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Lokales Was macht der Leipziger Löwe im Jerusalemer Stadtwappen?
Leipzig Lokales Was macht der Leipziger Löwe im Jerusalemer Stadtwappen?
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22:00 08.01.2017
In Leipzig begann Henri Friedlaender Anfang der 1930er-Jahre, an einer modernen hebräischen Schrifttype zu arbeiten. Die Skizze  trägt noch deutschsprachige Anmerkungen. Seit 1958 ist die „Hadassah“ eine der meistgebrauchten Schriften in Israel.
In Leipzig begann Henri Friedlaender Anfang der 1930er-Jahre, an einer modernen hebräischen Schrifttype zu arbeiten. Die Skizze trägt noch deutschsprachige Anmerkungen. Seit 1958 ist die „Hadassah“ eine der meistgebrauchten Schriften in Israel. Quelle: Foto: Eli Poster
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Leipzig

Was hat Leipzig mit dem Stadtwappen von Jerusalem zu tun? Oder mit der hebräischen Schrift und Buchkunst? Seit mehreren Jahren erforscht die Israelin Ada Wardi das Leben von drei Grafikdesignern, die die Gestaltung von Büchern, Zeitungen, Emblemen und Logos in Israel maßgeblich geprägt haben, bis zu ihrem Tode aber für eine breite Öffentlichkeit weithin unbekannt geblieben waren. Ihr Werk würdigte die 47-Jährige in einer Ausstellung, die in diesem Jahr erstmals im Ausland zu sehen sein wird – und zwar in Leipzig.

Anlässlich der Jüdischen Woche will das Druckkunstmuseum ab Juni „New Types. Drei Pioniere des hebräischen Grafikdesigns“ präsentieren. Die Schau, die zum 50-jährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel vom Oktober 2015 bis Juni 2016 im Israel-Museum in Jerusalem zu sehen war, beleuchtet nicht nur das künstlerische Schaffen, sondern auch die Lebenswege von Franzisca Baruch, Henri Friedlaender und Moshe Spitzer. Alle drei hatten ihr Handwerk in Deutschland gelernt, in Berlin beziehungsweise Leipzig studiert und gearbeitet. Alle drei flohen in den 1930er-Jahren vor den Nationalsozialisten und begannen in Israel ein neues Leben.

Es gab in Israel keine Forschung zum Grafikdesign – bis Ada Wardi vor sieben Jahren begann, sich für diese ganz spezielle Geschichte ihres Landes zu interessieren. Es fing damit an, dass sie in einem Keller in Jerusalem den Nachlass des Verlegers Moshe Spitzer (1900-1982) entdeckte. „Spitzer war ein guter Freund meines Vaters“, erzählt die in Tel Aviv lebende Grafikerin, die an einer Hochschule in Haifa Buchdesign lehrt und als Art Director für einen großen Verlag arbeitet. In unzähligen Pappkartons stieß sie auf jede Menge wertvoller Zeitdokumente, neben Manuskripten von Stefan Zweig und Hermann Hesse befanden sich darin auch Briefe des Verlegers Salman Schocken, für den Spitzer bis 1939 in Berlin tätig war und in Leipzig drucken ließ, sowie Hinweise auf Franzsica Baruch und Henri Friedlaender. „Alle drei haben eine sehr enge Beziehung zur deutschen Kultur“, berichtet Wardi. Sie standen unter dem besonderen Einfluss von Expressionismus und Bauhaus.

Franzisca Baruch (1901-1989) entwickelte den Titel der „Haaretz“, einer der bedeutendsten Tageszeitungen in Israel. Der von ihr kreierte Schriftzug ist auch heute nach über 80 Jahren unverändert das Markenzeichen des Blattes. Aus Baruchs Feder stammt ebenso das Design für den Einband des israelischen Passes, der bis in die 1980er Jahre gedruckt wurde. Für Jerusalem entwarf sie das Stadtwappen. Der Löwe darin hat frappierende Ähnlichkeit mit dem im Leipziger Wappen: die aufrechte fauchende Haltung, der gebogene Schwanz, die ausgefahrenen Krallen. „Er erschien den Stadtvätern jedoch zu aggressiv“, sagt Wardi. Die Künstlerin modifizierte ihn daraufhin leicht, gestaltete ihn etwas gezähmter.

