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Lokales Wirtin von Leipzigs höchstem Basislager: „Ich hab’ noch immer Bock“
Leipzig Lokales Wirtin von Leipzigs höchstem Basislager: „Ich hab’ noch immer Bock“
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10:01 05.06.2019
Sigmar (links) und Susanne Gleirscher, die Wirtsleute auf der „Sulzenau“, mit dem aktuellen Hüttenwart der Sektion Leipzig, Henry Balzer (Zweiter von links), und dessen Vorgänger Sieghard Wetzel dieser Tage im Gondwanaland des Zoos. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Die Feier zum 150. Gründungstag der Sektion Leipzig des Deutschen Alpenvereins (DAV) konnten sich Susanne (50) und Sigmar (57) Gleirscher am vergangenen Freitag unmöglich entgehen lassen. Das Ehepaar aus Neustift im Stubaital ist mit den messestädtischen Bergfreunden dicke Tinte. Mehr noch: In gewisser Weise bilden die Gleirschers aus dem österreichischen Tirol und die mehr als 4200 DAV-Anhänger aus der Leipziger Tieflandsbucht eine alte Seilschaft. Denn die einen bewirtschaften die Sulzenauhütte am Stubaier Höhenweg, den anderen gehört Leipzig höchstes Basislager (2191 Meter). Ein Interview mit Hüttenwirtin Susanne Gleirscher und Hüttenwart Henry Balzer (59), zugleich Ehrenvorsitzender der Leipziger Sektion.

Wie steht’s aktuell um die Hütte, wann beginnt Ihr Sommer und damit die Saison?

Susanne Gleirscher: Im Moment haben wir noch ziemlich viel Schnee, deutlich mehr als vor einem Jahr um diese Zeit. Eigentlich wollten wir am 14. Juni eröffnen. Vielleicht klappt’s aber auch erst zum 21. Juni. Das wäre dann wirklich der späteste Termin. Ich hab’ schon reichlich Buchungen.

Zuvor muss noch klar Schiff gemacht werden. Zu diesem Zweck reist alljährlich eine Arbeitsbrigade aus Leipzig nach Tirol. Was gibt’s zu tun?

Susanne Gleirscher (lacht): Erst mal Schnee schippen. Und zwar nicht zu knapp.

Henry Balzer: Das Vorauskommando um Sieghard Wetzel, meinen Vorgänger als Hüttenwart, fährt am 11. Juni, um das Wasserkraftwerk für die Trinkwasserversorgung der Hütte in Betrieb zu nehmen. So wie es zur Zeit aussieht, müssen sie wegen des meterhohen Schnees tatsächlich erst einmal die Wasserfassung ausbuddeln. Dann soll das Turbinenrad aus- und ein Ersatzrad eingebaut werden. Außerdem muss die Abwasseranlage gereinigt werden. In welchem Zustand sich die Hütte nach dem langen Winter befindet, ist jedes Mal eine Überraschung. Gegebenenfalls sind Reparaturen durchzuführen oder sie müssen veranlasst werden. Es wartet also jede Menge Arbeit auf die Brigade aus vermutlich sieben, acht Mann. Die Gaststube, die Zimmer, die sanitären Einrichtungen, alles muss geputzt, die Terrassenmöblierung aufgestellt, noch Hunderte anderer Kleinigkeiten erledigt werden. Eine Woche später, wenn ich hoch fahre, wollen wir Touren gehen, Markierungen auffrischen und die Beschilderungen überprüfen.

Was für eine Saison erwarten Sie?

Susanne Gleirscher: Das hängt natürlich immer vom Wetter ab. Im Vorjahr war sie super, die beste, seit ich und mein Mann die Pacht übernommen haben. Auch heuer könnte es eine gute Saison werden. Die Nachfrage ist groß; genauso groß wie 2018, als unsere 120 Betten und Matratzenlager zwischen Juni und Ende September nahezu durchgängig belegt waren.

Henry Balzer: Mehr als 7000 Übernachtungen, wahrlich ein Rekordjahr! Das wir uns auch ein wenig erhofft hatten, denn 2018 gab es mal keine Baumaßnahmen auf der ,Sulzenau‘, das hat uns allen finanziell gut getan. 2013 wurde die neue Anlage zur biologischen Aufbereitung des Abwassers errichtet, dann liefen von 2013 bis 2015 die Arbeiten am neuen Anbau, der die Sektion rund 1,2 Millionen Euro gekostet hat, und im August 2017 passierte dann das Unglück.

Welches Unglück?

