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Polizeiticker Leipzig Waffensuche im Darknet: Ermittler schlossen Amoklauf nicht aus
Leipzig Polizeiticker Polizeiticker Leipzig Waffensuche im Darknet: Ermittler schlossen Amoklauf nicht aus
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08:49 29.01.2019
Ein Justizbeamter nimmt dem Angeklagten Matthias E. (rechts) vor Prozessbeginn im Gerichtssaal die Handfesseln ab. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

„Wir hatten Alarmstufe Rot bei diesem Fall“, schilderte am Montag ein Beamter des Bundeskriminalamtes (BKA) am Leipziger Amtsgericht. Dort hatte die sächsische Generalstaatsanwaltschaft Anklage wegen unerlaubten Erwerbs einer Schusswaffe und eines Schlagrings erhoben. Beschuldigter: Matthias E., 42 Jahre alt.

Dem BKA-Beamten zufolge begann der Fall im Mai 2018. Eine Person aus Deutschland hatte versucht, über die dunklen Kanäle des Internets, das sogenannte Darknet, eine scharfe Waffe mit Schallschutzdämpfer und 100 Schuss Munition zu kaufen. „Wir konnten nicht ausschließen, dass wir einen potenziellen Amokläufer vor uns haben.“ Der Hinweis an das BKA war von einem australischen Polizisten gekommen.

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Treff auf Parkplatz im Leipziger Norden

Hiesige Beamte gaben sich daraufhin gegenüber dem Interessenten als Waffenhändler aus. Schon bei Erstkontakten per E-Mail habe der potenzielle Käufer geschildert, dass er „gegen eine Gruppe von zwölf Syrern vorgehen will, die seine Frau vergewaltigt hätten“, berichtete der Zeuge weiter. „Der Mann schrieb, dass er dadurch seine Frau verloren hat.“ Sie habe sich umgebracht. Für die zuständigen Kriminalisten in Wiesbaden war der Fall außergewöhnlich, weil sich illegale Waffeninteressenten ansonsten nicht oder kaum detailliert über ihre Motivation äußern. Mit etwa 30 bis 40 solcher Waffen-Fälle pro Jahr habe das BKA zu tun.

Im Hintergrund waren die Ermittlungen zu dem Interessenten an einer halbautomatischen Schusswaffe auf Hochtouren weitergelaufen. „Diese ergaben, dass eine solche Gruppenvergewaltigung in Deutschland nicht stattgefunden hat.“ Als E-Mail-Schreiber wurde schließlich der nicht vorbestrafte 42 Jahre alte Matthias E. aus Delitzsch identifiziert. Unter Einschaltung des sächsischen Landeskriminalamtes (LKA) und der Generalstaatsanwaltschaft in Dresden vereinbarte der BKA-Mann als vermeintlicher krimineller Waffenhändler einen Treff am 19. Juni 2018 auf einem Parkplatz im Leipziger Norden.

Ex-Partnerin: „Er war sehr verbittert“

Nach der Übergabe einer Pistole Glock 17 für 2300 Euro im Sachsenpark schlugen die Polizisten zu. Käufer wie auch verdeckter Ermittler wurden festgenommen. Matthias E. sitzt seither in Untersuchungshaft, wurde zwischenzeitlich drei Monate in einer Psychiatrie-Klinik behandelt.

Katrin Minkus, Vertreterin der Generalstaatsanwaltschaft, warf dem Angeklagten vor, dass er die Pistole „zumindest auch zur Tötung naher Familienangehöriger einsetzen wollte“. Er leide an einer verfestigten Persönlichkeitsfehlentwicklung mit einer ausgeprägten Kränkbarkeit und einer Bereitschaft zur rächenden Bestrafung.

Erst kurz vor der Suche im Darknet hatte sich die Lebensgefährtin von dem Angeklagten getrennt und war mit den beiden kleinen gemeinsamen Söhnen aus der Wohnung ausgezogen. „Er war sehr verbittert“, sagte die Ex-Partnerin. „In seinen Augen war die ganze Welt schlecht.“ Er sei „über jeden hergezogen“, berichtete die 38-Jährige. Und die geschiedene Ehefrau (41) schilderte ihn als „rechthaberisch“. Er habe sie bedroht. Verteidiger Peter Hollstein erklärte im Namen seines Mandanten, dass das Waffengeschäft zweifellos so gelaufen sei. Matthias E. hätte sich aber „selbst Schaden zugefügt, niemals dritten Personen“. Er sei „nicht gemeingefährlich“. Bei der Prozessfortsetzung am 6. Februar soll ein LKA-Beamter angehört werden.

Von Sabine Kreuz