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Morde an Frauen: Die unerkannte Pandemie Femizid

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11:15 02.07.2020
„Jeden 3. Tag wird eine Frau von ihrem (Ex)Partner ermordet“: Graffiti in einer Unterführung am Auwald. In diesem wurde Myriam Z. ermordet. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Als ich am Mittag des 8. April, mitten im Corona-Lockdown, meine gewohnte Joggingrunde durch den Auwald im Leipziger Süden laufe und hinter der Unterführung Teichstraße rechts abbiege, komme ich nicht weit. Kurz vor dem Sportplatz Neue Linie sperrt ein weiß-rotes-Band den Weg ab. Im linken Augenwinkel sehe ich einen Polizeiwagen. Ich frage die Polizistin am Auto, warum hier abgesperrt sei. Dort sei ein Tatort, sagt sie. Später lese ich zuhause: „Frau bei Angriff im Leipziger Auwald verletzt”. Zwei Tage später stirbt die 37-jährige Myriam Z. an ihren Verletzungen.

Mehr zum Thema: Berichterstattung über Femizide: Sachlich, objektiv und distanziert

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Was uns nah ist, lässt uns schwerer los. Wäre ich eine Stunde früher losgelaufen, hätte ich Myriam Z. finden können.

Ich bin fassungslos und wütend ob dieses Verbrechens. Dringend tatverdächtig ist der Ex-Partner Edris Z. der Ermordeten, der seit April in Untersuchungshaft sitzt. Bereits in einem früheren Verfahren hatte Myriam Z. ein Annäherungsverbot gegen ihn erwirkt.

Es gibt keine Erklärung für Frauenmorde? Doch. Es gibt sogar ein Wort dafür

Ich bin wütend, nicht nur über den Mord, sondern auch wie darüber berichtet wird - auch in dieser Zeitung. Darüber möchte ich hier schreiben.

In einem der ersten Artikel in der LVZ kommt ein Bekannter des Verdächtigen zu Wort. Angesprochen auf das Annäherungsverbot wird er über seinen Freund zitiert: „Er fühlte sich ungerecht behandelt und schikaniert“. Damit versucht der Autor Verständnis für den Ex-Freund zu erwecken. Zudem deutet er damit sogar an, die Verstorbene sei selbst schuld an ihrem Tod - wäre sie nur nicht gegen ihren Ex-Partner vor Gericht gezogen. Wie kann es sein, dass ein Journalist versucht, einen Mord ein Stück weit zu rechtfertigen?

Der Artikel schließt mit den Worten: „Für ein Drama von solcher Tragweite gibt es manchmal keine Erklärung.“ Doch, die gibt es. Es existiert ein Wort dafür: Femizid, der Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist.

Myriam Z. musste nicht aufgrund eines unglückliches Zufalls sterben. Genau wie die Leipzigerin Sophia Lösche, die beim Trampen entführt und getötet wurde. Oder die schwangere Frau, die 2017 in Altlindenau ermordet wurde. Sie alle mussten sterben, weil sie Frauen waren.

Das Wort Femizid wurde 1976 von der Soziologin Diana E. H. Russell geprägt. Im spanischsprachigen Raum sagt man Feminizid, eine sprachliche Feinheit, die noch auf die Verantwortung des Staates verweisen soll. In Spanien, Argentinien oder Mexiko ist Femizid bereits ein eigener Straftatbestand. Auch die WHO benutzt diesen Begriff.

Frauenmorde sind keine zufälligen, privaten Tragödien

In Deutschland dagegen, sprechen Medien weiterhin von einer „Familientragödie“, einem „Eifersuchtsdrama“ oder einer „Beziehungstat“. Dadurch verschleiern sie, dass diese Morde passieren, weil es in unserer Gesellschaft immer noch keine Gleichberechtigung gibt. Die Morde werden so auch zu privaten Fällen erklärt. Dass Frauenfeindlichkeit gesellschaftlich weit verbreitet ist, wird dagegen unterschlagen.

Dazu kommt, dass das Problem weggeschoben wird. Der Mörder aus dem Auwald Edris Z. ist Deutscher, in den Medien wurde er aber bei jeder Gelegenheit als gut integrierter Afghane dargestellt. Die Behauptung, dass jemand mit einem deutschen Pass noch kein „richtiger“ Deutscher sei, ist nicht nur rassistisch - sie suggeriert auch: Dieses Problem gibt es bei uns nicht, das gibt es nur bei den Anderen.

Die Leipziger Schriftstellerin Bettina Wilpert Quelle: Sabrina Richmann

Die AfD und Neue Rechte Gruppen verwenden diese Erzählung, mit der sie nur scheinbar Frauen schützen, aber eigentlich ihren Rassismus legitimieren wollen. Nur: Es ist egal, woher ein Täter kommt. Denn Täter wie die Opfer von Femiziden, das zeigen Statistiken, kommen aus allen möglichen Milieus und Bevölkerungsgruppen.

Es braucht übrigens keinen Mord, damit Gewalt gegen Frauen verharmlost wird. Im Mai erschien ein anderer Artikel in dieser Zeitung, der vor allem viel Verständnis für die Seite des Täters aufbrachte und nicht etwa für die Betroffene. In dem Artikel über die Schließung der Connewitzer Bar Pivo wurde angenommen, der Barbesitzer habe seine Kneipe schließen müssen, weil man ihm einen sexualisierten Übergriff vorgeworfen hatte.

Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann eine Frau umzubringen

Andere Gründe, wie die prekäre Lage der Gastronomie in Corona-Zeiten oder auch die Baustelle auf der Bornaischen Straße, wurden ausgeblendet. Der Artikel war vor allem voyeuristisch. Gewalt gegen Frauen wurde darin nicht als gesellschaftliches Problem thematisiert, stattdessen wurde dem Täter eine Bühne gegeben.

Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann eine Frau umzubringen. Jeden zweiten bis dritten Tag gelingt es. Laut der Statistik „Partnerschaftsgewalt“ des BKA wurden 2018 122 Frauen ermordet, 2017 waren es 147. Die Tatorte sind in ganz Deutschland: Schwäbisch Gmünd, Borna, Chemnitz, Haldensleben. Als Tatwaffen werden Messer, Baseballschläger oder die bloßen Hände eingesetzt.

Zwei Drittel der Femizide passieren während oder nach der Trennung. Nicht in der BKA-Statistik werden Transfrauen aufgeführt, da sie unter männliche Opfer gezählt werden. Dabei sind gerade Personen, deren Sexualität nicht in herkömmliche Muster passt, häufiger Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt.

Auch Frauen mit Migrationshintergrund oder Behinderung haben ein höheres Risiko, Gewalt zu erfahren. Gewalt gegen Frauen kommt damit einer Schattenpandemie gleich, die, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, alle paar Tage ein neues Opfer findet.

Kurz nach dem 8. April wurde im Auwald ein Gedenkort mit Plakaten und Kerzen eingerichtet, der an Myriam Z. erinnert. Die Unterführung Teichstraße zum Auwald wurde weiß gestrichen und beschriftet: Ni una menos, spanisch für „keine mehr“. So heißt auch die feministische Bewegung in Südamerika, die dort durch Demonstrationen auf Femizide aufmerksam machte und so ein Umdenken in Gang brachte.

Um Frauenmorde zu bekämpfen, muss anders über sie gesprochen werden

Auch in Leipzig fand im Mai ein Aktionstag statt, bei dem mehr als 500 Personen gegen sexualisierte und häusliche Gewalt demonstrierten – auch vor dem Gebäude der LVZ. Zudem gründete sich eine Initiative: #KeineMehr Leipzig. In einem offenen Brief an die LVZ fordern sie eine „verantwortungsvolle Berichterstattung bei Gewalt gegenüber Frauen, trans*, inter-, nichtbinären Personen und Queers“. Berichterstattung, so die Initiative, solle Femizide als solche benennen und nicht mehr als private Tragödien ansehen - sondern als dauernd wiederkehrendes gesellschaftliches Problem.

Ich bin überzeugt: Um Frauenmorde zu bekämpfen, muss anders über sie gesprochen werden. „Die Medien sind dabei ein Schlüssel, um etwas zu verändern.“, sagt auch eine der #KeineMehr-Aktivistinnen.

Wörter verändern nicht die Welt, aber sie beschreiben sie und bestimmen unser Denken. Medien haben einen großen Einfluss auf öffentliche Diskussionen und den Diskurs zu Themen. Sie tragen eine Verantwortung darin, wie sie berichten. Ein erster Schritt, um Frauen vor Gewalt zu schützen, ist, dass die Medien anders berichten und nicht mehr von „Beziehungsdrama“ oder Ähnlichem schreiben, sondern die historisch gewachsene Ungleichstellung von Männern und Frauen thematisieren und die Taten benennen: als Femizid.

Hier gibt es Hilfe für Betroffene

Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking (KIS): Tel. 0341 3068778; E-Mail kontakt@kis-leipzig.de

Opferhilfe Sachsen: Tel. 0341 2254318; E-Mail leipzig@opferhilfe-sachsen.de

Antisexistischer Support Leipzig: E-Mail support-asl@riseup.net

Beratungsstelle für Frauen: Tel. 0341 3919791

1. Autonomes Frauenhaus: Tel. 0341 4798179

Frauen- und Kinderschutzhaus: Tel. 0341 2324277

Schutzhaus für geflüchtete Frauen S.H.E.: Tel. 0341 44238229

Kinderschutz-Zentrum: Tel. 0341 9602837

Notruf für sexuell missbrauchte und vergewaltigte Frauen und Mädchen: Tel. 0341 30610800; E-Mail kontakt@frauennotruf-leipzig.de

Zur Person: Bettina Wilpert

Die Schriftstellerin ist geboren 1989 bei Altötting und lebt und arbeitet als Trainerin für Deutsch als Fremdsprache in Leipzig. Ihr Debütroman „nichts, was uns passiert“ (2018) erzählt die Geschichte von Anna und Jonas, die nach einer Geburtstagsfeier Sex haben. Aber Anna sagt: Sie wurde vergewaltigt. Der Roman handelt davon, wie unsere Gesellschaft mit sexualisierter Gewalt umgeht. Er wurde mit dem Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen ausgezeichnet. Außerdem erhielt Wilpert den ZDF-“aspekte“-Literaturpreis für das beste literarische Debüt.

Von Bettina Wilpert