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Stadtpolitik Ältere Männer dominieren Sachsens Stadträte
Leipzig Stadtpolitik Ältere Männer dominieren Sachsens Stadträte
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16:56 25.05.2019
Ratsversammlung in Leipzig. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Der typische Stadtrat in Sachsen ist älter als 50 – und ein Mann. Zu diesem Ergebnis kommt eine Daten-Recherche der LVZ. Dabei wurden die 50 Großen Kreisstädte mit einer Einwohnergrenze von 17.500 in Sachsen und die drei sächsischen Großstädte nach der Altersstruktur ihrer Stadträte befragt.

30 dieser Städte haben geantwortet und die Informationen im Oktober 2018 in anonymisierter Form zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse können somit zwar nicht repräsentativ für alle Stadträte in Sachsen stehen, lassen aber eine deutliche Tendenz erkennen.

Nur wenige Stadträte jünger als 40

So liegt der Anteil verhältnismäßig junger Politiker unter 40 Jahren in den befragten Stadträten nur bei rund zwölf Prozent. Sie sind damit deutlich unterrepräsentiert.

Den größten Anteil stellt mit fast 30 Prozent die Gruppe der 50- bis 60-Jährigen, dicht gefolgt von den 61- bis 70-Jährigen (rund 26 Prozent). Stadträte unter 30 Jahren gibt es überhaupt nur in fünf der befragten Städte – und selbst dort stellen sie maximal fünf Prozent der Stadträte.

Im Vergleich sitzen die meisten jungen Menschen im Döbelner Stadtparlament (knapp 31 Prozent unter 40 Jahren), während in Freiberg der Anteil der über 70-Jährigen mit knapp 43 Prozent überdurchschnittlich groß ist.

Großenhain hat den höchsten Frauenanteil – mit 36 Prozent

Auch in Bezug auf die Frauenquote ergibt sich ein klares Bild. Denn obwohl in Deutschland mehr als die Hälfte der Bevölkerung weiblich ist, bestehen die befragten Stadträte nur zu einem Viertel aus Frauen.

Über diesem Schnitt liegen nur wenige Städte: Etwa Leipzig und Dresden mit je knapp 34 Prozent sowie Spitzenreiter Großenhain mit 36 Prozent Frauen im Stadtrat. Schlusslicht ist Glauchau mit einem Frauenanteil von knapp zwölf Prozent.

Die Zusammensetzung der Mitglieder ist allerdings nicht nur vom Ort, sondern auch von den Parteien abhängig. So liegt der Frauenanteil der Grünen in den relevanten Stadträten bei 29 Prozent, der der CDU dagegen bei zwölf Prozent.

Natürlich ist der Durchschnitt nicht alles und nicht jeder Stadtrat besteht nur aus 50-jährigen Männern. Die LVZ hat sich unter Lokalpolitikern umgehört, die dem typischen Bild nicht entsprechen und gefragt, wie sie die Zusammensetzung der Stadträte bewerten.

Die Ausreißer: Die Frauen-Fraktion in Grimma

Mit 30 Prozent liegt der Frauenanteil in Grimma über dem Durchschnitt. Eine absolute Ausnahme bildet dabei die Fraktion der Linken im Grimmaer Stadtrat – denn dieser gehören ausschließlich Frauen an. Linken-Stadträtin und -Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz (52) wünscht sich trotzdem mehr Gleichstellung in der Kommunalpolitik und spricht sich deshalb für eine Frauenquote aus.

„Frauen stellen die Hälfte der Gesellschaft. Natürlich müsste es also mehr Frauen in den Kommunalparlamenten geben. Aber das gilt für alle Ebenen. Es ist doch eine Schande, dass der Frauenanteil im Bundestag rückläufig ist. Und gerade im ländlichen Raum versuchen Männer noch immer, sich ihre Selbstbestätigung als unverzichtbare Platzhirsche in der Kommune zu holen. Wenn eine Sitzung um 17 Uhr beginnt, ist das nicht gerade familienfreundlich. Frauen finde ich eher in jenen Ehrenämtern, die zwar sehr wichtig sind, aber weniger im Rampenlicht stehen. Eine Quote mit dem Ziel der Parität muss das Ziel sein.

