Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Polizeiticker Leipzig Sterbehilfe oder versuchter Mord? 80-Jährige wollte Ehemann und sich selbst töten
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Sterbehilfe oder versuchter Mord? 80-Jährige wollte Ehemann und sich selbst töten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:22 21.08.2019
Eine 80-jährige Bornaerin erwartet in diesen Tagen ihr Urteil in einem Prozess wegen versuchten Mordes (Symbolbild). Quelle: dpa
Borna/Leipzig

Erika S. kommt zu spät zu dem Gerichtstermin. Sie hat den Eingang des Landgerichtes Leipzig nicht sofort gefunden. Sie war noch nie in so einem Gebäude. Einem Gericht, wo Straftäter auf ein mildes Urteil hoffen. Die Frau blickt hilfesuchend in den Raum. Und in die Objektive von Fotoapparaten und Fernsehkameras. Ihr Anwalt winkt sie zu sich. Sie wirkt teilnahmslos. Hilflos vielleicht. Sie hört sich an, was die Staatsanwältin sagt. Dass sie vor einem guten Jahr erst ihrem Mann und dann sich selbst eine tödliche Dosis Schlaftabletten verabreicht, einen Abschiedsbrief schreibt, Sparbuch und die wichtigsten Dokumente für die Familie bereitlegt – und einschläft.

Dann erzählt Erika S. ihre Lebensgeschichte.

Normale Ehe mit Höhen und Tiefen

Die heute 80-Jährige lernt ihren Mann mit 19 Jahren kennen. Die Kriegsfolgen sind bewältigt. Die DDR ist acht Jahre alt. Im Jahr darauf heiraten die beiden. Die Geburt der Tochter ist einer der beiden emotionalen Höhepunkte im Leben des Ehepaares. Die Geburt der Enkelin ist der zweite. Ansonsten arbeitet die gelernte Serviererin viel. Erst in ihrem Beruf, dann als Verkäuferin. „Wir lebten eine ganz normale Ehe mit allen Höhen und Tiefen.“ Eine Stunde lang erzählt die große Frau mit weißem, leicht gelocktem Haar und Brille den Zuhörern im Gerichtssaal, was sie erlebt und durchgemacht hat.

Der Arbeitslosigkeit zur Wende folgt eine Depression. „Für mich war es eine Katastrophe, nicht mehr arbeiten zu können. Ich war nur noch traurig.“ Sie bekommt Schmerzen. Tabletten wirken nicht. Sie verliert den Lebensmut und will sich das Leben nehmen. Es funktioniert nicht. Sie hat einen Bandscheibenvorfall, wird berufsunfähig. Sie und ihr Mann Herbert wollen das Beste daraus machen. „Es war ja die Zeit nach der Wende. Wir wollten reisen und irgendwie noch einen schönen Lebensabend genießen.“

„In guten wie in schlechten Zeiten“

2007, kurz vor Weihnachten, wird bei der Seniorin Brustkrebs diagnostiziert. Sie erzählt der Familie erst nichts. „Ich wollte niemandem das Fest vermiesen.“ Der Kräfte zehrenden Chemotherapie folgen neue Depressionen. „Aber wie heißt es doch – in guten wie in schlechten Zeiten.“ Die Eheleute unterstützen sich gegenseitig. Feiern die Hochzeit der Enkelin und die eigene goldene Hochzeit. Den ersten Schlaganfall hat Herbert da schon durchlitten.

Enkeltochter Cindy, die später im Zeugenstand sitzt, erzählt liebevoll über Oma und Opa, die „ein ganz normales Eheleben“ führen. Währenddessen wischt sich Erika S. die Augen trocken. Die erste wahrnehmbare Regung, seit sie ihre dokumentierte Lebensgeschichte zurück in die Mappe sortiert hat. Cindy arbeitet als Altenpflegefachkraft und hat eine Ahnung davon, was ab 2015 das Leben der Großeltern verändern wird. Erst fällt ihm das Laufen immer schwerer. Das Sprechen geht nicht mehr so einfach wie gewohnt. Panik kommt auf. „Ich will nicht so enden, wie mein Bruder. Als Pflegefall. Ich gehe in kein Heim. Eher nehme ich mir den Strick“, sagt er nicht nur einmal.

Diagnose Demenz verändert das Leben

Im April 2016, einen weiteren Schlaganfall später, wird bei Herbert S. Demenz festgestellt. Die Krankheit hinterlässt immer schneller, immer mehr Spuren. Der überall beliebte und hilfsbereite Mann wird mürrischer. Gegenüber sich selbst und gegenüber seiner Frau. „Er schimpfte, wenn etwas nicht funktionierte wie gewohnt. Er gab mir oft dafür die Schuld. Aber ich konnte doch gar nichts dafür.“ In ihrer Stimme klingt die Hilflosigkeit wie ein Echo nach. Sie betreut ihren Mann erst rund um die Uhr. Dann hilft ein Pflegedienst einmal die Woche. Ihr Mann bekommt einen Platz in der Tagespflege. Ein paar Stunden Zeit, um den Haushalt zu machen. Vor allem die Wäsche zu waschen, die wegen der stärker werdenden Inkontinenz des Ehemannes mehr wird.

