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Was macht Corona mit uns? Gedanken einer Leipziger Psychologin und eines Philosophen

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11:39 30.11.2020
Jirko Krauß, Praktischer Philosoph, und Katarina Stengler, Chefärztin der Helios Park-Klinik Leipzig für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, im LVZ-Gespräch über die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie.
Jirko Krauß, Praktischer Philosoph, und Katarina Stengler, Chefärztin der Helios Park-Klinik Leipzig für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, im LVZ-Gespräch über die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie. Quelle: André Kempner/Christian Hüller/ Montage: Patrick Moye
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Wie begegnen wir einer noch nie dagewesenen Krise? Durchhalten. Solidarisch sein. Das sind die Mantren der Stunde. Ansonsten: Viele Fragezeichen mit Blick auf die Zukunft.

Dr. Katarina Stengler und Dr. Jirko Krauß beschäftigen sich in ihrem Alltag häufig mit der Pandemie und ihren Folgen – wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie ist Chefärztin der Helios Park-Klinik Leipzig für Psychatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Er betreibt eine philosophische Praxis unweit der Karl-Liebknecht-Straße.

Die LVZ hat sie einzeln zum Gespräch gebeten und gefragt, wie das Virus unser Leben bereits geprägt hat, noch bestimmt und weiter begleiten wird. Zwei Blickpunkte auf eine Welt im Ausnahmezustand.

Was macht es mit uns, nicht zu wissen, wann die viel beschworene Normalität zurückkehrt?

Die Psychiaterin: Wir hängen in einer Schleife. Wissenschaft und Medien sprechen von Wellen, die signalisieren, dass es keinen Plan gibt, der ein Ende anzeigt – und jetzt haben wir den zweiten Teil-Lockdown. Und der ist anders als der erste. Im Frühjahr waren alle gleichermaßen getroffen. Die Solidarität war groß, genauso wie der Aktionismus. Inzwischen sortiert sich das auseinander. Es setzen Gewohnheitsprozesse ein, die gut sein können, aber nicht müssen. Wichtig ist in jedem Fall zu begreifen, dass es noch eine Form der Normalität gibt, beruflich oder familiär. Die Regeln und Normen in diesen Bereichen verändern sich nicht. Das soziale Miteinander kann individuell aufrechterhalten werden. Auch in Kriegen haben Eltern mit ihren Kindern gespielt, obwohl sie sicher andere Dinge im Kopf hatten.

Der Philosoph: Die Menschen stecken in sehr unterschiedlichen Situationen – in Bezug auf die Arbeit, finanziell, das soziale Netzwerk, Kinder, Alter, Gesundheit. Menschen begegnen solch einem Ausnahmezustand dementsprechend auch sehr verschieden. Bei manchen kommen Befürchtungen auf, mitunter Angst. Viele funktionieren einfach weiter wie bisher, vielleicht unter größerem Druck. Andere ziehen sich zurück. Und dann gibt es natürlich noch diejenigen, die für alles Sündenböcke suchen. Allerdings beschäftigen sich auch einige mit sich selbst, fangen vielleicht an, die eigene Lebensweise zu hinterfragen und neue Prioritäten zu setzen. Und so möchte ich zurückfragen: Ist es denn jede Normalität wert, dass man in sie zurückkehrt?

„Unsere soziale Gemeinschaft hält uns zusammen. Wenn die allerdings außer Kraft gesetzt wird, ist das fatal“, sagt die Psychiaterin Dr. Katarina Stengler. Quelle: André Kempner

Wir leben gerade in zwei Welten – unserer eher friedlichen privaten im Lockdown und der globalen, gebeutelt von der Pandemie. Wie händeln wir das?

Der Philosoph: Wie stellen Sie denn dieses Phänomen fest? Zudem ist es fraglich, ob das Privatleben für viele tatsächlich so friedlich ist. So ein Rückzug ins Private muss auch nicht zwangsläufig zu politischer Gleichgültigkeit und ins Ressentiment führen. Der Rückzug ins Private – und das meine ich nicht moralisch – heißt oftmals auch, andere machen zu lassen.

Die Psychiaterin: Die Wahlen in Amerika, Terror, Corona und andere Schreckensszenarien sind da und das darf überfordern. Das ist ganz normal. Wir leben nicht auf einer Insel. Was dabei wichtig ist: Zeiten, in denen wir uns ganz bewusst abgrenzen und die Öffentlichkeit keinen Platz hat. Immer erreichbar zu sein, ist psychisch herausfordernd.

