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Lokales Wie zwei Teenagerinnen im Jahr 1989 für die Meinungsfreiheit protestierten
Leipzig Lokales Wie zwei Teenagerinnen im Jahr 1989 für die Meinungsfreiheit protestierten
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16:19 13.11.2019
Die Bürgerrechtlerin Kathrin Mahler Walther erinnert sich an den Herbst 1989. Quelle: Verena Brüning
Leipzig

Am Abend des 9. Oktober 1989 besucht die Schülerin Friederike Freier zusammen mit ihrer Mutter das Montagsgebet, diesmal in der Thomaskirche. Hier haben sich vor allem Anhänger der Basisgruppen versammelt, die Stimmung ist äußerst angespannt. Was die beiden und die anderen Besucher vor den Kirchtüren erwartet, weiß niemand. In den Tagen zuvor hatten Betriebe, Schulen und die Leipziger Volkszeitung davor gewarnt, die Andachten zu besuchen. Gerüchte machen die Runde, dass sich die Krankenhäuser der Stadt bereits auf Patienten mit Schusswunden vorbereiten würden. „Natürlich hatten wir Angst“, sagt Freier heute. Sie war damals 16 Jahre alt.

LVZ.de taucht ein in das Leipzig im Herbst 1989

Der Dokumentarfilm „Leipzig im Herbst“ porträtiert die Stimmung nach dem 9. Oktober eindrucksvoll. Bis zum Mauerfall ist Filmemacher Andreas Voigt unterwegs und begegnet Bürgern, Beamten und Aktivisten im Strom der Ereignisse. In einer multimedialen Reportage taucht LVZ.de noch einmal ein in das „Leipzig im Herbst“ von 1989.

Im selben Moment versteckt sich die nur zwei Jahre ältere Kathrin Mahler Walther in der dunklen Kanzlei der Evangelisch-Reformierten Kirche am Tröndlinring. Pfarrer Hans-Jürgen Sievers hatte der 18-Jährigen erlaubt, im Inneren der Kirche zu bleiben, um den Leipziger Ring während der Demonstration beobachten zu können. Ihre Aufgabe war es, den Pfarrer der Lukaskirche, Christoph Wonneberger, per Telefon auf dem Laufenden zu halten. Er wird diese Informationen dann an Westjournalisten weitergeben.

„Die chinesische Lösung hätte auch unsere sein können“

Dass der Abend am Ende friedlich verläuft, bewerten die beiden Frauen auch dreißig Jahre später keineswegs als Selbstverständlichkeit. „Die chinesische Lösung hätte auch unsere sein können“, sagt die 1970 in Leipzig geborene Kathrin Mahler Walter heute mit Blick auf das Tian’anmen-Massaker in Peking.

Sie zog es als junges Mädchen zu den Basisgruppen, weil sie schon früh an die engen Grenzen des Systems der DDR stieß. Als Tochter eines überzeugten SED-Mitglieds engagierte auch sie sich zu Schulzeiten als FDJ-Sekretärin. „Ich wurde zeitig politisiert, hinterfragte aber auch vieles“, sagt sie rückblickend. Der Staat kam ihr hohl vor, als würde niemand wirklich hinter all den Parolen stehen. Wenn sie versuchte kritische Themen in der Schule oder auf FDJ-Veranstaltungen einzubringen, wurde sie schnell in ihre Schranken verwiesen.

Als Jugendliche besuchte Mahler Walther aber auch den Konfirmationsunterricht in der reformierten Kirche. In der offenen Atmosphäre fand sie endlich einen Ort, um ihre Gedanken einzubringen und festigte so ihre innere Haltung. „In der neunten Klasse trat ich als FDJ-Sekretärin zurück“, erzählt sie. „Ich wollte mich mehr in der jungen Gemeinde einbringen können.“ Im Sommer 1987 fand sie dann einen Flyer der Arbeitsgruppe Menschenrechte um den Pfarrer Christoph Wonneberger. „Mir war klar, dass ich da mitmachen muss“.

Seine Meinung offen zu vertreten war gefährlich

Die Kirchen waren zu DDR-Zeiten ein Ort, in dem Meinungsfreiheit erprobt werden konnte. Der Staat hatte hier nur begrenzten Einfluss. Als Kind eines Pfarrers kennt Friederike Freier dieses Umfeld von kleinauf. „Ich bin in kritischer Distanz zum System aufgewachsen“, erinnert sie sich. Schon zu Schulzeiten wollte sie frei reden, so gut es eben ging.