Die Folgen der Demenz bestimmen bald den kompletten Alltag. Der Mann stürzt immer häufiger. Seine kleinen Hilfen werden zur Last für die Frau. „Wenn ich ihn bat, Butter zu holen, kam er mit Kartoffeln zurück.“ Sie kann ihn nicht mehr allein lassen. Die Kinder helfen, wenn sie können. Die meiste Zeit ist sie allein. Ist rund um die Uhr bei ihm. Vergisst sich darüber selbst. Sie hat Schlafstörungen, bekommt Medikamente dagegen. Tagsüber ist sie müde. Nachts liegt sie wach und fragt sich, wo das alles hinführen soll. „Ich war einfach am Ende. Ich. Konnte. Nicht. Mehr.“ Nach jedem Wort hüllt eine kleine Pause den Gerichtssaal in Stille.

Der Tag vor der Katastrophe

15. Juni 2018. Ein Freitag. „Der Tag vor der Katastrophe“, nennt ihn Erika S. – wieder so ein Tag, an dem sie auf sich gestellt ist. Sie will einen Fahrdienst für einen nahenden Arzttermin organisieren. Es kann ihr keiner helfen. Die Kinder wollen zwei Wochen in den Urlaub. Ein Taxi ist in Borna nicht zu bekommen. Der Pflegedienst hat Sommerfest. Am Abend – sie hat wieder mehrfach die Wäsche wechseln und ihren Mann neu windeln müssen, sitzt sie entkräftet in der Wohnung und weiß keinen Ausweg mehr. Sie erinnert sich an die Tabletten ihres Hausarztes, die sie gegen die Schlafstörungen bekommen hatte. „Ich dachte mir, 20 Stück müssten reichen. Ich war schon von einer halben immer so benebelt.“ Sie setzt sich zu ihrem Mann aufs Bett, „um mich zu verabschieden“.

20 Schlaftabletten für jeden

Sie erklärt ihm, dass sie keine Kraft mehr hat. „Ich mache jetzt Schluss. Dann musst du ins Pflegeheim.“ Dann spielt sich eine Szene ab, die sich Staatsanwaltschaft, Strafkammer und Verteidigung ein gutes Jahr später immer wieder vorstellen werden und neu hinterfragen. Erika S. hat sie so in Erinnerung: „Er hat begriffen, was ich vorhatte. Dass ich Schluss machen wollte. Er sah mich mit großen Augen an, nickte und streckte seine Hand aus. Ich fragte ihn:,Du willst wohl mitgehen.’ Er nickte wieder. Ich fragte noch mal nach. Er nickte.“ Sie gibt ihm die Tabletten. Erst zehn, dann nochmal zehn. Er schluckt sie. Sie holt sich eine andere Packung aus dem Bad. Schluckt die 20 Tabletten auf einmal. Dann legt sie sich zu ihrem Mann ins Bett und will einschlafen. „Und morgen würde alles besser sein.“

Herbert und Erika S. überleben beide.

Zwölf Monate später lebt er im Altenheim und sie sitzt auf der Anklagebank. Wegen versuchten Mordes. Die Strafkammer will noch in der nächsten Woche zu einem Ergebnis kommen.

Hintergrund: Beihilfe zur Selbsttötung

Die Beihilfe zur Selbsttötung (Assistierter Suizid) ist schließlich eine Handlung, mit welcher ein Betroffener beim Suizid unterstützt wird. Die eigentliche Beihilfe ist letztlich straffrei. Es handelt sich hier um eine Beihilfe zur autonomen Selbsttötung des Patienten. Der Arzt oder ein Familienangehöriger verabreicht dem kranken Menschen kein Mittel aktiv, sondern stellt es ihm nur zur Verfügung und der Patient nimmt es eigenständig ein. Hiermit wird auch die Selbstbestimmung des Patienten bis zum Lebensende unterstützt.

Während die Beihilfe zur Selbsttötung nicht strafbar ist, ist es jedoch die unterlassene Hilfeleistung. Hätte das jeweilige Leben aber zum Beispiel mit Erste-Hilfe-Maßnahmen im Anschluss gerettet werden können, ist eine Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung grundsätzlich möglich. Ein Beispiel hierfür ist, wenn man als Angehöriger einem schwer kranken Familienmitglied eine große Schachtel Schlaftabletten neben das Bett legt. Diese Beihilfe zur Selbsttötung ist erlaubt, anschließend bleibt es dem Kranken selbst überlassen, die Tabletten unabhängig selbst einzunehmen.

Jedoch ist in Deutschland eine unterlassene Hilfsleistung laut § 323c des Strafgesetzbuches verboten und wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr bestraft. Dies bedeutet in diesem Beispiel, man darf die Tabletten zwar einem schwer kranken Menschen zur Verfügung stellen, wenn man jedoch mitbekommt, dass dieser diese genommen hat, ist man verpflichtet den Notarzt zu rufen. Unterlässt man dies, macht man sich der unterlassenen Hilfeleistung strafbar.

