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Lokales Zwei neue Schulen für Wiederitzsch – doch die Alteigentümer gehen leer aus
Leipzig Lokales Zwei neue Schulen für Wiederitzsch – doch die Alteigentümer gehen leer aus
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08:40 14.03.2019
Auf dem früheren Werksgelände zwischen der Seehausener Straße und der Messe-Allee will die Stadt Leipzig nun eine Oberschule und ein Gymnasium bauen. Sowohl die S-Bahn-Station als auch die Straßenbahnlinie 16 sind jeweils nur 500 Meter Fußweg entfernt. Quelle: LVZ
Leipzig

Im letzten Jahr hat die Stadt Leipzig ein 3,6 Hektar großes Areal in Wiederitzsch von „Privatbesitzern“ gekauft. 5,2 Millionen Euro blätterte die Kommune für die riesige Brache zwischen Seehausener Straße und Messe-Allee hin, um dort zeitnah eine Oberschule und ein Gymnasium für insgesamt 1750 Schüler bauen zu können – samt Turnhalle und Freianlagen.

Als Matthias Kaufmann, der Leiter des Leipziger Liegenschaftsamtes, den Grundstückserwerb stolz verkündete, war für Willi Müller-Preißer wieder so ein trauriger Tag. Denn der Kaufmann aus Hamburg kämpft seit Jahrzehnten um ein Stück Gerechtigkeit für seine Familie bei dieser Fläche – bisher ohne jeden Erfolg.

Modernstes Säge- und Furnierwerke in Europa

Die Familie Müller-Preißer wurde in Leipzig gleich mehrfach enteignet. Ende 2017 erhielt sie schließlich einen 34-seitigen Ablehnungsbescheid. Demnach steht ihr auch keinerlei Entschädigung für das frühere Holzverarbeitungswerk F. Moritz Müller in Wiederitzsch zu. Das war einst der mit Abstand größte Arbeitgeber im Norden der Messestadt. Gegründet 1878 von Friedrich Moritz Müller, der aus Döbeln stammte, hatte sich das Unternehmen so gut entwickelt, dass es 1918 eine 66 Hektar große Fläche in Wiederitzsch kaufen konnte. Dort entstand alsbald eines der größten und modernsten Säge- und Furnierwerke in Europa. Georg und Willy Müller, die beiden Söhne des Firmenpatriarchen, finanzierten auch maßgeblich den Bau der Straßenbahnlinie bis nach Wiederitzsch (heute Linie 16), wo das Werk mit dem Bau von Fässern und Furnieren bestens florierte. Das Haupthaus war so riesig, dass es landläufig „Zeppelinhalle“ genannt wurde. Ein Großteil des Exports ging in die Sowjetunion. Die ganze Unternehmensgeschichte findet sich im Internet unter www.fmoritzmueller.de.

Das Holzveredelungswerk in Wiederitzsch war jahrzehntelang der größte Betrieb im Leipziger Norden. Nach der Wende wurde es geschlossen und abgerissen. Quelle: LVZ-Archiv

Vor Enteignung unter falschen Vorwürfen verhaftet

Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1948, wurde Willy Müller unter falschen Anschuldigungen in der Wächterstraße inhaftiert. Sein Bruder Georg, der nie NSDAP-Mitglied war, konnte als 72-Jähriger noch in den Westen fliehen. Das Werk in Wiederitzsch wurde verstaatlicht, angeblich, weil dort im Krieg Zwangsarbeiter beschäftigt worden seien. Zu DDR-Zeiten zählte es als VEB Holzveredelungswerk Leipzig 1200 Beschäftigte.

Treuhand verkaufte Fläche an andere „Investoren“

Gleich nach der Deutschen Einheit 1990 kam der damals 30-jährige Willi Müller-Preißer nach Leipzig, um gemeinsam mit der Familie (die im Westen einen neuen Holzhandel aufgebaut hatte) das Erbe seines Großvaters wieder aufzunehmen. „Wir wollten in Wiederitzsch investieren, das Werk in etwas kleinerer Form aufrechterhalten.“ Doch die Belegschaft vor Ort zeigte kein Interesse an einer Zusammenarbeit, erinnert er sich. Bald darauf kam das Werk in die Hände der Treuhand, es wurde auf 200 Mitarbeiter verkleinert, dann an einen „vermeintlichen Investor“ ohne Bezug zur Firmengeschichte verkauft und geschlossen. Vor Ort sind längst alle Bauten abgerissen.

Keinerlei Entschädigung für die 66 Hektar

In Jahrzehnte dauernden Rechtsverfahren wurden alle Ansprüche der Alteigentümer abgewiesen: erst die auf Rückgabe der 66 Hektar, dann die auf finanzielle Entschädigung. „Ohnmächtig müssen wir zusehen, wie zu horrenden Summen unser ehemaliger Besitz weiterverkauft wird und sich Leute daran bereichern“, moniert Müller-Preißer. Dabei habe die Stadt Leipzig in ihren Mitteilungen weder erwähnt, von wem sie die Teilfläche für die Schulen jetzt erwerben konnte, noch wem das ganze Areal früher gehörte. „Das hat Methode. Niemand erfährt, wer das Fundament für das Holzveredelungswerk legte und dass es die Inhaber-Familie noch heute gibt. Sie hätte gern wieder auf ihrem angestammten Firmensitz gewirtschaftet“, versichert er.

Auch Fassdauben waren ein wichtiger Produktionszweig im Holzveredelungswerk Müller in Wiederitzsch Quelle: LVZ-Archiv

Beweislast im Verfahren umgekehrt

Letztlich seien die Gerichte der Auffassung gefolgt, das Werk sei noch vor Gründung der DDR 1949 enteignet worden, erklärt Müller-Preißer. Wahrscheinlich stimme das nicht, doch seine Familie hätte das Gegenteil nicht beweisen können – trotz Indizien für einen späteren Termin.

Gewinne strichen Spekulanten ein

Der Kaufmann wünscht sich, dass man Lehren aus der Geschichte zieht, um Wiederholungen zu verhindern. „So wie uns erging es Tausenden von Mittelständlern, denen man ein aktives Aufbauen ihres ehemaligen Betriebes aus rein politischen und fiskalischen Gründen verwehrt hat.“ Stattdessen habe die Regierung Kohl unrechtmäßige Enteignungen sanktioniert in der falschen Annahme, aus dem Immobilienvermögen Ostdeutschlands Milliarden-Gewinne zu erzielen und so den Aufbau Ost leichter zu finanzieren. „Das Gegenteil war und ist der Fall.“ Gewinne hätten Spekulanten gemacht, wie das Beispiel in Wiederitzsch zeige.

Über 100 000 Euro für fruchtlose Prozesse

Übrigens: Die Firma seines anderen Großvaters Fritz Preißer, der Steinbrüche auch in Beucha (Spittelbruch) besaß, erlitt zu DDR-Zeiten angeblich einen Konkurs. Fritz Preißer kam zuvor – während der Gründung der sozialistischen Republik – im Bautzener Gefängnis „Gelbes Elend“ ums Leben. Doch auch hier entschieden die Gerichte nach der Wende, dass die Nachfahren keinerlei Ansprüche hätten. Für all die fruchtlosen Prozesse haben sie weit über 100 000 Euro bezahlen müssen.

Von Jens Rometsch

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