Stadträtin Kerstin Köditz Quelle: privat

Übrigens: Es sind nicht nur die Frauen, die in der Kommunalpolitik unterrepräsentiert sind. Mancher Stadtrat wirkt wie ein Ältestenrat der Gemeinde, wo ein Mindestalter jenseits des Rentenalters notwendig ist. Gleiches gilt für die soziale Zusammensetzung. Je niedriger der soziale Status, desto schlechter die Interessenvertretung im Stadtrat. Es bleibt viel, sehr viel zu tun, damit der Stadtrat die Gesellschaft vor Ort widerspiegelt.“

Die Ausreißer: Die jungen CDUler in Plauen

Die CDU hat nicht den Ruf einer besonders jungen Partei. Eine Ausnahme findet sich im Stadtrat in Plauen: Hier war ein Viertel der Stadträte in der CDU-Fraktion zum Erhebungszeitpunkt maximal 30 Jahre alt. Tobias Kämpf (29) gehört zu dieser Gruppe. Ihm ist eine ausgewogene Altersstruktur wichtig.

Stadtrat Tobias Kämpf aus Plauen. Quelle: privat

„In meiner Familie wurde immer schon viel über Politik geredet, ich habe mich also schon als Kind mit dem politischen Geschehen auseinandergesetzt. Später gab es für mich dann Themen, die mir so wichtig waren, dass ich mich für sie einsetzen wollte. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass auch junge Leute im Stadtrat sitzen. Die Mischung macht’s am Ende. Ältere Kollegen bringen viel Erfahrung mit und können Vormittagstermine besser wahrnehmen, als wir, die wir noch im Arbeitsalltag stecken. Das ist sehr wertvoll.

Die Jungen bringen dann nochmal einen neuen Blick mit, genauso wie Themen, die in einer gewissen Lebensphase eben wichtig sind: wie etwa das Vorhandensein von Wohnraum für junge Familien oder Bildungschancen im Ort. Wir haben zum Beispiel den Bau eines Mehr-Generationen-Spielplatzes in Plauen angestoßen, der sicherlich nicht realisiert worden wäre, wenn jüngere Leute nicht auch dafür gekämpft hätten.“

Die Ausreißer: Der Ältestenrat in Freiberg

Mit knapp 43 Prozent ist der Anteil der über 70-Jährigen in Freiberg sehr hoch. Klaus Stürzebecher sitzt für die Initiative Freiberger Sport (IFS) im Stadtrat. Der 81-Jährige wünscht sich zwar mehr junge Menschen in der Kommunalpolitik, erklärt aber auch, warum die ehrenamtliche Arbeit für Ältere oft praktikabler ist.

Freiberg hat rund 50.000 Einwohner. Viele dieser Bürger wohnen schon sehr lange hier und ’man kennt sich’. Nicht nur dem Namen nach, sondern auch in puncto Engagement in Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur. Und so kommt es dazu, bekannte – und somit oft auch ältere - Bürger der Stadt als Kandidaten für den Stadtrat vorzuschlagen. Für die Analyse der altersmäßigen Zusammensetzung von Gremien ist meiner Meinung nach aber auch zu beachten, dass das Zeitbudget von jüngeren Bürgern zum Beispiel durch Ausbildung, Berufstätigkeit, Familiengründung oder aktives Sporttreiben für eine ehrenamtliche Tätigkeit begrenzt ist.

Natürlich bin ich aber für einen größeren Anteil jüngerer Frauen und Männer im Stadtrat, da diese vielfach eine andere Sicht auf die Lösung kommunalpolitischer Aufgaben und Problemen haben. So spielen sicher Instandhaltungen und Investitionen in Kindertagesstätten, Spiel- und Sportplätzen, Schulen bei jüngeren Stadträten eine größere Rolle. Allerdings gibt es bei der Tätigkeit als Stadtrat auch Beispiele, bei denen nicht mehr im Arbeitsprozess stehende Stadträte ’bevorzugt’ involviert sind: etwa bei Terminen, die während der Arbeitszeit stattfinden.“

Von Hanna Gerwig

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