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Polizeiticker Leipzig Sextäter belästigt 13-Jährige in Online-Chats
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Sextäter belästigt 13-Jährige in Online-Chats
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20:01 23.10.2018
Angeklagter Michael M. mit seinem Anwalt Matthias Zrost im Gerichtssaal.
Angeklagter Michael M. mit seinem Anwalt Matthias Zrost im Gerichtssaal. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Er gaukelte seinen minderjährigen Opfern eine falsche Identität vor und verlangte von ihnen Nacktfotos: Ein Leipziger Sexualstraftäter machte sich in sozialen Netzwerken an Teenager heran und verbreitete Kinderpornos. Der Prozess gegen ihn am Dienstag am Landgericht zeigt erneut, welche Gefahren für Heranwachsende im Internet lauern.

Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft warf Michael M. (33) im November 2014 von seiner Wohnung in Leipzig-Großzschocher virtuelle Netze aus. So gab er sich im Kik-Messenger, der wie ein öffentlicher Chat funktioniert, als „Martin“, 17 Jahre, aus Baden-Württemberg aus und fand Kontakt zur 13-jährigen Lara (*). Die Schülerin wollte er nach Aktenlage sogar in sexueller Absicht besuchen, später schickte er ihr per WhatsApp kinderpornografische Bilder zu. Das war es auch, was er von ihr verlangte. Sie sollte sich in eindeutigen Posen fotografieren und ihm die Aufnahmen zuschicken, geht aus der Anklageschrift hervor. Allerdings ging das Mädchen nicht darauf ein, auch wenn er sie den Ermittlern zufolge weiterhin mit Sexfotos und pornografischen Textnachrichten belästigte.

Bundesbeauftragter warnt

Am 5. Juli 2015 stieß Michael M. via Facebook auf die ebenfalls 13 Jahre alte Paula. Laut Anklage stellte er sich als Lehrling „Michi Müller“ vor. Über WhatsApp erschlich er sich ihr Vertrauen. Und schon vier Tage später schickte er ihr ein Foto seines Geschlechtsteils sowie Audioaufnahmen mit Selbstbefriedigungsgeräuschen, so die Tatvorwürfe. Die Schülerin antwortete mit einem Bild ihres Oberkörpers, bekleidet mit einem BH. Auf mehr ließ sich auch Paula zum Glück nicht ein.

„Sobald das erste sexualisierte Foto verschickt ist, haben die Täter und Täterinnen ein perfektes Druckmittel in der Hand“, warnt etwa der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs vor diesem sogenannten Cyber-Grooming (englisch: anbahnen, vorbereiten). „Sie drohen dem Mädchen oder Jungen, das Bild in seinem Bekanntenkreis zu verbreiten, wenn das Kind nicht tut, was der Täter oder die Täterin verlangt. In aller Regel verlangen sie weitere Bilder oder gar Filme, die sexuelle Handlungen zeigen. Manche Täter und Täterinnen wiederum nutzen die Materialien, um das Kind oder den Jugendlichen zu einem persönlichen Treffen zu zwingen, bei dem sie das Kind sexuell missbrauchen.“

Risiko für Kinder steigt

Nahezu jeder Dritte im Kinder- und Jugendalter habe bereits „persönliche Erfahrungen mit der Zusendung fremder beziehungsweise unerwünschter Nachrichten im Internet gemacht“, teilte das sächsische Innenministerium unter Verweis auf eine Studie voriges Jahr auf eine Anfrage der AfD-Fraktion mit. „Durch die zunehmende Digitalisierung und Nutzung neuer Medien in der Altersgruppe Kinder und Jugendliche steigt das Risiko, durch einen Cyber-Groomer sexuell kontaktiert zu werden.“ Seit dem Jahr 2012 seien insgesamt 129 Fälle mit 104 Tatverdächtigen zur Straftatengruppe sexueller Missbrauch, speziell das „Einwirken auf Kinder mit dem Tatmittel Internet“ erfasst. Zwei dieser Täter kamen in Haft, zwölf mit Bewährungsstrafen davon.

Auch Michael M. wurde am 28. Februar dieses Jahres vom Amtsgericht wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt – zu zwei Jahren auf Bewährung. Die Staatsanwaltschaft hatte zweieinhalb Jahre Haft gefordert. Dabei wurde dem alleinerziehenden Vater auch der Besitz und die Verbreitung kinderpornografischer Dateien zur Last gelegt. Der Angeklagte gestand die Taten in erster Instanz. Weil er jedoch gegen das Urteil in Berufung gegangen war, landete der Fall nun bei der 3. Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richter Norbert Göbel.

Am Ende zog Michael M. seine Berufung wieder zurück. „Er hat sich um psychologische Betreuung gekümmert, im November soll es damit losgehen“, berichtete sein Anwalt Matthias Zrost. Allerdings wurde mittlerweile auch bekannt, dass gegen Michael M. schon ein weiteres Verfahren bei der Staatsanwaltschaft anhängig ist. Anklage wurde dem Vernehmen nach bislang aber nicht erhoben. (*Namen der Opfer geändert)

Von Frank Döring