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Lokales Wie der Leipziger Wonneberger den Prager Frühling erlebte
Leipzig Lokales Wie der Leipziger Wonneberger den Prager Frühling erlebte
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00:23 23.08.2018
Diesen Panzer hat Christoph Wonneberger 1968 in Prag fotografiert.
Diesen Panzer hat Christoph Wonneberger 1968 in Prag fotografiert. Quelle: Christoph Wonneberger
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Leipzig

Pfarrer i.R. Christoph Wonneberger (74), der schon legendär zu nennende Akteur der Friedlichen Revolution und Begründer der Friedensgebete, wurde, wie er gern selbst betont, mit den Ereignissen des Prager Frühlings zu einem politischen Menschen. Mit größter Sympathie verfolgte er die Demokratisierungsbewegung in der damaligen CSSR. Regelmäßig war der Theologiestudent ins DDR-Nachbarland gereist und erlebte vor Ort den angestrebten Wandel von der Diktatur sowjetischer Prägung zu einem demokratischen Sozialismus. So war er auch am Vorabend des 21. August 1968 in Prag. Er war zu dieser Zeit meist allein unterwegs, lernte als redseliger Mensch aber schnell Sympathisanten kennen, er spürte in jenen Stunden nichts von den Ereignissen, die kommen sollten. „Prag zeigte sich munter wie immer, in den Straßen standen die Leute und sprachen miteinander, die einen französisch, die andern englisch und immer wieder auch deutsch. Keiner ahnte, dass der nicht vollkommenen Freiheit nur noch wenige Stunden bleiben sollten“, erinnert sich Wonneberger.

Er dachte erst, er hört Presslufthämmer

Der junge Mann wohnte in einem Studentenheim mitten in der Stadt. Am Morgen des 21. August wurde er, wie er damals meinte, von Baulärm aus dem Schlaf gerissen: „Können die denn nicht später mit der Arbeit anfangen?“, dachte er und erfuhr kurz darauf, dass das Hämmern nicht von Presslufthämmern, sondern von den Kalaschnikows der Sowjets stammte. Wonneberger ging trotzdem in die Stadt. „Kopflos“ hat er Prag erkundet, er wusste, dass das gefährlich ist. Hinter der Brüstung des Nationalmuseums musste er Schutz suchen, als russische Panzer zu feuern anfingen. Wonneberger suchte nach dem Hotel, in dem ein Reporter des Deutschlandfunks untergekommen war. Den Journalisten Christian am Ende hatte er in den Tagen und Wochen zuvor oft in seiner Studentenunterkunft in Rostock im Radio gehört. Zu ihm wollte Wonneberger direkt Kontakt aufnehmen. Er traf ihn schließlich am Wenzelsplatz. Von Christian am Ende war am 21. August im Deutschlandfunk zu hören: „Vor dem Gebäude des Zentralkomitees sind inzwischen 20 Panzer aufgefahren, Tschechen diskutieren mit sowjetischen Soldaten. Dem kleinen Volk der Tschechoslowaken bleibt nichts weiter übrig als passiver Widerstand, Generalstreik und Obstruktion. Um zwölf Uhr läuteten die Glocken in Prag und heulten die Sirenen, kein Verkehrsmittel fuhr um diese Zeit. Die Demonstranten protestieren, indem sie auf die sowjetischen Panzer springen und tschechoslowakische Fahnen anbringen, die von den Russen beseitigt werden. Man hört allerorts böse, gegen die Sowjets gerichtete Rufe wie ,Faschisten, Faschisten!‘“

Wonneberger übersetzt Flugblätter gegen die Intervention ins Deutsche

Die Bilder aus Prag, wie junge Tschechen die Sowjet-Panzer stürmen, haben sich Wonneberger unauslöschlich eingeprägt: „Mit Spitzhacken sind die Prager auf die Panzer gesprungen, um die Fässer mit Diesel zu zerhacken und die Panzer anzuzünden. Und die jungen Russen, die drin saßen, reagierten panisch und feuerten wild um sich. Mir wurde in jenen Tagen in Prag eins klar: Was hier abläuft, ist zwar sehr mutig, Gewalt kann aber nicht die Lösung der Probleme sein.“ Der Pazifist lernte auch Studenten kennen, die etwas gegen den Einmarsch tun wollten, er übersetzte deren Flugblätter gegen die Intervention ins Deutsche. Noch war ja nicht gewiss, ob nicht auch Soldaten der Nationalen Volksarmee mit einmarschieren werden im sozialistischen Bruderstaat.

Pamphlete unter der Wäsche versteckt

Zwei Wochen blieb Wonneberger in Prag. Dann packte er einige Drucksachen in seinen Rucksack und trampte zur Grenze nach Schmilka in der Sächsische Schweiz. Zu Fuß ging er rüber und hatte Glück. Die Grenzer interessierten sich nicht für ihn. Die politischen Pamphlete hatte er im Rucksack durch Wäsche verdeckt. Im Zug nach Dresden erzählte er den Leuten, was er in den letzten Tagen erlebt hatte. Dass er kurz darauf auf einer Fahrt nach Görlitz fest genommen wurde, hatte wohl auch damit zu tun. Verhöre bei der Stasi folgten, aber keine weiteren Repressalien. Wonneberger kam schnell wieder frei.

Ein Sommer, der für immer geprägt hat

„Dieser Sommer ist für mich nachhaltig bis heute“, sagt er rückblickend. Zum Jahrestag des Prager Frühlings besucht er nach vielen Jahren wieder einmal Prag. Ein TV-Team will mit ihm vor Ort erinnern. Und wie sieht dieser „politische gewordene Mensch“ heute die Welt? „Ich bin zunehmend enttäuscht von der Parteien-Demokratie und hege Sympathien mit sich neu bildenden Bürgerinitiativen. Ich könnte mir auch vorstellen, für eine Sammlungsbewegung wie ,Aufstehen‘ aktiv zu sein. Nur muss ich mir vorher klar werden, welche Leute dafür wirken und welches Programm sie konkret vertreten wollen.“

Von Thomas Mayer

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19.08.2018
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