Allein diese Arbeit zeigt, wie tief verwurzelt Baruch mit der Kultur jenes Landes war, das sie nach dem unaufhaltsamen Aufstieg der Nazis 1933 verließ. Ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Juden ihrer Zeit teilte – so auch mit Henri Friedlaender (1904-1996). In Frankreich als Sohn eines deutsch-jüdischen Textilhändlers und einer britischen Künstlerin geboren, kam er 1925 nach Leipzig. Durch Briefe fand Wardi seinen Leipziger Wohnsitz heraus. Er lebte in der Querstraße 12d, studierte an der heutigen Hochschule für Grafik und Buchkunst und erwarb dort den Meistertitel als Schriftsetzer. Friedlaender arbeitete bis 1932 in der berühmten Buchdruckerei und Schriftsetzerei Haag Drugulin in der Salomonstraße, die nicht zuletzt wegen ihres umfangreichen orientalischen Schriftsatzes einen weltweit herausragenden Ruf genoss. Friedlaender begann hier, eine neue, moderne hebräische Schrifttype zu entwickeln. Er war Perfektionist. Erst 1958, fast drei Jahrzehnte später, stellte er seine „Hadassah“ fertig. „Eine sehr klare Schrift“, beschreibt Wardi die Form, „ganz ohne Schnörkel.“ Die Schrift ist bis heute eine der gebräuchlichsten in israelischen Druckereien, wie auch die Frank-Ruehl. Benannt nach dem Kantor Raphael Frank, der diesen hebräischen Schrifttypus 1909 in Leipzig kreierte und in der Leipziger Gießerei C.F. Ruehl fertigen ließ. Sie wurde zur Standardschrift der zionistischen Bewegung und zählt auch im Computerzeitalter zu den am meisten verwendeten Schriften des modernen Ivrit.

Bei Haag Drugulin gab damals auch Moshe Spitzer viele Aufträge in Druck. Ab 1933 gestaltete er etwa die 83-teilige „Schocken-Bücherei“ mit den besten Werken der jüdischen und deutschen Literatur in hebräischer Sprache. „Es ist“, staunt die Leiterin des Druckkunstmuseums, Susanne Richter (51), „als sähe man die Insel-Bücherei vor sich liegen.“ 1939, als die Nazis den Schocken-Verlag schlossen, emigrierte auch Spitzer nach Palästina und gründete in Jerusalem 1940 seinen eigenen Verlag Tarshish.

Zur Vorbereitung der Schau kam Wardi jetzt nach Leipzig. „Das Druckkunstmuseum ist der perfekte Ort für die Ausstellung“, schwärmt sie. Die Schriften, sagt sie, kehrten dahin zurück, wo viele von ihnen entstanden: zu den Druckmaschinen in Leipzig. „Damit“, so die Israelin, „schließt sich der Kreis.“

„Mit dieser Ausstellung“, hebt Museumsleiterin Richter hervor, „wollen wir einen bislang wenig beachteten Kulturtransfer zwischen Deutschland und Israel in den Blick nehmen und dabei vor allem die Bedeutung und Vorbildfunktion Leipzigs in der Typografie und der Buchkunst im 20. Jahrhundert herausarbeiten.“ Die Schau, die in Deutschland nur in Leipzig zu sehen sein wird und für deren Realisierung das Museum noch etwas Unterstützung durch Sponsoren braucht, richte sich nicht nur an Buch- und Typografie-Liebhaber, sondern auch an eine breitere kulturgeschichtlich interessierte Öffentlichkeit.

New Types. Drei Pioniere des hebräischen Grafik-Designs. 18. Juni bis 17. September im Druckkunstmuseum, Nonnenstraße 38. Wer die Realisierung unterstützen will, kann sich per Telefon 0341 2316221 oder E-Mail an info@druckkunst-museum.de melden.

Von Klaus Staeubert