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Lokales „Man darf nicht von jedem Halskratzen erzählen“: Wie eine Siebener-WG durch die Pandemie kam
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Wie eine Leipziger WG mit ihren eigenen Corona-Regeln durch die Pandemie kam

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09:03 05.06.2021
Wer darf wie viel Besuch wann empfangen? Fritz, Ruben, Selena, Hedda und Adam mussten es ausdiskutieren.
Wer darf wie viel Besuch wann empfangen? Fritz, Ruben, Selena, Hedda und Adam mussten es ausdiskutieren. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Wann immer es während der Corona-Krise um Schutzverordnungen ging, war die Rede von Familien, Liebesbeziehungen oder Schulkindern. Wie aber sind Menschen durch die Pandemie gekommen, deren Lebensformen in den Gesetzen kaum mitgedacht wurden? Eine Leipziger Siebener-WG hat es uns erzählt.

LVZ: Überall sinken die Inzidenzen, die Restaurants öffnen wieder. Gab es auch bei euch schon Lockerungen?

Selena: Mittlerweile kann wieder jeder von uns Besuch empfangen. Voraussetzung ist, dass der Besuch negativ getestet ist. Das kann man zur Not sogar bei uns an der Wohnungstür machen. Hier liegen immer ein paar Tests herum. Da unterscheiden wir uns nicht von einer Douglas-Filiale.

Selena, 25, Laborantin, seit Oktober in der WG. Kam für ein Praktikum nach Leipzig, wollte danach ins Ausland. Wegen Corona blieb sie.

Fritz: Die Ersten von uns sind auch schon geimpft. Sobald wir alle vollständig geimpft sind, sehe ich eigentlich keinen Grund für Beschränkungen innerhalb der WG.

Fritz, 24, Ingenieur, seit Februar in der WG. Ging vor sechs Jahren zum Studieren nach Freiberg, kehrte nun zurück.

Ruben: Naja, das mit dem Impfschutz haben wir so noch nicht besprochen. Selbst wenn du geimpft bist, hast du keine hundertprozentige Garantie …

Ruben, 33, Energie-Techniker, seit 2016 in der WG. Er sieht sich als den vorsichtigsten und strengsten Mitbewohner.

Fritz: … aber hundertprozentige Sicherheit hast du nie.

Ruben: Ich glaube, darüber müssen wir als WG noch mal reden.

Warum gründet man eine 7er-WG?

Hedda: Das war auch ein bisschen Zufall. 2016 war ich auf Wohnungssuche und die WG-Zimmer waren stark umkämpft. Ich bin dann auf die Wohnungsanzeige für die große, leere Wohnung gestoßen und in eines der Zimmer gezogen. Einer nach dem anderen kamen dann die Mitbewohner dazu.

Hedda, 30, Redakteurin, seit 2016 in der WG. Zieht nun mit ihrem ehemaligen Mitbewohner und Partner Adam in eine Wohnung im Osten.

„Rückblickend war das extrem leichtsinnig“

Selena: Wir sind eigentlich keine WG, die sich andauernd zusammensetzt und ein Plenum abhalten muss, wer wie das Wochenende verbringt. Oder, ob Besuch kommen darf. Mit Corona änderte sich das alles.

Wann genau änderte sich das?

Hedda: Ich glaube, Ruben hat zuerst gesagt: „Da kommt was.“

Ruben: Ich habe ziemlich früh von dieser ominösen Lungenkrankheit aus China gehört. Und als ich gelesen habe, dass in China deswegen Menschen eingesperrt werden, war mir klar, dass es auch uns als WG treffen könnte. Vielleicht muss ich dazu sagen, dass die WG mein wichtigstes soziales Netz ist. Ich habe sonst niemanden so richtig. Mir lag daher viel daran, dass uns nichts passiert. Trotzdem seid ihr dann nach Hamburg gefahren …

Hedda: … stimmt, das war kurz nachdem die Buchmesse abgesagt wurde. Das letzte Wochenende vor dem Lockdown.

Adam: Ein Kumpel hatte Geburtstag, der gerade eine schwierige Phase durchgemacht hat. Da wollte ich ihm nicht absagen. Es stimmt schon, rückblickend war das extrem leichtsinnig. Ich weiß noch, dass der ICE gespenstisch leer war.

Adam, 32, Informatiker, seit 2016 in der WG. Ist mit Hedda zusammengezogen. Zwei Mitbewohner nahmen nicht am Interview teil.

