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Lokales Wie Gehörlose den Herbst ’89 erlebten
Leipzig Lokales Wie Gehörlose den Herbst ’89 erlebten
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21:21 09.09.2019
Pfarrer Heinz Weithaas beim Friedensgebet mit Gebärdensprache. Quelle: Matthias Mauersberger
Leipzig/Borsdorf

Matthias Mauersberger ist 50. Seit 2002 führt er das familiäre Handwerksunternehmen für Raumausstattung und Polsterei in Borsdorf vor den Toren Leipzigs. Er hatte das Geschäft vom Vater übernommen, der heute noch in der Werkstatt mit hilft. Über zu wenig Arbeit kann Mauersberger nicht klagen. Handwerker wie er sind gefragt. Das Handicap, von Geburt an gehörlos zu sein, meistert er beeindruckend. Wenn in diesen Tagen und Wochen der Friedliche Revolution vor 30 Jahren gedacht wird, hat Matthias Mauersberger seine eigenen Erinnerungen an den Herbst 1989 – speziell an den 9. Oktober und die folgenden Montagsdemos.

Im Oktober 89 war es noch war es mutig, so ein Plakat zu zeigen. Quelle: Matthias Mauersberger

Straßenbahn stellte Betrieb ein

In seinen Aufzeichnungen dazu heißt es unter anderem: „Jeden Montagabend fuhr ich zur Leipziger Gehörlosenschule zum Sport. Wir spielten Fußball, Volleyball oder trainierten Leichtathletik. An einem Montag, ich weiß nicht mehr das Datum, sah ich zum ersten Mal einen Demonstrationszug. Eine Woche später wollte ich wie immer montags zum Sport, als die Straßenbahn auf Grund der Menschenmenge bei einer Demonstration ihren Betrieb einstellen musste. Ich fuhr nach Hause, denn als einziger Gehörloser auf dem Platz stehen, das wollte ich auch nicht.“

Matthias Mauersberger Quelle: privat

Pfarrer Gehörlosengemeinde erklärte das Geschehen

Matthias Mauersberger besprach sich mit gehörlosen Freunden – da doch den meisten der Weg zum Sport versperrt war. „Wir besuchten die Veranstaltungen der Jungen Gemeinde von Heinz Weithaas, Pfarrer der evangelischen Gehörlosengemeinde. Er verstand die Hintergründe der Demonstrationen und erklärte uns das Geschehen in Gebärdensprache.“

Gebärdensprache in der Nikolaikirche

Die Gehörlosen wollten die Proteste unterstützen und an den Friedensgebeten teilnehmen. Pfarrer Weithaas half dabei. In der Nikolaikirche wurden die vorderen Sitzreihen reserviert, so dass sie die Redner sehen konnten. „Das war toll, auch weil sich hinter uns und oben in der Kirche die Menschen fast stapelten! Pfarrer Weithaas gebärdete für uns, es wurde gebetet.“ Danach sollten sie die Kirche verlassen und zusammen friedlich durch die Stadt marschieren. „Alle waren nervös, man erzählte sich, dass es auf den Straßen zu Auseinandersetzungen mit den Demonstranten kommen wird. Die Demonstration war wichtig und sollte ein solidarisches Zeichen setzen. Wir wurden vor dem Verlassen der Kirche ermahnt, uns in jedem Fall friedlich zu verhalten. Da die Kirche überfüllt war, dauerte es lange, bis auch wir Gehörlosen auf dem Nikolaikirchhof waren. Von dort bewegte sich der Menschenstrom in einer großen Schleife durch die Stadt. Alle verhielten sich friedlich, und deshalb gab es auch keine Gewalt gegenüber den Demonstranten.“

Demonstration auf dem Weg vom Nikolaikirchhof im Oktober 89. Quelle: Matthias Mauersberger

150 Fotos gemacht

Matthias Mauersberger hatte seinen Fotoapparat mitgenommen und während der Demonstration fünf Filme verbraucht – also etwa 150 Fotos gemacht. „Ich suchte Motive in meiner Nähe, so dass ich die Kamera möglichst dezent einsetzen konnte. Manchmal habe ich sie in sicheren Momenten kurz über meinen Kopf gehalten, um die Menschenmenge auf dem Bild einzufangen, was für ein Nervenkitzel!“ Auf diese Weise entstanden viele Fotos, die Mauersberger Zuhause aufbewahrte. 30 Jahre später hat sich er sich die Fotos wieder einmal angeschaut. Sein Fazit, wenn er an den Herbst 89 denkt: „Es war wichtig, dass wir Gehörlosen dabei waren.“

Von Thomas Mayer

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