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Leipzig Lokales Wie kann die Jahnallee sicherer werden?
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10:27 01.07.2019
Die drei Tester von ADFC und LVZ (Mitte) in der inneren Jahnallee in Aktion. Das Trio von rechts: Die ADFC-Experten Volker Holzendorf und Alexander John sowie LVZ-Redakteur Andreas Tappert. Die Radfahrer haben sich dort inzwischen eine Fahrspur erobert. Wegen der zahlreichen Unfälle fahren jetzt auch die Autofahrer extrem vorsichtig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Die Jahnallee hat sich zum Sorgenkind der Verkehrsplaner entwickelt: Immer wieder gibt es tödliche Unfälle, darunter auch eine Radfahrerin. Anwohner nennen die Trasse inzwischen eine „Todesstraße“. Die Stadtverwaltung hat in der inneren Jahnallee bereits Tempo 30 ausgeschildert und Halteverbote verfügt – was die Händler an der Meile schwer trifft. Viel mehr scheint nicht zu gehen, heißt es. Doch ist das wirklich so? Die LVZ sah sich mit Experten des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Leipzig (ADFC) um.

Tückische Jacobstraße

Wer vom Promenadenring am Ranstädter Steinweg in Richtung Jahnallee radelt, für den ist schon die Einmündung Jacobstraße tückisch. Auf dem dort gut ausgebauten Radweg kommen Radler schnell voran. Viele Autofahrer unterschätzen dies, wenn sie vom Ranstädter Steinweg nach rechts in die Jacobstraße abbiegen. Immer wieder kommt es zu Notbremsungen von Radlern und Autofahrern, um in letzter Sekunde Karambolagen zu vermeiden.

Alexander John und Volker Holzendorf vom ADFC kennen diese Situationen gut. „Eigentlich hilft hier nur, die Einmündung für Autofahrer zu schließen“, meint John. „Autofahrer könnten dann immer noch über die Emil-Fuchs-Straße, die Pfaffendorfer Straße und die Waldstraße ins Viertel gelangen.“ In die abgehängte Jacobstraße würden dann nur noch Autos aus der Gustav-Adolf-Straße einfahren, die Gegend würde ruhiger, an der Treppenanlage zum Elstermühlgraben könne ein großer Freisitz entstehen, es würde mehr Lebensqualität für die Anwohner und Besucher einziehen. „Das wäre Stadtentwicklung für den Menschen, weil sie sich am Menschen orientiert“, ergänzt Holzendorf. „In Kopenhagen wird das so praktiziert.“

Radfahrer Alexander John demonstriert, wie schnell es zu Beinahe-Karambolagen an der Einmündung der Jacobstraße kommen kann. Quelle: André Kempner

Die Verkehrsplaner im Rathaus betonen, dass dort aktuell keine Unfallhäufungsstelle mehr bestehe. Die Situation müsse von den Verkehrsteilnehmern „mit der gebührenden Aufmerksamkeit grundsätzlich eigenständig beherrscht“ werden. Abbiegeverbote würden das Problem nur an andere Stellen verlagern oder zu Umwegen führen, die „auch unter dem Gesichtspunkt Verkehrssicherheit selten vorteilhaft“ seien.

Innere Jahnallee

Weiter in Richtung Jahnallee wird es schnell brenzlig: An der Ecke Leibnizstraße – wo der Ranstädter Steinweg in die Jahnallee übergeht – verengt sich der Straßenraum zur inneren Jahnallee; Autos, Straßenbahnen und Fahrradfahrer müssen sich bis zum Waldplatz auf engstem Raum durch das Gründerzeitviertel zwängen. Hier haben die Planer durch einen Kunstgriff bereits für etwas Entspannung gesorgt: Straßenbahnen und Radler bekommen an der Ampel etwa fünf Sekunden vor den Autofahrern grün und können zuerst in das Nadelöhr einfahren, Autofahrer müssen sich hinter ihnen einreihen.

Wir machen den Test: Es funktioniert tadellos. Weil in der inneren Jahnallee keine Autos parken, haben die vielen Radler anschließend praktisch eine ganze Fahrspur für sich; niemand muss auf die gefährliche Autospur ausweichen oder damit rechnen, dass plötzlich die Tür eines parkenden Autos aufgeht. Die Radler fahren zu zweit, manchmal sogar zu dritt nebeneinander, kein Autofahrer hupt oder droht, sie geben sich mit ihrer einen Spur zufrieden. Wer durch die innere Jahnallee rollt, der weiß, dass er Zeit mitbringen muss.

