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Lokales Wieso schlägt Fridays For Future so viel Hass entgegen, Herr Lehmann?
Leipzig Lokales Wieso schlägt Fridays For Future so viel Hass entgegen, Herr Lehmann?
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16:10 13.10.2019
„Erst wenn wir Unzufriedenheit provozieren, kommt Aufmerksamkeit in die Debatte“: Matti Lehmann gehört zum harten Kern der Fridays-For-Future-Bewegung in Leipzig und Wurzen. Quelle: Foto: Volkmar Heinz
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Leipzig/Wurzen

Im Hitzesommer vorigen Jahres hat alles für ihn angefangen. Hohe Temperaturen und Trockenbrände in seiner Region haben den 18-jährigen Wurzener sensibilisiert. „Auch wenn Wetter nicht gleich Klima ist“, schiebt er fast schon entschuldigend hinterher. Matti Lehmann engagiert sich seit etwa anderthalb Jahren bei Fridays For Future (FFF) Leipzig und Wurzen.

Damals, am 18. Januar 2018, als der erste große internationale Klimastreik startete, war er gerade auf dem Weg nach Russland – zum Schüleraustausch mit dem Flugzeug. Da begann er sich Gedanken zu machen, was sein Verhalten für einen Einfluss auf den Planeten hat. Heute beteiligt er sich an der Pressearbeit der Bewegung, „Man wird da reingezogen“, sagt er. „Du übernimmst Stück für Stück mehr Verantwortung für die Sache.“

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Die Bundesregierung hat ein Klimapaket auf den Weg gebracht. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) spricht von einem „wirklich wichtigen Tag für den deutschen Klimaschutz“. Was hältst du von den gesetzten Zielen?

Nicht viel. Es soll sich ja eigentlich am Pariser Klimapakt orientieren. Und man erkennt eine weltweite Tendenz, dass sich andere Länder daran halten. Österreich zum Beispiel hat für das ganze Land einen Klimanotstand ausgerufen. Schweden hat einen CO2-Preis von über 100 Euro. Wenn man dagegen unser Klimapaket ansieht… Es wurde gesagt, es soll Schluss mit Pillepalle sein. Aber wenn wir allein mit einem CO2-Preis einsteigen, der durch die Pendlerpauschale nichtig gemacht wird, dann ist die Wirkung komplett verloren. Natürlich muss man sich Gedanken machen über die soziale Verträglichkeit. Aber lieber in den Straßenbau zu investieren als alte Bahngleise wiederzubeleben – das klingt für mich wie: Wir tun etwas fürs Klima und unterstützen dabei die Autoindustrie.

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Das heißt, mit Fridays For Future Leipzig ist noch lange nicht Schluss?

Genau. Es gibt jetzt schon ein Datum für einen neuen Zentralstreik am 29. November. Selbst im Winter, wenn es kälter wird, machen wir weiter. Klar, am Anfang war da ein großes Enttäuschungsgefühl nach der Nachricht über die Beschlüsse. Aber jetzt bestärkt es nur, weiterzumachen. Und am Ende regt es an, sich noch mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Aber die Freitagsdemos bleiben? Ihr würdet sicher viele Kritiker glücklich machen, wenn keine Schulzeit mehr geopfert wird.

Aber das ist doch das Mittel der Bewegung. Die einzige Druckform, die ohne zivilen Ungehorsam funktioniert. Und das Ganze ins öffentliche Interesse und die Medien treibt. Erst wenn wir Unzufriedenheit provozieren, kommt Aufmerksamkeit in die Debatte.  

Wie reagierst du auf Vorwürfe derer, die sagen, dass es euch gerade recht ist, wenn dafür der Unterricht flöten geht. 

Wir haben Forderungen aufgestellt – auf Bundes- und Landesebene. Das zeigt, dass das keine Leute sind, die keinen Bock auf Schule, sondern inhaltliches Interesse haben. Ich habe aber generell das Gefühl, dass es immer weniger nur ums Schulschwänzen geht in der Wahrnehmung. Man beginnt uns ernst zu nehmen.

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Woran liegt das? 

