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Polizeiticker Leipzig Gewaltexzess in Zelle 258 der JVA Leipzig – sechs Jahre Haft
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Gewaltexzess in Zelle 258 der JVA Leipzig – sechs Jahre Haft
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20:22 16.11.2017
Blick auf die JVA Leipzig. (Archiv) Dort ist ein Häftling von Zellengenossen schwer misshandelt worden.  Quelle: dpa
Leipzig 

„Man hofft, dass sich die Angeklagten vor sich selbst erschrocken haben“, sagte der Vorsitzende Richter Jens Kaden. Wegen schwerer Misshandlung und sexueller Demütigung eines Häftlings in der JVA Leipzig verurteilte das Landgericht am Donnerstag zwei ehemalige Zellengenossen zu hohen Haftstrafen. „Das war eine Ausuferung von Gewalt, die man nicht hinnehmen kann“, so der Richter. Die vielfach vorbestraften Gewalttäter Sylvio H. (26) und Hannes F. (26) erhielten sechs Jahre beziehungsweise sechs Jahre und einen Monat Freiheitsentzug. Sie gestanden zuvor ein, am 14. Januar 2017 in der Vier-Mann-Zelle 258 ihren Mitinsassen Per F. (38) massiv geschlagen, getreten sowie sexuell erniedrigt zu haben. Sie schnitten ihm mit Messer und Gabel in den Penis, wollten zur Vertuschung ihres Übergriffes seinen Selbstmord vortäuschen. Er kam ihrer Forderung nach, sich mit einer Schlinge um den Hals von einer Fensterbank zu stürzen. Als er bereits das Bewusstsein verloren hatte, durchtrennten sie die Schlinge. Das Motiv blieb unklar.

Staatsanwaltschaft lässt Vorwürfe teilweise fallen

„Da hat sich etwas entladen, was schwer nachvollziehbar ist – ausgehend vom Gefühl, selbst gescheitert zu sein“, meinte Ingo Stolzenburg, einer der Verteidiger. Einen Teil weiterer Vorwürfe hatte die Staatsanwaltschaft fallenlassen. Das Opfer (es saß wegen Diebstahls ein) erlitt etliche Knochenbrüche. Per F. erschien – offenbar aus Angst oder Scham – nicht als Zeuge vor Gericht. Der dritte Angeklagte, der bei der Gewaltorgie zusah, machte sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. In seine Strafe von einem Jahr und zehn Monaten floss ein anderes Urteil ein. Richter Kaden machte bei der Urteilsverkündung die „verfehlte Sparpolitik“ des Freistaats Sachsen dafür mitverantwortlich, dass es zu dem Gewaltexzess kommen konnte. Die JVA Leipzig sei chronisch mit zu wenig Personal ausgestattet, „die Mitarbeiter stoßen an ihre Grenzen“. In der Tatnacht waren nur vier Bedienstete und ein Anwärter für 400 Gefangene zuständig. JVA-Beamten zufolge besserte sich seither kaum etwas. Der Richter kritisierte zudem eine „verfehlte Flüchtlingspolitik“. Wegen der Vielzahl entwurzelter, straffälliger junger Männer, die nach Deutschland kommen, seien die Gefängnisse überfüllt. Das erhöhe das dort ohnehin vorhandene große Konfliktpotenzial.

Von Sabine Kreuz