Gefährliches Abbiegen

Gefährlich wird es beim Abbiegen in Einmündungen wie die der Funkenburg- oder Tschaikowskistraße. Eine radelnde Seniorin kommt von der Fußgängerampel und will auf dem Rad nach links in die Tschaikowskistraße einbiegen. Die Rentnerin kommt gut über die für Radler gefährlichen Straßenbahnschienen, doch plötzlich taucht in der Tschaikowskistraße ein schnell fahrender weißer Mercedes auf. Er stoppt zwar noch vorschriftsmäßig im Einmündungsbereich, doch die Rentnerin ist so überrascht, dass sie mit ihrem Rad krachend stürzt. Passanten helfen ihr wieder auf.

Eine Seniorin stürzt mitten auf der inneren Jahnallee, als sie abbiegen wollte. Passanten helfen ihr. Quelle: André Kempner

Die Szene wird am „Küchentreff“ von Inhaber Heinz Klinkmann beobachtet. Er sagt, die von der Stadt angeordneten Halteverbote seien geschäftsschädigend und müssten wieder aufgehoben werden. „Ein Möbelgeschäft ohne Anlieferung geht gar nicht“, meint er und schildert abenteuerliche Szenen bei der Anlieferung von Musterküchen. „Die Radler knallen die offenen Türen der Laster zu, die entladen werden“, berichtet der Händler. Beim Abholen von verkauften Musterküchen sei es ähnlich. Auch die Kunden würden wegbleiben. „Wer zwei, dreimal vergeblich nach einem Parkplatz gesucht hat, kommt nicht mehr wieder“, berichtet Klinkmann. „So kann es nicht bleiben.“

Hilft das „Berliner Modell“?

Die ADFC-Experten räumen ein, dass ihr zusätzlich in der inneren Jahnallee geforderter Radstreifen die Situation für die Händler und das Anliefern weiter erschweren würden. „Aber große Radfahrer-Piktogramme auf einer Fahrspur der inneren Jahnallee würden auch schon dafür sorgen, dass Autofahrer mehr Rücksicht nehmen“, meint Holzendorf, der auch 2018 im Stadtrat eine Petition für sicheren Radverkehr in der inneren Jahnallee initiiert hatte. Um Abbiege-Unfälle wie den der Seniorin zu verhindern und die Straßenbahn zu beschleunigen, fordert er auch hier, einmündende Trassen wie die Funkenburg- oder die Tschaikowskistraße „abzuhängen“, also zu kappen. „Dann könnten auf den Flächen der Einmündungen auch Anlieferzonen für zwei, drei Lkw entstehen, wie in Amsterdam“, meint er. „In Berlin ist man der Meinung, für ein Viertel reicht eine Autozufahrt aus“, ergänzt John. Aus seiner Sicht sollte sich Leipzig diesem „Berliner Modell“ anschließen und Quartiere so gestalten, dass es keinen Durchgangsverkehr in den Wohngebieten gibt; die Zufahrten von der Waldstraße würden für die Anwohner des Viertels genügen.

Das zuständige Verkehrs- und Tiefbauamt der Stadt (VTA) will über solche Fragen erst diskutieren, wenn ab dem vierten Quartal die neue Bewohnerparkregelung im Waldstraßenviertel greift. „Der Parkdruck nimmt dann ab, weil Fremdparker verdrängt werden“, sagt Amtsleiter Michael Jana. „Dann wird der konkrete Bedarf an Kurzzeitparkplätzen in den Seitenstraßen ermittelt und es werden Kapazitäten frei, auch in Seitenstraßen wie der Tschaikowskistraße weitere Bereiche für die Anlieferung auszuweisen.“

Verwirrspiel am Cottaweg

Bei der Weiterfahrt über den Waldplatz bis zum Cottaweg zeigt sich eine andere Problemlage. „Die Wege sind für die Radverkehrsmenge zu schmal und es gibt permanente Führungswechsel auf diesen Wegen“, meint ADFC-Experte John. Einmal würden sich die Radler den Platz mit Fußgängern teilen müssen, dann hätten sie sich ihnen unterzuordnen. Besser wäre „ein durchgängiger Radweg vom Promenadenring bis zur Angerbrücke“.

An der Einmündung Cottaweg wird die Unübersichtlichkeit eklatant. Vor der Einmündung fahren Radler in beide Richtungen, gleichzeitig Autofahrer in den und aus dem Cottaweg. Eine verwirrende Beschilderung steigert das Durcheinander noch mehr – vor allem direkt an der Einmündung.

Auf den Asphalt der Einmündung Cottaweg wurde ein rot markierter Streifen mit Radler-Piktogrammen und Pfeilen in beide Richtungen angebracht – offenbar um Autofahrer zu warnen. Außerdem steht dort ein Schild „Gehweg“ mit dem Hinweis „Radfahrer im Gegenverkehr“. Heißt das, dass Fahrradfahrer hier in beide Richtungen fahren dürfen?

