wie Helmut Kohl, Wolfgang Thierse, Erich Loest oder Herbert Blomstedt hat mir sehr geholfen.

Sie halten die hängenden Glassäulen und die Glaswand für fehl am Platz?

Der Innenraum der Kirche, so wie er jetzt aussieht, wurde von der Architekturkritik schon mit dem „Charme eines sowjetischen Standesamtes“, „postmoderner Neurussenschick“ oder ganz einfach „teurer Kitsch“ bedacht. Vor zwei Wochen habe ich auf der Tagung „Baukultur in der Stadterneuerung“ in Mainz einen Vortrag über den Wiederaufbau der Universitätskirche gehalten. Als ich ohne Kommentar ein Bild vom Kirchenschiff mit den abgesägten Glas-Hänge-Leuchtsäulen zeigte, hat der ganze Saal gelacht.

Auseinandersetzungen mit Unileitung

Wie konnte das geschehen? In der Juryentscheidung für den Siegerentwurf des Neubaus war doch festgelegt, dass die Paulinerkirche im Inneren wieder so entstehen sollte, wie sie einmal war.

Der Entwurf wurde auf Verlangen der Universitätsleitung verändert.

Wie Ihre Vorgänger mussten auch Sie bei der Alma mater dicke Bretter bohren. Denn die Leitung der Uni hat ganz andere Vorstellungen von der Nutzung der neuen Paulinerkirche. Woran liegt das?

Die Universität will den Innenraum in einen weltlichen und in einen geistlichen Teil trennen, obwohl in der Ausschreibung formuliert war, dass der Gesamtraum sowohl als Aula als auch als Kirche genutzt werden soll. Eine Trennung des Raumes war nicht beabsichtigt.

"Die Unikirche lebt"

Manche Ihrer Mitglieder meinen, heute wäre ein Neubau wie dieser in Leipzig gar nicht mehr möglich, weil die öffentliche Meinung noch weiter nach links gerückt ist.

Ja. Deshalb bin ich dankbar, dass die Kirche jetzt so steht.

Im Streit um die Rückkehr der alten Paulinerkanzel in den Neubau scheinen die Fronten noch immer verhärtet, obwohl sie im Entwurf des niederländischen Architekten Erick van Eggerat enthalten war.

Für mich ist das nur eine Frage der Zeit. Jede Universitätsleitung, die sich in Zukunft dieser kulturhistorischen Aufgabe widersetzt, disqualifiziert sich selbst. Zumal dies keine finanzielle Frage ist.

Sie wollten auch die Etzoldsche Sandgrube öffnen lassen, wo die Reste der einst in der gesprengten Paulinerkirche bestatteten Toten und deren Epitaphien liegen sowie die Steine und das Gewölbe des Altbaus. Was wird daraus?

Ich wollte erreichen, dass Teile aus dem Altbau in den Neubau integriert werden. Und ich wollte, dass die Überreste der Toten würdig bestattet werden. Die Öffnung der Deponie ist durch die Einrichtung des „Gedenkortes“ zunächst verbaut.

Hat sich Ihre Arbeit von 15 Jahren gelohnt?

Im Jahr 2008 haben wir zum 40. Jahrestag der Sprengung der alten Paulinerkirche bei einer kleinen Demo ein Transparent mit der Aufschrift „Die Universitätskirche wird leben“ getragen. Die Unikirche lebt. So war unser Tun doch nicht umsonst.

Von Andreas Tappert