Quelle: www.praktischarzt.de

Hintergrund: aktive Sterbehilfe

Man spricht von der aktiven Sterbehilfe, wenn ein Patient ausdrücklich nach der Tötung seiner selbst verlangt und der Tod durch ein Eingreifen von außen eintritt. Das heißt, ein Arzt oder ein anderer außenstehender Dritter verabreicht einem Patienten aktiv ein Mittel was zur Tötung des Patienten führt.

In Deutschland ist die aktive Sterbehilfe strikt verboten und kann mit einer Haftstrafe geahndet werden. Dies ist im Strafgesetzbuch festgelegt. Dort steht beschrieben, dass jemand der durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden ist, mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren verurteilt werden muss.

Auch wenn die aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten ist, spricht sich die Mehrheit der Bevölkerung dafür aus.

Quelle: www.praktischarzt.de

Hintergrund: passive Sterbehilfe

Bei der passiven Sterbehilfe wird auf Wunsch des Patienten eine bestimmte Behandlung unterlassen oder abgebrochen, insbesondere das Durchführen von lebensverlängernden Maßnahmen. Es findet also das Unterlassen einer Tätigkeit statt (passiv) und es wird keine direkte Durchführung einer Tötung (aktiv) ausgeführt.

Die passiven Sterbehilfe ist dann geboten, wenn der Notleidende sich entsprechend dazu äußert oder wenn die Behandlungsmaßnahmen keinen Erfolg versprechen (z.B. in der unmittelbaren Sterbephase vor dem Tod), vielleicht sogar eher schädlich sind. Insofern herrschte lange Zeit Unsicherheit hinsichtlich der Grenze zur aktiven Tötung. Denn immerhin ist mit dem Abbrechen, in einem gewissen Grad aber auch mit dem Unterlassen, eine aktive Komponente verbunden.

Der Bundesgerichtshof stellte dahingehend jedoch letztlich klar, dass Ärzte etwaige Maßnahmen auch dann abbrechen dürfen, wenn der Patient noch nicht kurz vor dem Tod stehe. Vor allem müssen sie aber dann Maßnahmen abbrechen, wenn der Patient dies so will. Insofern ist eine Patientenverfügung für die passive Sterbehilfe inzwischen von großer Bedeutung. Insbesondere wenn der Patient nicht mehr in der Lage ist seinen Willen aktiv auszusprechen, ist diese von großer Bedeutung.

Quelle: www.praktischarzt.de

Hintergrund: indirekte Sterbehilfe

Die indirekte Sterbehilfe wiederum bezeichnet einen Fall, in dem Medikamente verabreicht werden, die zur Linderung von Leiden führen sollen wie Schmerzen oder Angst, aber gleichzeitig einen vorzeitigen Tod bewirken können. Ein Beispiel für diese Form ist die Verabreichung von Opium, welche in früheren Jahrhunderten durchgeführt wurde.

Mit bestimmten Medikamenten oder Betäubungsmitteln kann auch heute schwer kranken Menschen, die unter starken Schmerzen oder Ängsten leiden und sich im Endstadium ihrer Erkrankung und somit kurz vom Tod befinden, gezielt geholfen werden, um ihre Schmerzen zu lindern. Hierzu muss der Arzt je nach Schwere der Krankheit oder des Leidens sehr starke und hohe Dosierungen der Medikamente verabreichen. Dann entsteht das Risiko, dass die Medikamente durch ihre Nebenwirkungen das Leben des Patienten verkürzen. Hierbei muss der jeweilige Arzt immer abwägen, ob er bereit ist dieses Risiko einzugehen und dafür die Leiden des Patienten lindert.

Die indirekte Sterbehilfe kommt in der heutigen Zeit eher selten vor. Die Meinungen sind hier jedoch einig, dass der Arzt in diesem Falle straffrei bleiben sollte. Zur Rechtslage in Deutschland: der Bundesgerichtshof stellte dazu bereits 1996 fest, dass diese Verabreichung zulässig und zum Teil sogar erforderlich ist, wenn die eigentliche Absicht die Schmerzlinderung war. Die indirekte Sterbehilfe ist in Deutschland nicht strafbar, da sie dem Patienten einen schmerzfreien Tod ermöglicht.

Quelle: www.praktischarzt.de

Von Thomas Lieb

Ein Autofahrer hat am Dienstag eine 75-jährige Radfahrerin in Leipzig erfasst und verletzt. Nach dem Zusammenstoß entschuldigte er sich bei der Frau, fuhr dann aber davon.

14.08.2019

In Leipzig hat ein Autofahrer einen schweren Unfall verursacht, weil er bei Rot über eine Ampel fuhr. Dabei erfasste er ein entgegenkommendes Auto. Die 38-jährige Fahrerin kam mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus.

14.08.2019

Am Montag haben Polizisten in Leipzig einen 30-Jährigen kontrolliert und mehr als 800 Gramm Drogen festgestellt. Der Mann war auffällig geworden, als er am späten Abend an einem Auto herumschraubte. Ob es sich dabei überhaupt um sein eigenes handelte, ist unklar.

14.08.2019