Da haben wir viel den Scientists For Future zu verdanken. Aber auch der guten Pressearbeit der Bewegung. Wir haben die Wissenschaft auf unserer Seite. Wir kämpfen nicht gegen sie an.  

Verstehst du diejenigen, die von eurer Bewegung genervt sind und sagen, dass ihr über alles und jeden den erhobenen Zeigefinger schweben lasst?

Diejenigen, die so etwas sagen, tragen – glaube ich – eine große Unzufriedenheit mit sich herum, die immer noch aus Wendezeiten rührt. Das war eine große Umbruchzeit. Deshalb habe ich das Gefühl, dass gerade hier Veränderungen mit etwas Negativem in Verbindung gebracht werden. Aber es ist ja nun einmal so, dass wir den Wandel benötigen. Das Klimapaket umfasst Maßnahmen, die auf gesellschaftliches Verständnis hoffen, um Gegenproteste zu vermeiden.

Manche Leute fühlen sich durch eure Forderungen – in der Art wie sie Leben – bedroht.

Da ist oft ein Gefühl von Undankbarkeit. Der Eindruck, dass wir glauben, alles, was die älteren Generationen aufgebaut haben, ist falsch. Aber das sagt FFF nicht. Es gibt keine direkte Enttäuschung über die Situation in der wir leben, es ist ja eher eine Analyse unter dem Motto: Uns geht es mega gut, vielleicht zu gut. Denn unser Wohlstand ist davon beeinflusst, dass wir andere Regionen ausnutzen. Wir haben einen Verbrauch von zweieinhalb Erden und klauen damit anderen Ländern, was ihnen zusteht. Mit dem Wohlstand, für den ältere Generationen gearbeitet haben, konnten wir überhaupt erkennen, auf welche Gefahr wir hinsteuern und sind dadurch handlungsfähig.

Wie stark beeinflusst die Häme gegenüber Greta Thunberg Fridays For Future?

Von außen wirkt es immer so als wäre sie die Leitfigur von FFF. Intern sehen wir Greta aber nicht als Königin von allen an. Trotzdem: Bei ihr und bei anderen Teilnehmern der Bewegung ist es einfach so, dass die einen großen Teil ihres Lebens in die Bewegung stecken. Viele Leute stellen ihren Alltag für FFF um. Und wenn Leute, die so viel investieren, so kritisiert werden, dann tut das weh. Besonders weil man sich fragt, was bei Menschen los sein muss, die jungen Leuten, die sich politisch engagieren – das was sich eigentlich immer alle gewünscht haben - so viel Hass entgegenbringen. Und man sollte nicht vergessen: Wir sind immer noch Schüler. Man kann nicht erwarten, dass wir auf einmal ankommen und den genialen Plan haben, wie sich alles ändern kann. Unser genialer Einfall ist: Hört auf die, die geniale Einfälle haben. Die Wissenschaft. Es ist ja nicht so, dass es keine neuen Konzepte gibt.

Ist Fridays For Future bei dir in der Familie häufig Thema?

Ja, ich denke gerade in der Familie ist es wichtig darüber zu reden. Da besteht vielmehr die Möglichkeit des Zuhörens. Bei Fremden fehlt oft die Sympathie und die sind dann sofort dein Feind. Aber man darf sich nicht direkt angegriffen fühlen, wenn jemand einen anderen Weg aufmacht, den man selbst für falsch hält. Es gibt auch in unserer Bewegung Leute, die sich nicht umstimmen lassen wollen. Ich denke, dass man den Weg gehen sollte, der die Zufriedenheit der meisten Menschen gewährleistet. Ich gehöre damit vermutlich eher zu den moderaten Stimmen.

Woher denkst du kommt das?

Ich denke es gibt da einen gewissen Stadt-Land-Kontrast. Die Leute in Wurzen, dort wo ich herkomme, führen andere Debatten, zum Beispiel über Landwirtschaft. Die Nähe zu der Natur ist anders, es gibt eher so ein Bewahrungsgefühl und das macht moderater, wenn nicht sogar ein bisschen konservativer.

Von Lisa Schliep

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