Hedda: Richtig krass wurde es auf der Rückfahrt im komplett ausgebuchten Flixbus. Im Radio hörten wir, dass es einen Lockdown geben wird. Abends in der WG hatten wir dann das erste Gespräch darüber.

Ruben: Ich habe an dem Abend geweint.

Warum?

Ruben: Mein erster Gedanke war, dass ich auf keinen Fall möchte, dass jemand wegen mir einen Schaden nimmt oder sogar stirbt.

„Rubens Einstellung fand ich ein bisschen krass“

Würdest du sagen, du warst einer der Strengeren in der WG?

Ruben: Ja, leider. Weil das natürlich nicht die angenehmste Rolle ist, immer zu mäkeln. Und, weil ich an manchen Stellen vielleicht auch ein bisschen zu sehr Hardliner war. Da gab es in der WG manchmal dicke Luft. Wenn die anderen Besuch hatten, habe ich mich eher auf dem Zimmer verkrochen.

Hedda: Bei uns anderen kam der Ernst erst ein bisschen später. Rubens extrem vorsichtige Einstellung fand ich ein bisschen krass. Aber dadurch, dass er der Hardliner war, fühlte ich mich auch sicherer. Und ich kam nicht in die Rolle, in der WG Ansagen machen zu müssen.

Wie viele offizielle Regeln habt ihr durch WG-Corona-Regeln ersetzt?

Fritz: Wir haben fast nur nach unseren Regeln gelebt. Es gab einen Punkt, da haben wir gemerkt, dass die Regeln der Regierung nicht für uns gemacht sind. Dass ein Lebensmodell wie unseres – zu siebt in einer WG – dort gar nicht mitgedacht wird.

Adam: Es gab viele Regeln, die wir überhaupt nicht umsetzen konnten. Zum Beispiel, dass private Treffen nur mit einem weiteren Haushalt und maximal fünf Personen erlaubt waren. Wir sind zu Hause ja schon zu siebt. Was sollen wir machen – einen rausschmeißen und ein anderer muss sich ummelden?

Fritz: Oder die Regel, dass man nur einen anderen, festen Haushalt treffen soll. Da hätten wir in der WG eine Münze werfen können, wer von uns als Einziger die nächsten vier Wochen seine Partnerin oder seinen Partner sehen darf. Ganz ehrlich, wir haben die offiziellen Corona-Regeln größtenteils ignoriert.

Was für Regeln waren das, die ihr für euch aufgestellt habt?

Hedda: Wir haben uns zusammengesetzt und besprochen, was uns wichtig ist. Das hat aber nicht die ganze Nacht gedauert. Zum Beispiel war uns ziemlich schnell klar, dass jeder seine Partnerin oder seinen Partner sehen dürfen soll. Aber es gab auch Streitpunkte.

Fritz: Es war beispielsweise ungerecht für Selena oder Ruben, die keine feste Liebesbeziehung haben.

„Mich hat das überrumpelt. Das war nicht cool.“

Selena: Ich fand es OK. Auch wenn das zu einigen bizarren Situationen geführt hat, was Dating angeht.

Weil jedes Date, das mit nach Hause kommt, angemeldet werden muss?

Fritz: Ich musste meine WG nicht wie Mama und Papa fragen, wen ich mit nach Hause bringen darf …

Adam: … hast du aber! Und das war ein bisschen weird.

Fritz: Das war übelst weird.

Warum?

Fritz: Ich hatte während der Pandemie keine feste Partnerin. Also eine Person, die vorbeikommen darf und die ich von Montag bis Freitag ankündige. Einmal ist spät am Abend aber eine Freundin vorbeigekommen. Da war es mir schon wichtig, das nicht heimlich zu machen, sondern an die Türen zu klopfen.

Du hast nachts an die Türen deiner Mitbewohner geklopft und gefragt, ob du Besuch bekommen darfst?

Fritz: Ja. Und das war unangenehm. Aber ich fand es richtig so.

Wie war es für die anderen?

Selena: Ich bin auch noch seine Zimmernachbarin. Ich meinte nur zu ihm: „Klar, go for it.“

Hat jemand eine Regel gebrochen?

Selena: Es gab eine Situation im Oktober, als ich Besuch von einem Freund bekommen habe.

Ruben: Er kam aus Bayern, was zu der Zeit Hochinzidenzland war.