Susanne Gleirscher: Unvergessen, diese Nacht vom 10. auf den 11. August. In dem Sommer war fast nur schlechtes Wetter, mit sehr, sehr viel Regen. An dem Abend hatte es wieder mal geschüttet wie aus Kannen, das hat dann dem natürlichen Damm des damaligen Gletschersees rund 300 Meter oberhalb den Rest gegeben. Innerhalb von wenigen Stunden hat sich der gesamte See entleert, ist in Richtung Tal gerauscht, hat Tonnen von Sedimentgestein mitgerissen. Zum Glück hat dieser riesige Sturzbach die Hütte nicht getroffen. Zerstört hat er unsere Wasserfassungen und unser Wasserkraftwerk. Wir saßen plötzlich ohne Strom und Trinkwasser da, unsere Brücke über den Sulzenaubach war weg. Wir hatten zu dem Zeitpunkt rund 70 Gäste, die konnten am nächsten Tag nicht mehr über die Alm ins Tal. Nach Neustift ging es nur noch übers Peiljoch und die Dresdner Hütte.

Henry Balzer: Das war ein Schlag, der hat oben die ganze Landschaft verändert. Doch wir haben die Kuh recht schnell wieder vom Eis bekommen. Sigmar (der Hüttenwirt; Anm. d. Red.) hat eine Quelle angezapft, konnte so eine provisorische Trinkwasserleitung bauen. Mit dem Hubschrauber wurden ein Notstromaggregat, Fässer mit Diesel und ein Bagger in Einzelteilen hoch geflogen. Bereits Mitte September war wieder alles so weit hergerichtet.

Und die Sektion saß auf erheblichen Kosten. Wie hoch war der Schaden?

Henry Balzer: Rund 130 000 Euro. Klar, wir mussten Geld in die Hand nehmen, auch für eine neue Hauptbrücke. Die ist jetzt massiv, muss, was eine Verbesserung ist, vor dem Winter nicht jedes Mal abgebaut werden wie früher die alte.

Woher hatten Sie so viel Geld? Der Kredit für den Anbau drückte und drückt doch sicherlich auch noch.

Henry Balzer: Unser Hauptverband, der Deutsche Alpenverein, hat unbürokratisch und schnell einen Überbrückungskredit und weitere Beihilfen ausgereicht. Vom Bundesland Tirol gab es eine stattliche Summe aus dem Katastrophenfonds. Wir mussten an unsere Rücklagen und wir haben tolle Mitglieder. Die haben 11500 Euro gespendet. Unterm Strich sind wir mit einem blauen Auge davongekommen.

Wie regeln Pächterin und Sektion eigentlich das Finanzielle?

Henry Balzer: Der Verein ist an den Übernachtungseinnahmen zu 75 Prozent beteiligt und zu einem sehr kleinen Teil am Umsatz bei den Verköstigungen.

Und vom Rest können Sie leben, Frau Gleirscher?

Susanne Gleirscher (schmunzelt): Mehr schlecht als recht. Im Ernst: Wir sind ja nur ein paar Monate oben. Davon allein können wir natürlich unmöglich leben. Deshalb arbeitet mein Mann die übrige Zeit in der Metallbranche. Und ich kümmere mich dann um Wintersportgäste in unserem Privathaus.

In Deutschland klagt die Gastronomie-Branche über Fachkräftemangel. Wie sieht’s bei Ihnen aus?

Susanne Gleirscher: Die Arbeit ist hart, in der Saison stehen wir jeden Tag von 6 bis 22 Uhr unter Strom. Das tun sich heutzutage nur noch wenige an. Unser Koch kommt aus der Slowakei, sein Gehilfe stammt aus Nepal, im Service arbeiten überwiegend Studenten aus Österreich. Unsere jungen Aushilfskräfte wechseln alle vier Wochen, die Fluktuation ist also recht hoch. Aber der Betrieb läuft, denn unsere Kinder Tamara und Simon helfen ja auch noch mit. Sie sind den ganzen Sommer mit oben. So wie ich damals, als mein Vater die Sulzenauhütte bewirtschaftet hat. Ich bin in und mit der Hütte groß geworden.

Sie halten eine Familientradition aufrecht, in vierter Generation. Für wie lange noch?

Susanne Gleirscher: Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Mein Mann und ich machen das jetzt seit 2013. Der Pachtvertrag wird von Jahr zu Jahr verlängert, wir haben keinen Druck. Und ich, ich hab’ noch immer Bock!

Da Sie ja immer auch Service-Mitarbeiter suchen: Hätte ich Chancen, genommen zu werden? Ich mag die Berge.

Susanne Gleirscher: Die Bergwelt mögen, das reicht nicht. Wenn ich Sie so betrachte: Sie halten zwei, drei Arbeitstage durch. Länger nicht.

Von Dominic Welters

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