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Stadtpolitik Loest-Witwe: Gysi-Auftritt in Leipzig müffelt zum Erbrechen
Leipzig Stadtpolitik Loest-Witwe: Gysi-Auftritt in Leipzig müffelt zum Erbrechen
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16:29 02.07.2019
Übt harsche Kritik am Leipziger Auftritt von Gregor Gysi: Die Autorin und Witwe von Schriftsteller Erich Loest („Nikolaikirche“), Linde Rotta (82). Quelle: Andre Kemp
Leipzig

In der Affäre um den geplanten Auftritt von Linken-Spitzenpolitiker Gregor Gysi zum 30. Leipziger Revolutionsjahrestag am 9. Oktober in der Peterskirche nimmt der Ton an Schärfe zu. So hat sich jetzt die prominente Leipziger Autorin und Witwe von Schriftsteller-Legende Erich Loest („Nikolaikirche“, „Es geht seinen Gang“), Linde Rotta (82) zu Wort gemeldet. In einem Brief, der lvz.de vorliegt, rechnet sie jetzt knallhart mit dem Ex-Bundestagsfraktionschef der Linken und letzten SED/PDS-Chef ab. „Die Tatsache, dass Gregor Gysi, das eloquenteste Mitglied der PDS, am 9. Oktober in Leipzig im Rahmen eines Gedenkkonzerts der Philharmonie eine Rede halten soll, müffelt zum Erbrechen“, schreibt die Leipzigerin voller Empörung. Rotta sieht im Linken-Spitzenpolitiker den denkbar falschesten Kandidaten für eine Rede am Leipziger Revolutionsgeburtstag. „Der smarte Mr. Gysi, der sich auch in drei Jahrzehnten nicht zum Demokraten gemausert hat, mag seine Reden halten wo und wann er will, nur nicht an diesem Tag und nicht in dieser Stadt“, macht sie klar.

Auch Vorwürfe gegen Schorlemmer

Einmal in Rage, attackiert sie auch den Wittenberger Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, der bei lvz.de den Gysi-Auftritt noch verteidigt hatte. „Auch wenn Herr Schorlemmer meint, ihn auszuladen käme einer Zensur gleich, und wer ihn nicht hören wolle, müsse nicht hingehen“, kritisiert sie den Gysi-Fürsprecher und die Organisatoren der Leipziger Philharmonie. Richtig sei daran lediglich, dass man ihn hätte gar nicht erst einladen dürfen. „Dass man es getan hat, zeugt von mangelndem Fingerspitzengefühl“, zeigt sie sich enttäuscht.

Gleichzeitig schärft die Loest-Witwe noch einmal den historischen Blick zurück auf jene dramatischen Tage im Leipziger Revolutionsherbst ’89, bei dem auch die Angst vor einer blutigen Lösung a la Peking bei vielen Bürgerrechtlern im Raum stand. „Vergessen wir niemals, es hätte auch anders kommen können. Dann hätten wir an diesem Tage keine Festreden, sondern legten Trauerkränze nieder!“, mahnt sie.

Loest standen ’89 die Augen voller Tränen“

In diesem Zusammenhang erinnert Rotta auch noch einmal an die Emotionen, die dem ausgebürgerten Leipziger Schriftsteller (1926-2013) im Rheinland (Bonn) beim Blick via ARD & ZDF am 9. Oktober auf die dramatischen Ereignisse rund um die Nikolaikirche überkamen „Keinen Blick ließ Erich Loest vom Bildschirm. Als alles vorbei war, niemand geschossen hatte, niemand niedergeknüppelt worden war, standen ihm die Augen voller Tränen: ,Meine Leipziger! Meine guten Leipziger’.“ Diese Worte, so Rotta, werden ihr immer im Gedächtnis bleiben.

Gegen den Auftritt Gysis in der Peterskirche am geschichtsträchtigen 9. Oktober hatten DDR-Bürgerrechtler in einem offenen Brief protestiert. Tenor: Es sei an Zynismus kaum zu überbieten, wenn ein Ex-Spitzengenosse der SED, gegen deren Herrschaft vor 30 Jahren Zehntausende mutige DDR-Bürger auf der Straße unter Lebensgefahr protestiert hatten, in Leipzig an diesem wichtigen Tag spreche. Gysi hatte im Spätherbst 1989 als letzter Parteichef die Führung der SED übernommen und ihren Übergang in die PDS wesentlich mitbestimmt. Über 700 Menschen haben inzwischen das Protestschreiben unterzeichnet. Auch der Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte (CDU), hatte Gysis Auftritt scharf kritisiert.

Pellmann: Merkwürdiges Demokratieverständnis

Der Leipziger Bundestagsabgeordnete und Linken-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, Sören Pellmann, appelliert dagegen an die Kritiker Gysis, selbst die Werte von ’89 zu vertreten: „„Das Demokratieverständnis derer, die nicht müde werden, auf die ’89 errungenen Werte wie Meinungsfreiheit und Toleranz zu verweisen, ist schon sehr merkwürdig“, sagte Pellmann am Dienstag. Gysi und die Linke haben unbestritten einen wichtigen Anteil am friedlichen Verlauf der damaligen Ereignisse und er sollte daher sehr wohl das Recht haben, an diesem für alle Leipziger so bedeutungsvollen Tag, eine Rede zu halten.“ Auch die Organisatoren der Leipziger Philharmonie, die am 9. Oktober traditionell Beethovens 9. Symphonie aufführen wollen, halten an der Einladung Gysis als Hauptredner fest. Als Pendant soll jetzt ein Bürgerrechtler gefunden werden, der mit Gysi in der Kirche auftreten soll.

Von André Böhmer

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