Nachdem Tian’anmen-Massakers entschied auch sie sich, mit dem Pfarrer Christoph Wonneberger Kontakt aufzunehmen. Denn an diesem 4. Juni wurde beiden Frauen klar, wie gefährlich ihr Handeln sein könnte. Hunderte, wenn nicht tausende Menschen sollen bei der brutalen Niederschlagung der Proteste ihr Leben verloren haben, mehrere tausend wurden verletzt.

Auch Kathrin Mahler Walther hat nach diesem erschütternde Ereignis in China das Bedürfnis, sich öffentlich zu solidarisieren. Mit Transparenten wollten sie und ihre Mitstreiter während des Abschlussgottesdienstes des Kirchentages im Juli 1989 die Bühne erklimmen. Aber der Weg wurde ihnen verstellt. „Deswegen sind wir raus gegangen auf die Straße“, erinnert sie sich an den spontanen Beginn der Kundgebung. Viele Besucher des Kirchentages schlossen sich der Demonstration an, die von der Leipziger Rennbahn zur Peterskirche zog.

„Da war viel jugendlicher Leichtsinn dabei“

Mit dabei war auch die 16-jährige Friederike Freier. „Heute denke ich, da war viel jugendlicher Leichtsinn dabei. So nach dem Motto: Mir passiert schon nichts“, erzählt sie. „Als meine Eltern jedoch abends hörten, wo ich gewesen war, waren sie schockiert.“ Die Demonstranten erfuhren keine Konsequenzen, doch die Lage spitzte sich zu.

Nach dem Sommer erfuhren die Montagsgebete in den Kirchen immer mehr Zulauf, auch Ausreisewillige versammelten sich dort zunehmend. Die damals SED-treue Leipziger Volkszeitung berichtet negativ: „Man platzierte Leserbriefe in der LVZ, welche die Demonstranten diskreditieren sollten“, erinnert sich Kathrin Mahler Walther.

Am 11. September wurden Bürgerrechtler verhaftet. Daraufhin organisierten die Basisgruppen tägliche Andachten für die Inhaftierten. Friederike Freier erinnert sich an die Prognose des Mitstreiters Jochen Lässig: „Jochen war der Meinung: Bis zum 40. Jahrestag am 7. Oktober wird der Staat vermutlich zurückhaltend bleiben. Aber danach ist Schluss mit lustig. Dann werden sie durchgreifen.“ Das Gebet am 9. Oktober erwarteten die Mitglieder der Basisgruppen also nervös. Die Arbeitsgruppe Menschenrechte verteilt Flugblätter in hoher Auflage mit dem Aufruf „Keine Gewalt“.

Die Menschen in Leipzig waren wie ausgewechselt

Als dann alles gut ging, waren die Menschen in Leipzig wie ausgewechselt. In der Straßenbahn, in den Betrieben und Schulen, überall wurde plötzlich von Erneuerung gesprochen. „Vorher sind alle so abgestumpft durch diese von Propaganda-Parolen geprägte Welt gegangen, plötzlich waren sie wie erwacht“, sagt Kathrin Mahler Walther. Endlich kam der Austausch zustande, den sich die beiden jungen Frauen so gewünscht hatten. Die Energie, die die Bewegung trug, veränderte sich mit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, plötzlich habe sich die ganze Aufmerksamkeit auf Westdeutschland konzentriert: „Aus den heißen Diskussionen über die Erneuerung der DDR war die Luft raus.“

Pünktlich zum Start ihres Lebens als junge Erwachsene, wird nur ein Jahr später aus zwei getrennten Ländern plötzlich eins. Friederike Freier beginnt noch als Schülerin in einer Leipziger Zeitungsredaktion zu arbeiten, um die gerade erst errungene Möglichkeit der freien Meinungsäußerung wahrzunehmen. Später zieht sie nach Berlin, arbeitet als Produzentin von Dokumentarfilmen. Kathrin Mahler Walther engagiert sich bis 1992 für die Grünen/Bündnis 90 in der sächsischen Landespolitik. Dann geht auch sie in die deutsche Hauptstadt, in der die Grenzen zwischen Ost und West immer mehr verschwimmen. Heute ist sie Geschäftsführerin der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF), einer gemeinnützigen Organisation, die zu Themen wie Chancengleichheit und Familienfreundlichkeit forscht und berät.

Von Pia Siemer und Anna Flora Schade

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