Was lernen wir, die Gesellschaft, über uns in so einer Krise?

Die Psychiaterin: Es ist generell ein Irrtum zu glauben, dass die Welt unter Kontrolle ist. Sie ist schicksalhaft. Wir stoßen immer wieder an unsere Grenzen der eigenen Einflussnahme. Aber unsere soziale Gemeinschaft hält uns zusammen. Wenn die allerdings außer Kraft gesetzt wird, ist das fatal. Und das passiert gerade wieder. Umso wichtiger ist es, Menschen in so einer Phase mitzunehmen. Das ist Aufgabe der Politik. Sie muss transparent sein, nachvollziehbar. Das hat nicht funktioniert. Hier sieht man deutlich, dass der Föderalismus unseres Landes auch Nachteile hat.

Der Philosoph: Wir kommen an allen Ecken und Enden zu Erkenntnissen und erfahren außerdem etwas über den Umgang mit persönlicher, gesellschaftlicher und politischer Ambivalenz und Mehrdeutigkeit. Das gelingt recht unterschiedlich. Was nehmen wir davon mit? Das kommt darauf an, wie aufmerksam und bereitwillig wir sind, etwas über uns selbst zu lernen. Zumindest kommen gewisse Aspekte jetzt ins Bewusstsein und werden diskutiert, etwa der Wert von Kultur und Kulturschaffenden, von Medizinern und Pflegenden.

Und persönlich?

Die Psychiaterin: Jeder Mensch geht anders mit Krisen um. Man verspürt Angst, Sorge, ein schlechtes Gewissen, Wut. Es entsteht die Frage nach der Schuld an der Situation – und die kann sich in zwei Richtungen entwickeln. Manche suchen „den Schuldigen“ draußen, externalisieren, versuchen die Verantwortung an einen Dritten abzugeben. Gefährliche Stimmen rufen nach „denen da oben“, „der Elite“. Wenn wir Schuld nach innen richten, internalisieren, dann suchen wir sie bei uns und landen damit bei Gedanken wie „Hoffentlich habe ich nichts falsch gemacht“. Beide Typen verbindet eine gewisse Ohnmacht.

Der Philosoph: Wenn man annimmt, dass nicht jede allgemeine Krise auf gesellschaftlicher Ebene zwangsläufig eine persönliche Krise nach sich zieht, dann könnten wir vielleicht etwas sparsamer mit dem Begriff umgehen. Und nur teilweise hat diese Krise primär etwas mit Corona zu tun. Wir sehen und wissen, dass Corona vieles nur zum Vorschein bringt oder verstärkt, was vorher schon da war. Wie wir damit umgehen ist eine Frage der eigenen Haltung, der Besonnenheit und Klugheit. Dazu gehört auch die ernstzunehmende Frage, ob das Glück überhaupt in unserer bisher gelebten Normalität anzutreffen war.

Philosoph Dr. Jirko Krauß antwortet gerne mit Fragen, wie etwa: „Ist das Glück überhaupt in unserer bisher gelebten Normalität anzutreffen?“ Quelle: André Kempner

Inwieweit wird die Corona-Krise unsere Zukunft miteinander mitprägen?

Die Psychiaterin: In unserer Klinik müssen wir darüber nachdenken, wie wir langfristig zurechtkommen. Und vor allem, welche positiven Neuerungen der letzten Monate wir beibehalten. Die Krise hat uns alle gezwungen, uns zu verändern. Und in Hinblick auf die soziale Gemeinschaft: Einander nah zu sein, ist so tief in unseren evolutionären Strukturen verwurzelt, dass wir uns darauf besinnen können. Das verschwindet nicht. Deshalb wäre auch mein Appell: Auch wenn die Zukunft unsicher ist und damit auch ihre Pläne – machen Sie welche! Langfristig, mittelfristig, kurzfristig – egal.

Der Philosoph: Das ist die spannende Frage. Wir stecken mittendrin und wissen nicht, was noch kommen wird. Gelingt es uns aufgrund der Erfahrung, ein stärkeres Bewusstsein für unsere Endlichkeit und unsere Verletzlichkeit zu entwickeln? Das könnte womöglich dazu beitragen, für chronische Krisen unserer Zeit wie dem Klimawandel ein gewisses Engagement zu entwickeln – zumindest ein Verständnis für Notwendigkeiten. Es geht nicht nur darum wie wir denken, sondern auch darum wie wir handeln.

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Von Lisa Schliep und Pauline Szyltowski