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Lokales Zeugen schildern Gewalt von Polizisten am Connewitzer Kreuz
Leipzig Lokales Zeugen schildern Gewalt von Polizisten am Connewitzer Kreuz
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16:07 10.01.2020
„Das wirkte aggressiv und unkoordiniert“: Polizisten in der Nacht zu Neujahr am Connewitzer Kreuz. Quelle: Foto: dpa
Leipzig

Die Gewalt am Connewitzer Kreuz eskalierte wegen dermutmaßlichen Linksextremisten, bekräftigt die Polizei in ihren Ausführungen zur Silvesternacht, bei der ein Polizist verletzt und im Krankenhaus notbehandelt wurde. Aus der Bevölkerung kommt Widerspruch. Mehrere Zeugen, die am Kreuz das neue Jahr feiern wollten, berichten von hoher Aggressivität auch auf polizeilicher Seite.

Das Verhalten der mutmaßlichen Linksextremisten, die in der Nacht zum 1. Januar die Polizei provoziert, verhöhnt und mit Feuerwerk beworfen haben, verurteilt Catrice Toporski ohne Einschränkung. Doch auch das Verhalten der Polizei sieht sie kritisch. Die Anwohnerin widerspricht Polizeipräsident Torsten Schultze, der im LVZ-Interview von einer Strategie der Zurückhaltung spricht und dass die Beamten zunächst keine Helme getragen hätten.

„Beamte von Beginn an mit Helmen“

„Ich stand seit etwa 23.30 Uhr am Connewitzer Kreuz“, sagt die Anwohnerin. „Von Beginn an habe ich Beamte mit Helmen gesehen – übrigens anders als in den Vorjahren.“ Zudem hätten Personenkontrollen und Hubschrauberflüge im Vorfeld viele im Viertel als Signale für ein hartes Durchgreifen gewertet.

Irritierend fand Toporski die Verschiebe-Taktik der Polizei. Statt sich wie zuletzt an den Rändern zu postieren und zu beobachten, seien diesmal Gruppen quer über das Kreuz und zurück gegangen, manchmal gespurtet. „Das wirkte zum einen aggressiv und provokativ, zum anderen oft unkoordiniert. Plötzlich standen drei Polizisten abgehängt allein da.“

„Einkaufswagen nicht in Polizei gefahren“

Die Attacke auf den dabei verletzten und später im Krankenhaus operierten Beamten hat Toporski nicht gesehen. Der brennende Einkaufswagen sei aber nicht, wie zunächst behauptet, in eine Polizeigruppe geschoben worden, sondern nach ein paar Metern auf der Straße stecken geblieben. Diese Beobachtung bestätigt der Leipziger Stadtrat Thomas Kumbernuß (Die Partei). Hinzu kommt: Ein auf „Zeit online“ erschienenes, von der Redaktion verifiziertes Video zeigt unter anderem, wie der brennende Einkaufswagen vom Mittelteil des Kreuzes aus in Richtung Wolfgang-Heinze-Straße geschoben wird und nach wenigen Metern liegen bleibt. Laut Kumbernuß stürzten sich die Beamten auf einen Mann. Danach seien Vermummte dazu gestürmt und hätten einen Polizisten massiv attackiert. Bei einer nach dem Gerangel ebenfalls bewusstlosen Person wollte Kumbernuß erste Hilfe leisten. Ein Polizist habe gerufen, er solle sich verpissen.

Männer zu Boden gerissen

Kurz darauf drehte sich laut Schilderungen auf beiden Seiten die Gewaltspirale hoch. Catrice Toporski berichtet, dass drei auf dem Bürgersteig stehende junge Männer von einem heranstürmenden Polizeitrupp „ohne jede Warnung umgerannt wurden, zwei stürzten zu Boden“. Keiner der drei habe sich in den Weg gestellt, sondern sei überrascht worden.

Till R.*, ebenfalls Connewitzer, stellte sich nach eigenen Angaben zwischen Beamte und eine von ihnen zu Boden geworfene Frau, um diese zu schützen. „Daraufhin bekam ich einen Faustschlag ins Gesicht und einen Tritt in den Bauch“, berichtet der 25-jährige. Der Auszubildende im medizinischen Bereich betont, die Einsatzkräfte zuvor nicht provoziert zu haben.

Polizei verspricht Auswertung

Polizeisprecher Uwe Voigt sagt zu den Vorwürfen: „In den oft unübersichtlichen Situationen mit schnellem Handlungsbedarf können wir nicht ausschließen, dass Unbeteiligte zur Seite gestoßen wurden. Die Beamten wollten ihren Verletzten aus der Gefahrensituation bringen beziehungsweise den handelnden Tätern habhaft werden. Wir sind weiterhin dabei, die Geschehnisse auszuwerten.“ Menschen, denen von Beamten Gewalt angetan worden sei, bittet er darum, sich bei der Polizei zu melden. „Bisher sind uns keine Anzeigen dazu bekanntgeworden. Auch uns ist daran gelegen, sauber alles aufzuarbeiten.“

Jonathan K.* wird das Angebot nicht annehmen. „Die Aufklärungsquote schwankt zwischen einem und zwei Prozent – dafür überlasse ich der Polizei nicht alle meine Daten. Ich habe kein Vertrauen in die Aufklärungsarbeit.“ Der 19-Jährige sagt, dass er von einem heranstürmenden Beamten ins Gesicht geschlagen worden sei. „Ich habe stark aus der Nase geblutet.“ Er habe im Weg gestanden, ihn aber nicht versperrt, versichert er.

Aus Misstrauen und aus Angst vor Repressalien lehnen viele Zeugen oder mutmaßliche Opfer eine Namensnennung ebenso ab wie eine Anzeige.

Connewitzer lehnen Sippenhaft ab

Generell bedenklich findet es Catrice Toporski, „wenn Kritiker polizeilichen Verhaltens pauschal in die linksextreme Ecke gedrückt werden“. Wenn im Rechtsstaat keine Kritik mehr möglich sei, versagt dieser. Die 39-jährige freiberufliche Übersetzerin und Lektorin empfindet Connewitz als heterogenen und lebenswerten Stadtteil. „Wegen ein paar gewalttätigen Idioten darf man uns nicht in Sippenhaft nehmen.“ Sie sieht eher Fragezeichen hinter der umstrittenen Öffentlichkeitsarbeit der Polizei, die Äußerungen zu Ereignissen der Nacht und zum Zustand des verletzten Beamten korrigierte.

Thomas Kumbernuß macht über die Kritik hinaus einen konstruktiven Vorschlag: „Mehrere Akteure wie Polizei, Stadt und Initiativen sowie Vereine sollten sich an einen Tisch setzen, um ergebnisoffen und konstruktiv zu beraten, wie Silvester am Kreuz friedlicher ablaufen kann.“ Er kann sich vorstellen, ein für sein mediatorisches Verhalten bekanntes Security-Unternehmen ins Boot zu holen, das für Sicherheit am Kreuz sorgen könnte.

Zu dem Vorschlag äußert sich Polizeisprecher Voigt: „Wir haben den Vorschlag zur Kenntnis genommen. Die Polizei ist immer gesprächsbereit. Dazu bedarf es aber auch der Zusammenarbeit mit den anderen Behörden“.

*Nachname ist der Redaktion bekannt und wurde auf Wunsch weggelassen.

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