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Was spricht gegen eine Impfung? Leipziger Arzt nimmt umstrittene Thesen unter die Lupe

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14:03 26.11.2021
Porträt von Arzt Dr. Thomas Lipp in seiner Praxis in Leipzig.
Porträt von Arzt Dr. Thomas Lipp in seiner Praxis in Leipzig. Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Der Leipziger Arzt Dr. Thomas Lipp hat sich mit den Gegenargumenten von Impfskeptikern auseinandergesetzt. Das sind seine Antworten:

Annahme 1: Es können sich auch Geimpfte infizieren. Warum soll ich mich also impfen lassen?

Dr. Thomas Lipp: Stimmt. Wer behauptet, dass die Impfung komplett und hundertprozentig vor einer Ansteckung schützt, redet Unsinn. Es war ein großer Fehler, dass das manchmal anders kommuniziert wurde. Es ist bei allen Impfungen so, auch bei der gegen die Grippe: Sie schützen in erster Linie vor einem schweren Verlauf. Bei alten Menschen macht das enorm viel aus. Ein 80-Jähriger ohne Impfschutz hat eine dreißigmal höhere Chance, an Corona zu sterben. Aber auch junge Menschen sollten sich impfen lassen: Weil sie manchmal auch einen schweren Verlauf haben. Oder, weil sie unentdeckte schwere Erkrankungen haben können und damit zu den sehr gefährdeten. Und, weil sie zu potenziellen Überträgern werden und ältere Menschen gefährden. Ein Geimpfter hat eine bis zu zehnmal geringere Viruslast, ist also weniger ansteckend. Wenn man bedenkt, dass in Sachsen einer von 30 Infizierten gestorben ist, kann man so zum Lebensretter werden.

Annahme 2: Für junge Menschen ist der Impfstoff gefährlicher als Corona selbst. Die Impfung ist doch eher was für Alte.

Dr. med. Thomas Lipp: Sehen wir uns die Zahlen an. Wir hatten in Deutschland bislang 110 Millionen Impfungen. Dabei kam es gesichert zu rund 50 Todesfällen im direkten Zusammenhang mit der Impfung. Das betrifft vor allem Sinusvenenthrombosen, die tatsächlich bei jungen Frauen im Zusammenhang mit Astrazeneca aufgetreten sind. Daher wird das Vakzin mittlerweile ab 60 Jahren empfohlen. Gleichzeitig kam es nach der Impfung mit Moderna vereinzelt zu Herzmuskelentzündungen bei jungen Menschen – in elf von 100.000 Fällen. Daher sollen Menschen unter 30 nur noch Biontech bekommen. Durch solche Korrekturen werden die Impfstoffe immer sicherer. Sie stehen aber in keinem Verhältnis zur Gefahr einer Corona-Erkrankung, an welcher in Deutschland bis heute mehr als 100.000 Menschen gestorben sind, auch jüngere.

Annahme 3: Der Impfstoff ist noch sehr neu und die Langzeitfolgen sind unerforscht. Wer weiß, was das mit uns macht?

Dr. med. Thomas Lipp: Weltweit wurde seit fast einem Jahr mehr als vier Milliarden Mal gegen Corona geimpft. Die Nebenwirkungen sind so selten, dass man ganz klar sagen muss: Wer sich impfen lässt, verschafft sich einen deutlichen Überlebensvorteil. Und den Vorteil, wenn überhaupt zu erkranken, dann deutlich milder und weniger lang. Und mit weniger erheblichen Langzeitfolgen. Nach acht Wochen ist der Impfstoff nicht mehr im Körper nachzuweisen, es sollten also auch keine Folgen mehr auftreten. Die neuartige mRNA-Impfung, die in die Zelle eindringt, ist auch nicht so neu. Auch herkömmliche Schnupfen-Viren dringen in Zellen des Erkälteten ein und setzen dort ihre RNA frei, um sich zu vermehren. Wir kommen täglich mit neuer Technologie in Berührung, deren Langzeitfolgen über Jahrzehnte nicht klar definierbar sind.

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Annahme 4: Ich würde mich lieber einmal infizieren, um immun zu sein. Das ist natürlicher – und die Antikörper sind auch besser.

Dr. med. Thomas Lipp: Auch ein Genesener ist so immun wie ein Geimpfter. Einige Fachleute – und auch ich – glauben, dass der Schutz nach überstandener Erkrankung sogar noch größer ist. Ich würde aber davon abraten, sich absichtlich zu infizieren. Denn Corona ist keine einfache Grippe, mit der sich die Menschheit schon seit Jahrtausenden herumschlägt und die dementsprechend schon ausgemendelt ist. Das bedeutet: Menschen mit einem anfälligen Erbgut sind daran gestorben, haben sich nicht vermehrt. Übrig sind also wir, die mit der Grippe ganz gut zurechtkommen. Aber das Corona-Virus erkennt unser Immunsystem nicht. Es ist wehrlos. Natürlich gibt es auch heute Menschen, die von Natur aus dagegen ankommen. Recht viele aber nicht. Impfen sollte sich daher jeder, auch aus Solidarität mit den Älteren. Vielleicht wird in einigen Wochen empfohlen, vor der Booster-Impfung Antikörper-Tests vorzunehmen, um herauszufinden, wie viel Schutz man noch hat.

Von Josa Mania-Schlegel