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Lokales Streit um neues Leibniz-Institut auf Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz
Leipzig Lokales Streit um neues Leibniz-Institut auf Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz
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17:01 19.02.2019
Spitze Ecke zwischen Windmühlen- und verlängerter Brüderstraße: Geografie-Professor Sebastian Lentz (links) mit den Architekten Martin Henchion (Mitte) und Klaus Reuter am Modell des neuen Leibniz-Instituts für Länderkunde. Für die benachbarten (hier grauen) Gebäude gibt es noch keine verbindliche Planung. Quelle: André Kempner
Leipzig

Die zwei Architekten machen einen leicht verdutzten Eindruck. Aber der Bauherr beruhigt sie: „Ich habe mit mehr Protesten gerechnet“, sagt Sebastian Lentz, Direktor des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL). „Der Leuschnerplatz hat für die Leipziger nun mal eine große Bedeutung.“ Sechs Jahrzehnte klaffte die Brachfläche – mitten in der Stadt. Wie berichtet, existiert nach einem internationalen Architekturwettbewerb jetzt ein konkreter Plan für ein erstes neues Gebäude. „Wenn Sie die Leipziger dazu befragen, erhalten Sie wahrscheinlich 600.000 unterschiedliche Meinungen“, spitzt der Geografie-Professor zu.

Seit Dienstag dokumentiert eine Ausstellung im Neuen Rathaus den Architekturwettbewerb um einen Neubau für das Leibniz-Institut für Länderkunde auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz.

Der Siegerentwurf von Martin Henchion und Klaus Reuter sowie die 57 unterlegenen Vorschläge für einen künftigen Institutsbau am Leipziger Innenstadtring sind seit Dienstag im Neuen Rathaus ausgestellt. „Wir sind sehr froh, ein Zeichen zu setzen“, begrüßte Leipzigs Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau die rund 70 Gäste der Eröffnung. „Ein Zeichen für Ihr Institut. Aber auch für den Leuschnerplatz.“

Die Ausstellungsbesucher hatten am Rathauseingang zuvor an etwa 30 Demonstranten vorbei gemusst. Der Leipziger Regionalverband des Naturschutzbunds (Nabu) hatte zum Protest aufgerufen. Nicht ausdrücklich gegen ein neues IfL-Domizil, aber dagegen, „diesen Platz der biologischen Vielfalt ohne Sinn und Verstand zuzubauen“, wie Nabu-Leipzig-Vorsitzender René Sievert den Entscheidungsträgern vorwirft. „Wo heute noch ein Vogel brütet, morgen schon der Bagger wütet“, ist auf einem Plakat zu lesen.

„Biodiversität auf dem Hinterhof“

16 Brutvogelarten haben die Naturschützer auf dem teilweise verwilderten Areal entdeckt. Amsel und Dorngrasmücke beispielsweise ziehen ihren Nachwuchs in Sträuchern groß, von denen es in Leipzigs Innenstadt kaum noch welche gebe, beklagt Karsten Peterlein vom Nabu-Arbeitskreis Vogelschutz. Von „Biodiversität auf dem Hinterhof“, spricht er. Auch der Umweltbund Ökolöwe fordert „mehr Grün“ bei der Bebauung des Wilhelm-Leuschner-Platzes: „Fassadenbegrünung, Dachbegrünung, großzügige Hecken und Bäume“, heißt es in einer Pressemitteilung von Dienstag.

Dagegen will IfL-Chef Lentz die Forderung nach Nachhaltigkeit nicht nur ökologisch, sondern auch sozial verstanden wissen. Die Stadt stehe vor der Aufgabe, einen zentralen Ort mit Leben zu füllen. Architekt Klaus Reuter hält es für sinnvoll, „die Stadt in der Stadt zu verdichten und nicht am Rand“. Mit ihrem Büro sind Henchion und Reuter mittlerweile in Berlin und Dublin ansässig. Von 1992 bis 2000 arbeiteten die beiden jedoch in Leipzig, seit 1994 als Selbstständige. Unter anderem haben sie das Gondwanaland im Leipziger Zoo entworfen.

Die Juroren wussten vor ihrer Entscheidung nichts über die Urheberschaft der jeweiligen Vorschläge. 34,5 Millionen Euro sind für die Errichtung von 5545 Quadratmetern Nutzfläche und Tiefgarage veranschlagt. Das zur Verfügung stehende Areal, das dem Freistaat Sachsen gehört, stellte die Bewerber vor die Herausforderung, dem Bau zwischen Brüder- und Windmühlenstraße eine markante Spitze zu geben.

Warum das Gewinnermodell die Jury überzeugt hat

Am Gewinnermodell habe insbesondere die Idee überzeugt, erklärt Lentz, die Ecke leicht abzubiegen, so dass der künftige Eingang an einem der Schenkel des Gebäudes liegt – und dennoch Richtung Platz zeigt. „Ein Eingang direkt in der Spitze wäre für uns nicht in Frage gekommen“, erklärt Reuter. Auch Lentz findet: „Das wäre nicht einladend.“ Der vordere Bereich soll die Bibliothek und das IfL-Archiv zur Regionalgeschichte beherbergen und offen für alle sein. Dieses Konzept war für die Jury ein weiterer Pluspunkt.

Den Leipziger Bertrand Zunker, der eine Online-Petition „gegen hässliche Neubauten in unserer Stadt“ gestartet hat, beeindruckt das aber kaum. Er nutzte die Ausstellungseröffnung, um den Verantwortlichen vorzuwerfen, sie wollten „nur einen weiteren Betonklotz“ hinstellen. Über Ästhetik lasse sich streiten, entgegnete Lentz, während die zwei Architekten etwas konsterniert schauten. Doch eine gerechtere Entscheidungsfindung als über einen Wettbewerb mit unabhängiger Expertenjury sei schwer vorstellbar. „Und wir möchten schon gern auch, dass es uns gefällt.“

Wenn die Länderkundler wie geplant 2022 von Paunsdorf in die Stadtmitte umziehen, wird es für sie eine Rückkehr sein: Eine geologische Sammlung im damaligen Grassimuseum, wo am Leuschnerplatz heute die Stadtbibliothek ihren Sitz hat, markierte 1896 den Beginn der Forschungseinrichtung. Ob dort seinerzeit neben Wissenschaftlern auch Amseln und Dorngrasmücken brüteten, ist nicht bekannt.

Die Entwürfe sind bis 1. März in der Unteren Wandelhalle des Neuen Rathauses ausgestellt. Öffnungszeiten: montags bis donnerstags, 7 bis 18 Uhr, freitags, 7 bis 16 Uhr.

Von Mathias Wöbking

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