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Polizeiticker Leipzig Rockermord in Leipzig: Verteidiger plädieren auf Notwehr
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Rockermord in Leipzig: Verteidiger plädieren auf Notwehr
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17:47 27.05.2019
Der mutmaßliche Todesschütze Stefan S. im Gerichtssaal. Quelle: Kempner
Leipzig

Schwer bewaffnete Polizeikräfte, doppelte Taschenkontrollen und Leibesvisitation: Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen wurde am Montag der Mordprozess gegen vier Mitglieder der Leipziger Hells Angels am Landgericht fortgesetzt. In mehrstündigen Plädoyers wiesen die Verteidiger jegliche Mord-Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zurück.

Für den mutmaßlichen Todesschützen Stefan S. (33) beantragte Rechtsanwalt Curt-Matthias Engel sieben Jahre Haft. „Ich gehe davon aus, dass die Kammer ihn wegen Totschlags und zweifachen versuchten Totschlags verurteilen wird.“ Laut Anklage soll der arbeitslose Maler am 25. Juni 2016 gegen 15.35 Uhr in der Eisenbahnstraße mit einer Pistole Walther PPK, Kaliber 6,5 Millimeter, sieben Mal auf die Gruppe der United Tribunes (UT) gefeuert haben. Der türkische UT-Anwärter Veysel A. (27) wurde von zwei Schüssen tödlich getroffen, zwei weitere UT-Mitglieder schwebten in Lebensgefahr.

Verteidigung führt Dönerkauf als Argument an

Für die Staatsanwaltschaft war es ein Racheakt gegen den anderen Rockerclub und damit Mord. Demnach soll UT-Vizepräsident Sooren O. (32), ein aus dem Diskokrieg und zahlreichen Strafverfahren bekannter Iraner, Stunden zuvor Stefan S. in der Eisenbahnstraße gesehen und ihm einen Schlag ins Gesicht verpasst haben. Was wiederum die Hells Angels veranlasst habe, sich später an einem Freisitz an der Kreuzung Eisenbahnstraße/Neustädter Straße zu versammeln, um Vergeltung an den von Migranten dominierten United Tribuns zu üben.

Marcus M., der Ex-Boss der Leipziger Hells Angels, soll nach Auffassung seiner Verteidiger allenfalls wegen schweren Landfriedensbruchs verurteilt werden. Quelle: Kempner

Die Verteidigung sah in diesem Treffen in Sichtweite des UT-Clubhauses allenfalls eine Art „Machtdemonstration“. Mindestens eine Stunde lang hätten die „Höllenengel“ in dem Freisitz zugebracht, so Rechtsanwalt Michael Stephan, der mit seiner Kollegin Jessika Gruno den Ex-Chef des inzwischen aufgelösten Leipziger Hells-Angels-Ablegers, Marcus M. (36) vertritt. Ihm und den zwei weiteren Angeklagten Frank M. (47) und Ferenc B. (42) wird ebenfalls gemeinschaftlicher Mord zur Last gelegt, da sie mehrfach auf Kopf und Oberkörper des am Boden liegenden und noch lebenden Veysel A. eingetreten hätten.

Marcus M. sei mit zwei Clubmitgliedern sogar noch losgezogen, um sich in der Eisenbahnstraße einen XXL-Döner zu besorgen. Diese Umstände deuten den Verteidigern zufolge nicht auf eine gezielte Racheaktion hin. Zumal bekannt gewesen sei, dass sich die Tribuns auf dem Weg zu einer Veranstaltung nach Nürnberg befanden. „Es war ja niemand da, an dem die Rache hätte vollzogen werden können“, so Stephan. „Wir haben keinen Nachweis eines gemeinsamen Tatplanes in Bezug auf das Mitführen und den Einsatz von Schusswaffen.“

Seinem Mandanten sei nicht einmal eine Körperverletzung nachzuweisen, da eine Identifizierung über das Tatvideo nicht möglich wäre. Der frühere Boss der „Höllenengel“ sei daher lediglich wegen schweren Landfriedensbruchs zu maximal dreieinhalb Jahren Haft zu verurteilen, forderten seine Anwälte. Zudem solle der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben werden.

„Er steht dort und hat Schiss“

Für den Mann, der die tödlichen Schüsse abgefeuert haben soll, kommt aus Sicht der Verteidiger Notwehr in Betracht. Bei den Angreifern der United Tribuns, die per Chat zum Clubhaus beordert wurden, habe es sich um eine Horde gewaltbereiter, kampfsporterprobter Männer gehandelt, die überdies mit Messern und Schlagwerkzeugen bewaffnet gewesen sei. „Er steht dort und hat Schiss“, sagte Engel über seinen Mandanten Stefan S., die Polizei sei vor Ort und erreichbar gewesen, „hatte aber keine Schutzwirkung“. Sein Mandant habe nicht angegriffen, sondern sich gewehrt.

Bereits seit dem 8. September 2017 müssen sich die vier „Höllenengel“ wegen gemeinschaftlichen Mordes vor dem Leipziger Landgericht verantworten. Vorige Woche hatte die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft für alle vier Angeklagten gefordert. Am Dienstag soll der Prozess mit den Plädoyers der anderen Verteidiger fortgesetzt werden. Ein Urteil könnte am 4. Juni verkündet werden.

Von Frank Döring