Diese Radfahrer fahren an der Einmündung Cottaweg richtig – nur stadtauswärts. Doch die Pfeile auf der Fahrbahn und das Schild „Radfahrer im Gegenverkehr“ suggerieren vielen Radlern, dass sie in beide Richtungen fahren dürfen. Quelle: André Kempner

Während wir rätseln, hält eine Radlerin neben uns an, die ähnlich verunsichert ist. „Das kann doch nie stimmen“, meint sie. „Ich habe gelernt, dass man auf Brücken nur in eine Richtung Rad fahren darf.“ Die Zeppelinbrücke ist nur ein paar Meter entfernt.

Auch die beiden ADFC-Experten sind verunsichert. „Hier darf man nur in eine Richtung mit dem Rad fahren“, glaubt John – also auf der Cottaweg-Seite nur stadtauswärts. Wenn das deutlich kenntlich gemacht würde, wären die Unfallgefahren wenigstens etwas geringer.

Auch hier plädieren die ADFC-Experten dafür, die Einmündung des Cottawegs zu schließen und so Unfälle zwischen Radlern und Autofahrern unmöglich zu machen. „Es reicht doch aus, wenn die Anlieger den Cottaweg von der Hans-Driesch-Straße erreichen können“, so Holzendorf.

Im VTA heißt es, dort sei das stadteinwärtige Radfahren nicht gestattet und dies werde durch die vorhandenen Schilder auch deutlich ausgedrückt. Die Behörde will aber nun mit einer ergänzenden Beschilderung auf dieses stadteinwärtige Radfahrverbot hinweisen. Darüber hinaus werde untersucht, wie diese Stelle baulich entschärft werden kann. „Eine Schließung der Einmündung kommt nicht in Betracht, denn das hätte nicht vertretbare Auswirkungen auf die Verkehrsorganisation an der Einmündung zur Hans-Driesch-Straße“, sagt Amtsleiter Jana. Für die Kleinmesse, für das Trainingszentrum und die Geschäftsstelle von RB Leipzig, bei Fußballspielen oder Umleitungsführungen werde der Cottaweg immer wieder benötigt. „Dort ist dann so viel Verkehr, dass es bei einer Sperrung neue Sicherheitsdefizite an der Einmündung auf die Hans-Driesch-Straße geben würde“, so Jana.

Gefahr an der Thomasiusstraße

Stadteinwärts ist die Fahrt mit dem Rad zunächst problemlos. Aber an der Kreuzung Waldplatz fällt auf, dass es hier die gute Vorrangschaltung für Radfahrer nicht gibt. Tückisch ist auch die Kreuzung Thomasiusstraße: Dort geht es für Radler extrem eng zu und es kommt häufig zu Beinahe-Karambolagen mit Autofahrern, die schnell in die Innenstadt wollen. „Das liegt auch daran, dass die Tempo-30-Regelung der inneren Jahnallee direkt vor der Kreuzung aufgehoben wird“, meint Holzendorf. „Würde das erst etwas weiter in Richtung Ring geschehen, wäre diese Stelle nicht ganz so gefährlich.“

Extrem eng geht es für Radler zu, die von der Thomasiusstraße am Ranstädter Steinweg entlang in die City wollen. Sie dürfen sich mit Fußgängern einen Gehweg teilen, der an vielen Stellen nur eineinhalb bis zwei Meter breit ist. Hinzu kommt ein Strom von LVB-Fahrgästen, die dort von und zu der benachbarten Straßenbahnhaltestelle wollen. „Auch hier würde es helfen, die Radfahrer auf eine der beiden Autofahrspuren zu lenken“, sagt John. „Vielleicht mit Hilfe von Piktogrammen auf einer Spur. Wenn man heute auf der Fahrbahn fährt, wird man regelmäßig angehupt und bedrängt. Viele Autofahrer wissen nicht, dass es hier keinen Radweg gibt, sondern nur einen Gehweg, der für den Radverkehr frei gegeben ist.“

Enger geht es nicht: Fußgänger und Radfahrer teilen sich am Ranstädter Steinweg einen schmalen Gehweg. Hier soll es künftig auf der Autospur einen separaten Radstreifen geben. Quelle: André Kempner

Auch im VTA wird geprüft, künftig den Autoverkehr ab Waldplatz nur noch einstreifig in die innere Jahnallee einfahren zu lassen. Von der Kreuzung Thomasiusstraße werde ein Radfahrstreifen auf der Fahrbahn angestrebt, der bis vor den Goerdelerring führt. „Damit würde das Problem des schmalen Gehwegs, den sich Radler mit Fußgängern teilen dürfen, nachhaltig entschärft“, verspricht Jana.

Von Andreas Tappert

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