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19:13 02.09.2018
Er hat nur noch gestaunt, sagt er: Purple Schulz, 61, auf der Anker-Bühne. Quelle: André Kempner
Leipzig

Nicht, dass Purple Schulz an den Anker gedacht hätte, als er den Text in seiner Kölner Wohnküche vor zwei, drei Jahren zusammen mit seiner Frau Eri schrieb. Aber nachdem er am Freitagabend im großen Anker-Saal das erste Konzert dort nach viereinhalbjähriger Sanierung mit dem Lied „Ab heute ist für immer“ eröffnet hat, stellt er auf der Bühne selbst fest, wie gut der Inhalt zur Situation passt.

„Das Herz hängt in den Seilen, die Seele hängt am Tropf“, zitiert er die erste Zeile des soeben verklungenen Stücks. „So ungefähr müssen sie sich hier all die Jahre gefühlt haben“, mutmaßt der Musiker. „Ich kam heute Nachmittag in den neuen und zum Glück immer noch alten Anker und habe nur gestaunt“, erzählt er. „Wow! Was meint ihr?“, fragt Purple Schulz seine gut 200 Zuschauer. Und erntet ausgiebigen Jubel.

Es sei das schönste Kompliment gewesen, sagt später Anker-Geschäftsführerin Heike Engel, „als die Leute beim Reinkommen sagten, dass sich doch gar nicht so viel verändert hat“. Dabei zeigen Baustellenfotos an den Wänden, dass kaum ein Stein auf dem anderen geblieben ist. Ursprünglich waren 2014 nur kleinere Ausbesserungen geplant, „ein halbes Jahr, vielleicht neun Monate wollten wir schließen“. Doch nachdem sich herausgestellt hatte, wie kaputt das traditionsreiche Gebäude wirklich war, erübrigten sich die Pläne. Dach und Fundament, die Bühne, tragende Wände und große Teile der Galerie mussten ausgetauscht werden. „Zwischenzeitlich haben wir nicht mehr daran geglaubt“, gesteht Engel. „Aber jetzt sind wir froh und stolz.“

Zwei Anker-Stammgäste

„Mmh – riecht alles noch nach frischer Farbe“, begrüßt Ulla Meinecke am Abend darauf ihre mehr als 300 Fans. „Schön, dass er endlich wieder auf ist, der Anker. Wir freuen uns sehr.“ Zu Reinmar Henschkes Keyboard und den Klängen, die Ingo York gleichzeitig mit anderthalb Händen am Bass, einer halben Hand an der Gitarre und den Füßen an Bassdrum und Snare erzeugt, singt sie ein Lied, das sich ebenfalls auf den Anker münzen lässt: „Schlendern ist Luxus“ – rund sechs Millionen Euro kostete der sich hinziehende Umbau am Ende. Wie Purple Schulz ist die Sängerin Stammgast in dem Möckerner Soziokulturzentrum. Beide traten hier vor der Renovierung oft auf, beide lotste das Anker-Team während der Bauphase auf andere Leipziger Bühnen: Schulz zuletzt in die Peterskirche, Meinecke in die Evangelisch-Reformierte Kirche und die Alte Börse. Nun sind sie wieder zu Hause.

Dennoch sei es Zufall, betont Engel, dass aus den längst vereinbarten Auftritten nun das Eröffnungswochenende geworden sei. Ursprünglich sollte ein Abend mit früheren Renft-Musikern zum 20. Todestag des Liedermachers Gerulf Pannach bereits im Mai die neue Ära einläuten. Doch wie so oft verschob sich die gedachte Fertigstellung. Auch jetzt blieb nur eine Woche, nachdem die Bauarbeiter weg waren, um die Technik einzurichten und Abläufe auszuprobieren. „Tag und Nacht haben wir geackert“, sagt Engel. Im Hintergrund werde noch immer am Feinschliff gewerkelt. „Da ist es ganz gut, dass wir mit zwei kleineren Konzerten begonnen haben“ – und nicht mit Bands, die 1000 Zuschauer und mehr anlocken.

Ab heute ist für immer

Die erste Bewährungsprobe hat der neue, alte Saal dank spezieller Wände und Decke auch akustisch glänzend bestanden. Zwei Künstler, bei denen es sich lohnt, auf die Texte zu achten, sind da die besten Versuchskaninchen. Vom Geborenwerden singt Purple Schulz zum Keyboard und zu den Akkorden seines Gitarristen Markus Wienstroer: „Die größten Schätze jeder Nation, noch schlafen sie friedlich auf der Säuglingsstation.“ Und vom Altern: „Das letzte Mal lachen will ich mit dir.“ Während seine 80er-Hits „Verliebte Jungs“ und „Kleine Seen“ bei aller spartanischen Instrumentierung nah an den damaligen Fassungen erklingen, singt er „Sehnsucht“ rhythmisch so anders, dass man das Lied kaum erkennt – und berührt damit umso mehr. „Toller Laden, tolle Leute! Ein wunderbares Gefühl, hier heute als erster ein paar Töne hinterlassen zu haben“, jubelt Schulz am Ende.

24 Stunden später handelt auch Ulla Meineckes Auftritt von Jugendhelden (Tom Sawyer und Huckleberry Finn) ebenso wie von einer Gegenwart, in der sie „diesen Monat 65 geworden“ ist und darüber „sooo stinkig“ war. Bevor sie sich für ihre Hits „Die Tänzerin“ und „Wenn zwei zueinander passen“ den verdienten Applaus holt, betont Meinecke in der Anmoderation zu „Wenn wir Glück haben“, dass sie zwar nicht religiös sei. Aber dass sie angesichts Beatrix von Storchs oder Bernd (sic) Höckes doch gern an die hinduistische Wiedergeburt glaubte: „Denn dann wüsste ich, ihr kommt wieder: als Bauerntöchter in Bangladesch.“

Über einen Mangel an günstiger Fügung und Wiedergeburt wollen sie sich in der Renftstraße seit vergangener Woche sowieso nicht beschweren. Wie lautet noch Purple Schulz’ Ratschlag im Lied über das Herz, das dann eben nicht mehr in den Seilen hängt? „Kipp das Glück in deine Wanne, spring hinein!“ Ab heute ist für immer – hoffentlich auch für den Anker.

Nächstes Konzert im Anker, Renftstraße 1: Samstag, 8. September, 21 Uhr, Wolfram Huschke, Vorverkauf 21,60 Euro

Von Mathias Wöbking

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