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Lokales Warum studieren noch immer so wenige Frauen technische Fächer?
Leipzig Lokales Warum studieren noch immer so wenige Frauen technische Fächer?
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06:54 16.05.2019
„MINT ohne Frauen?“ Für das Podium gestern in der HTWK galt diese Überschrift der Diskussionsrunde jedenfalls nicht: Claudia Bade, Eva-Maria Stange, Gesine Grande, Helene Götschel, Mechthild Koreuber und Franziska Pestel (von links). Quelle: André Kempner
Leipzig

Es ist ein Kalauer, der auf einer handelsüblichen Comedy-Bühne bestens funktioniert. „Frauen und Technik“ – schon lacht der halbe Saal, weil ja beides angeblich nicht zusammenpasst. Ein Klischee, das mitverantwortlich an einer Situation sein dürfte, die Gesine Grande, Rektorin der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK), am Mittwoch bei einem Kolloquium dort zur Chancengleichheit, mit Daten aus dem eigenen Haus veranschaulicht hat: Lediglich zehn Prozent der Studierenden an der Fakultät für Elektro- und Informationstechnik sind weiblich. An den Fakultäten für Informatik, Mathematik und Naturwissenschaften sowie für Maschinenbau und Energietechnik dominieren die Männer ebenfalls mit jeweils 84 Prozent.

„Unsere Zahlen machen uns nicht glücklich“, sagt Grande. Und sie stehen im Widerspruch zum Versuch seit Jahrzehnten, mit Gleichstellungsprogrammen mehr Ausgewogenheit in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – in den sogenannten MINT-Fächern – zu erreichen. „Warum bleibt der MINT-Bereich so uninteressant für junge Frauen? Was übersehen wir?“, fragt sich die Professorin – sich und ihre Kolleginnen auf dem Podium.

Für Eva-Maria Stange (SPD), sächsische Wissenschaftsministerin, greift das „strukturelle Problem“ tiefer als nur bis zu den Hochschulen. Den Grundstein lege der weiterführende Schulunterricht: „Im Kindergarten und in der Grundschule ist das Interesse von Jungen und Mädchen an Naturwissenschaften und Technik noch gleich. Doch mit dem Physikunterricht treiben wir den Mädchen die Freude daran aus.“ Stange war ursprünglich selbst Mathe-/Physik-Lehrerin. Schuld seien Lehrpläne, die technische Details in den Vordergrund rückten. „Mädchen wollen aber eher Phänomene verstehen.“

Ein Frauenstudiengang aus Berlin

An der Uni Paderborn, wo Franziska Pestel das Projekt „Frauen gestalten die Informationsgesellschaft“ leitet, binden sie daher bereits in Schnupper-Studienangeboten technische Fragen in gesellschaftliche Zusammenhänge ein: „Was bedeutet es, wenn wir alle mit Elektro-Autos fahren?“, führt die Soziologin ein Beispiel an. Eine andere Strategie nennt Helene Götschel, die an der Hochschule Hannover eine Professur für Gender in Ingenieurwissenschaften und Informatik innehat: Bindestrich-Studiengänge wie „Medien­design-Informatik“. Der Inhalt sei zu vier Fünfteln Informatik, „trotzdem stieg der Frauenanteil von fünf auf 40 Prozent“.

Mechthild Koreuber, Frauenbeauftragte der Freien Uni Berlin, berichtet von einem Erfolgsmodell aus ihrer Stadt: Seit zehn Jahren bietet die dortige Hochschule für Technik und Wirtschaft den reinen Frauenstudiengang „Informatik und Wirtschaft“ an. „Die Abschlussquote ist hoch. Die Absolventinnen sind bei den Industrieunternehmen überaus gefragt.“ Ob das auch ein Modell für Sachsen sei, fragt Moderatorin Claudia Bade vom Hochschuldidaktischen Zentrum des Freistaats. „Nur wenn wir den Studiengang dann wirklich anders gestalten und zuvor wissen, wie“, antwortet Ministerin Stange. „Er müsste dann auch für Männer offen sein und dürfte auf keinen Fall im Ruch stehen, dass man leichter reinkommt und einfacher einen Abschluss kriegt.“

Freiheit der Wissenschaft

Ebenso wenig möchte HTWK-Rektorin Grande einen Frauenstudiengang „von oben“ verordnen. „Ich sehe unsere Aufgabe eher darin, gleiche Chancen für Studentinnen und Studenten herzustellen.“ Also doch lieber eine Form der Lehre finden, die weniger auf männlich konnotierte Detailverliebtheit und stärker auf einen ganzheitlichen Blick fokussiert ist, wie er eher Frauen zugeschrieben wird?

In diesem Ziel ist sich die Runde einig, stößt aber ans nächste Hindernis: „Die Wissenschaft ist aus gutem Grund frei“, sagt Stange. Grande fügt an, dass die Freiheit der Lehre sowohl das Verhältnis zwischen Staatsregierung und Hochschulen wie auch zwischen Rektorat und Lehrkörper bestimme. So ganz folgenlos, findet wiederum die Ministerin, seien die Gleichstellungsversuche der vergangenen Jahrzehnte aber auch wieder nicht geblieben. Im Verbund mit einem allmählichen Kulturwandel in Geschlechterfragen: „Wir sind einen deutlichen Schritt weitergekommen. Und die Studentinnen haben heute ein viel stärkeres Selbstbewusstsein.“

„Frauen und Technik“: Vielleicht blickt ein Komiker eines Tages nur noch in ratlose Gesichter, wenn er sich an dieser Pointe versucht.

Von Mathias Wöbking

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