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Lokales Wackelt Leipzigs Polen-Geschäft?
Leipzig Lokales Wackelt Leipzigs Polen-Geschäft?
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00:29 25.03.2018
Danzig ist nicht nur eine Reise wert – in der alten Handelsstadt an der Ostsee lassen sich auch gute Geschäfte machen, zum Beispiel mit Fernwärme.
Danzig ist nicht nur eine Reise wert – in der alten Handelsstadt an der Ostsee lassen sich auch gute Geschäfte machen, zum Beispiel mit Fernwärme. Quelle: Klaus Staeubert
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Leipzig

Der polnische Staatskonzern PGE ist offenbar stärker an den polnischen Beteiligungen der Stadtwerke Leipzig interessiert als bislang bekannt: Nachdem die PGE bereits im November ein erstes Kaufinteresse signalisiert hat, liegt seit 7. März ein zweites Angebot vor – über das der Aufsichtsrat der Stadtwerke am Donnerstag auf einer Sondersitzung berät. Beteiligte berichten, der polnische Staatskonzern entfalte intern einen gewissen Druck, um die Leipziger zu einem Verkauf zu bewegen. Wie berichtet, kontrolliert die PGE bereits mehr als die Hälfte der Strom- und Heizwärme-Erzeugung in Polen. Sie hat von der konservativen polnischen Regierung den Auftrag erhalten, die Energiebranche des Landes zu „re-polonisieren“, also wieder in polnische Hände zu bringen. Im vergangenen Jahr hat die PGE für eine Milliarde Euro alle polnischen Firmen des französischen Energieriesen EDF erworben – darunter auch ein Heizkraftwerk in Danzig, von dem die Leipziger Stadtwerke-Tochter GPEC ihre Heizwärme bezieht.

Gewinneinbußen drohen

Auch die jüngste Offerte der PGE hat offiziell nur den Status eines „unverbindlichen Kaufangebots“ – vor allem deshalb, weil der Staatskonzern noch nicht die Bücher der GPEC einsehen durfte. Dem Vernehmen nach will sich die Stadtwerke-Geschäftsführung am Donnerstag vom Aufsichtsrat die Genehmigung einholen, mit den Polen ernsthafte Gespräche aufzunehmen. Weil die GPEC bislang jährlich rund zehn Millionen Euro netto als Gewinn nach Leipzig überweist, ist die Verkaufsneigung in Leipzig gering. Dies wissen die Polen und sollen den Leipzigern signalisiert haben, dass sie auch einen Verkauf erzwingen könnten – indem sie die Preise für den Bezug von Fernwärme aus ihrem Heizkraftwerk in Danzig deutlich erhöhen und so die Gewinnmargen der GPEC verringern.

Kolportiert wird auch, die polnische Regulierungsbehörde könne die Fernwärmepreise auf einem niedrigen Niveau einfrieren, was bei der Stadtwerke-Tochter ebenfalls zu empfindlichen Gewinneinbußen führen würde. „Sie haben uns wissen lassen, dass wir jetzt noch einen guten Verkaufspreis bekommen“, so ein Beteiligter. „Später gebe es viel weniger – etwa die Hälfte.“ In Leipzig wird der Wert der polnischen Beteiligungen mit rund 150 Millionen Euro beziffert.

Rathaus will nicht verkaufen

Angesichts dieser Signale aus Polen glauben derzeit in Leipzig nur noch wenige, dass der jährliche Zehn-Millionen-Euro-Gewinn noch lange aus Polen fließen wird. Doch die PGE soll bislang nur einen Kaufpreis von „deutlich unter 100 Millionen Euro“ für die polnische Stadtwerke-Beteiligung geboten haben – allerdings mit dem Hinweis, man könne auch „noch etwas höher gehen“. Im Rathaus war am Mittwoch eine Summe von 110 Millionen Euro zu hören. Im Aufsichtsrat regt sich dagegen Widerstand: Wenn die Polen den Fernwärmepreis nach unten regulieren, würden sie sich ins eigene Fleisch schneiden, heißt es dort. Denn dieser regulierte Preis würde dann für ganz Polen gelten – und so auch der PGE erhebliche Verluste bescheren. Die GPEC sei kein Verkaufskandidat, heißt es deshalb trotzig. Auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) soll die 110-Millionen-Offerte als „wirtschaftlich nicht interessant“ einstufen, wird berichtet.

Von Andreas Tappert