Selena: Ich wusste aber, dass er sehr vorsichtig ist. Er ist Leistungssportler und kann keine Infektion riskieren. Deshalb fand ich es o. k., dass er spontan vorbeikommt. Ich habe das dann in der WG-WhatsApp-Gruppe kommuniziert. Ich glaube, ich habe das einfach ein bisschen entspannter gesehen als der Rest.

Hedda: Ich muss sagen, für mich war es nicht OK. Es gab zu der Zeit einen starken Anstieg der Fälle.

Fritz: Da zeigt sich ein generelles Problem, oder? Die Frage, wie gefährlich man eine Situation einschätzt, ist stark persönlich bestimmt. Deshalb war es wichtig, Besuch ordentlich zu kommunizieren.

Ruben: Ich fand, dass du uns damals unsere Entscheidungsfähigkeit genommen hast. Du hast gesagt, dass da jetzt jemand kommt. Mich hat das überrumpelt. Das war nicht cool.

„Man darf nicht von jedem Halskratzen im WG-Chat erzählen“

Hast du gemerkt, dass die anderen nicht so erfreut waren?

Selena: Ich habe gemerkt, dass man mir plötzlich aus dem Weg ging. Es gab an dem Wochenende kein gemeinsames Essen. Der Haussegen hing vier Tage lang schief. Dann haben wir uns hingesetzt und geredet.

Ruben: Du hast ja deine Lektion gelernt.

Selena: Seitdem ist er auch nie mehr vorbeigekommen. (lacht)

Ruben: Und dann war da noch der Kickers-Abend. Da war ich echt ein bisschen stinkig.

Fritz: Stimmt, Anfang September. Damals waren die Kneipen zwar noch offen, aber wir als WG hatten unsere eigene Regel aufgestellt, dass wir nicht in Kneipen gehen. Wir fanden es irrsinnig, dass das noch möglich war. Aber nachts um zwei, als Adam und ich mit ein paar Leuten unterwegs waren, denkt man eben ein bisschen anders.

Adam: Wir wollten nur auf ein Bierchen ins Kickers in der Südvorstadt. Wie das immer so ist, waren wir letztlich bis früh um sieben in Kneipen. Das war phänomenal schön. Aber morgens habe ich beim Aufwachen bemerkt, dass man was Dummes gemacht hat.

Fritz: Es war echt nicht clever.

Hattet ihr auch Ärger mit Behörden?

Selena: Eigentlich nie.

Hedda: Es war aber einmal kurz davor. Ostern haben wir zusammen vor unserem Haus gegrillt. Zu siebt, als ein Haushalt. Siebenergruppen gab es zu der Zeit aber praktisch nicht. Und da wir am Rand des Clara-Zetkin-Parks wohnen, liefen da viele Leute entlang. Wir bekamen unfassbar böse Blicke. Ich dachte dauernd: „OK, die rufen jetzt die Polizei.“ Wir haben dann ein Schild gemalt: „Wir bitten um Verständnis, wir sind eine Siebener-WG.“

Hättet ihr euch fahrlässiger verhalten, wenn ihr allein leben würdet?

Fritz: Auf jeden Fall. Ich habe das vor allem aus Verantwortung den anderen gegenüber so gemacht.Viele meiner Freunde haben sich in der Zeit häufiger und intensiver getroffen. Aber ich treffe ja jede Entscheidung nicht nur für mich, sondern noch für sechs andere.

Ruben: Ich glaube, dass wir als WG in der Pandemie eine erhöhte Verantwortung hatten. Wenn sich einer von uns infiziert hätte, wären nicht nur zwei, drei weitere Personen betroffen, sondern insgesamt sieben. Mit Familien, Freunde, Jobs können es auch 14 oder 21 sein. Das wäre ein wahnsinniger Domino-Effekt.

Hatte jemand einmal Symptome?

Hedda: Ich hatte Halsschmerzen. Adam: Ich auch. Aber man darf nicht den Fehler machen und von jedem Halskratzen im WG-Chat erzählen. Sonst werden alle verrückt.

Habt ihr Positives aus der Zeit mitgenommen?

Adam: Ich muss an Weihnachten denken. Das haben Hedda und ich als Paar in der WG verbracht. Es war unser erstes Weihnachten, das wir alleine organisiert haben. Und es war gar nicht so schlecht.

Hedda: Besonders cool war auch Silvester, da waren wir alle da. Es gab Sektbowle und es war wohl die größte legale Silvesterparty Leipzigs.

Von Josa Mania-Schlegel