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Lokales „Wunderfinder“: Bildung und Zeit für Kinder aus schwierigen Verhältnissen
Leipzig Lokales „Wunderfinder“: Bildung und Zeit für Kinder aus schwierigen Verhältnissen
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15:08 01.06.2019
Selbstbewusstsein stärken, Horizont erweitern: Edith Bartkowiak (r.) ist Patin bei den Wunderkindern, Trendela Braun koordiniert das Projekt der Stiftung „Bürger für Leipzig“.
Selbstbewusstsein stärken, Horizont erweitern: Edith Bartkowiak (r.) ist Patin bei den Wunderkindern, Trendela Braun koordiniert das Projekt der Stiftung „Bürger für Leipzig“. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Ehrenamtler bilden das Rückgrat der Gesellschaft. In ihrer Freizeit arbeiten sie als Jugendtrainer, geben Schülern Nachhilfe, lesen Kindern Geschichten vor, unterstützen Senioren oder engagieren sich in Flüchtlings-Unterkünften. Die LVZ-Serie porträtiert diejenigen, die das Leben anderer besser machen. Heute: Edith Bartkowiak, Patin im Projekt Wunderfinder, das Kindern aus benachteiligten Familien Bildungswelten geöffnet und ihnen Aufmerksamkeit schenkt.

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Federleicht fällt ein Abschied von Liebgewonnenen nie. Doch Edith Bartkowiak ist sich bewusst: „Keiner von uns ist aus der Welt und das Kontakthalten möglich.“ Im Juni wird die Leipzigerin mit ihren beiden Schützlingen den Abschluss des Wunderfinder-Jahrgangs 2018/19 feiern. Ein Schuljahr lang hat sie mit der elfjährigen Anna* und dem acht Jahre alten Alexander* Welten erschlossen, die zu betreten für viele Heranwachsende zwar selbstverständlich, für andere aber eine Besonderheit ist.

Es geht um Impulse und Unterstützung

Das Projekt Wunderfinder stärkt diejenigen, deren familiäre Situation kaum Chancen auf besondere Aufmerksamkeit, Unternehmungen und geistige Förderungen von Kindern zulässt – aus finanziellen, zeitlichen oder gesundheitlichen Gründen. Seit 2015 leistet die Stiftung „Bürger für Leipzig“ hier Beistand, in jedem Jahr werden aktuell 60 Hortkinder aus vier Leipziger Grundschulen gefördert. Die Idee: Einmal im Monat erkundet ein Erwachsener mit zwei Patenkindern die Stadt. „Dabei geht es nicht um möglichst spektakuläre Unternehmungen“, betont Projektkoordinatorin Trendela Braun, „sondern um Impulse und Unterstützung, die Potenziale der Kinder zu entfalten.“

Kinder werden aufgeschlossener

Wunder warten an scheinbar alltäglichen Orten. Der Besuch einer Bäckerstube, bei einem Imker, in der Oper, bei der Polizei oder im Museum kann neue Welten und Münder öffnen. Braun hat selbst erlebt, wie ein zuvor verschlossenes, schweigsames Mädchen mit der Zeit aufblühte und immer zugänglicher wurde.

Edith Bartkowiak, seit einem Jahr Patin, hat auch bei Anna und Alexander eine deutliche Entwicklung erlebt. „Mit der Zeit wurden sie entspannter, aufgeschlossener und aufnahmefähiger“, berichtet sie. Oft hat sie mit den Patenkindern an den von Trendela Braun organisierten Gruppenausflügen teilgenommen, „und danach ist ein Eis zu dritt ein schöner Abschluss“.

Auf die Wunderkinder wurde sie durch einen Aushang in ihrem Sportverein aufmerksam. „Gesellschaftliches Engagement war mir immer wichtig“, sagt die 1954 in Heilbad Heiligenstadt Geborene, die seit 1975 in Leipzig lebt. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und dem Studium der Ökonompädagogik arbeitete sie 15 Jahre als Ausbilderin in einem Großhandel; als die DDR Geschichte wurde, machte sie sich mit einer Versicherungsagentur selbstständig, die sie im April dieses Jahres verließ.

„Ich habe Spielregeln“

Ein Ruhe(zu)stand scheint zu dieser Frau allerdings so gar nicht zu passen, und deshalb engagiert sie sich. Bei ihrer Tätigkeit für die Wunderfinder profitiert sie von der Erfahrung als Mutter einer Tochter und aus dem Berufsleben. „Ich hatte und habe Spielregeln, in denen Konsequenz sehr wichtig ist.“ Wenn Bartkowiak erzählt, strahlt sie sowohl Entschieden- als auch Offenheit und Herzlichkeit aus. Gute Voraussetzungen für diese Aufgabe.

Eigene Stabilität zählt

Interessiert sich jemand für das Ehrenamt, lädt Braun zum Vorgespräch ein. „Für die Wunderfinder zählen eine stabile Persönlichkeit, Empathie, Zeit und wegen der Unternehmungen natürlich auch eine gewisse körperliche Rüstigkeit“, summiert die Koordinatorin. Die bislang 30 Patinnen und Paten rekrutieren sich zum überwiegenden Teil aus Studenten und Rentnern zwischen 19 und Mitte 70.

Weitere Paten gesucht

Noch für dieses Jahr sucht Braun weitere Engagierte – ein fünfter Hort soll dazukommen, die Zahl der Kinder wächst damit auf 110. Ergo setzt das Projekt bald auf 55 Ehrenamtliche, die den Kindern den Bildungshorizont zu erweitern helfen, aber durch persönliche Zuwendung auch zur emotionalen Stärkung und höherem Selbstwertgefühl ihrer Schützlinge beitragen. Es geht um Vorbildfunktion, es geht ums Mutmachen. Beratung bietet dabei eine Familienpsychologin, auch Weiterbildungen sind möglich.

Für Erwachsene genauso spannend

Die Paten profitieren durchaus selbst von ihrem Aufwand – zum einen ebenfalls emotional, zum anderen weil die „Wunderorte“ für sie oft ebenso spannend sind wie für Kinder. „Privat hätte ich mir nie die Kirow-Werke angesehen oder eine Stadion-Führung mitgemacht, das ist sehr bereichernd“, sagt Bartkowiak.

Zum Abschied hat sie Anna und Alexander jeweils einen Brief geschrieben, der ihnen für ihren weiteren Weg Stärke und Halt geben soll. „Die beiden sind wunderbare Kinder“, sagt sie mit jener Betonung, in der Wärme und feste Überzeugung gemeinsam Platz haben.

*Namen von der Redaktion geändert

Der Link für Patenschafts-Interessierte: www.buergerfuerleipzig.de/diewunderfinder; ein Projektblog über die Ausflüge in Bild und Text steht auf www.diewunderfinder.de. Patenschafts-Interessierte können sich außerdem per Mail an post@buergerfuerleipzig.de oder telefonisch unter 0341 9601530 melden.

Von Mark Daniel