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Stadtpolitik Stadt Leipzig verliert 10 000 Quadratmeter Grünfläche
Leipzig Stadtpolitik Stadt Leipzig verliert 10 000 Quadratmeter Grünfläche
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15:40 16.11.2018
Leserforum in der LVZ-Kuppel: LVZ-Lokalchef Björn Meine, Stadtsoziologe Dieter Rink, Amtsleiter Rüdiger Dittmar und Martin Hilbrecht vom BUND (v.l.). Quelle: Foto: Armin Kühne
Leipzig

Welche Rolle spielt Natur bei der Städteplanung? Grün in der Metropole hat den gleichen Stellenwert wie die Versorgung mit Wasser oder Energie, meint Professor Dieter Rink, Stadt- und Umweltsoziologe beim Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UfZ), beim LVZ-Leserforum am Mittwoch in der Kuppel am Peterssteinweg. Bäume und Wiesen kühlen die Stadt, sorgen für Frischluft und Naherholung. Über die Folgen der Urbanisierung für Grünflächen, den öffentlichen Nahverkehr und die Zukunft von Kleingärten diskutierte er mit Rüdiger Dittmar, Leiter des Amtes für Stadtgrün und Gewässer, sowie Martin Hilbrecht, Vorsitzender des BUND Leipzig. Es moderierte LVZ-Lokalchef Björn Meine.

Immer mehr Menschen ziehen nach Leipzig, es entstehen neue Häuser. „Das städtische Bauen verdrängt Grün“, registriert Dittmar. So seien im vergangenen Jahr etwa 7000 Quadratmeter öffentlicher Grünfläche verschwunden, 2018 verliert Leipzig wohl 10 000 Quadratmeter. Bäume stehen dichter, auf Tiefgaragen fehlt ihnen das Erdreich, um Wurzeln zu schlagen. Aktuell kartiert die Stadtverwaltung 900 Hektar Brachflächen. Dittmar spricht hier von einem „deutlichen Rückgang“: Etwa 100 Hektar Brachflächen seien in den vergangenen zwei Jahren verschwunden.

„Auf Brachflächen liegt häufig Baurecht“, erklärt Rink die Entwicklung. Was die Eigentümer mit den Flächen machen, sei deren Sache. Eine Untersuchung ergab, dass ein Drittel der Brachflächen in Leipzig vermüllt ist, teilweise versperren Zäune den Zugang: „Sie werden von vielen als Schandflecken angesehen“, so der Stadtsoziologe. „Städter wollen eine geordnete Natur mit einer Bank und einem Mülleimer.“ Dabei werde der ökologische Wert der Areale kaum wahrgenommen. Viele Tiere und Pflanzen finden auf Baulücken eine Heimat. Allerdings würden Bäume und Lebensräume für seltene Tiere immer wieder prophylaktisch gerodet oder vernichtet, damit der Naturschutz einer möglichen Bebauung nicht im Wege steht. Um diesen Entwicklungen vorzubeugen, eigne sich etwa das Konzept „Natur auf Zeit“, welches zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen den Eigentümern zusichert, dass sie trotz seltener Arten das Baurecht für ihr Stück Land behalten.

Öffentlicher Nahverkehr für grüne Stadt

Damit Leipzig grün bleibt, sei es wichtig, in die Höhe zu bauen. „Innenstadtnah wird ja schon fünfgeschossig gebaut“, sagt Dittmar. Außerdem begrüßt er, dass ältere Häuser nachgenutzt und umgebaut werden. Ohne Frage sei auch das S-Bahn-Netz wichtig. Mit den Zügen könnten Menschen aus Eilenburg oder Delitzsch in die Messestadt fahren und benötigten keinen Parkplatz.

Hilbrecht fordert aber auch innerhalb Leipzigs einen Ausbau des Nahverkehrs: Etwa einen Anschluss neuer Wohngebiete an das Straßenbahn-Netz. Rink geht noch einen Schritt weiter: Autos sollten aus der Innenstadt herausgenommen werden. Als Beispiel führt er Kopenhagen an. „Wir brauchen Konzepte, die den Individualverkehr in der Stadt reduzieren“, so Rink.

Hilbrecht stellt den konkreten Bezug zur Messestadt her und fordert, dass beim „Masterplan Grün 2030“, der in den kommenden Jahren mit Bürgerbeteiligung ausgearbeitet werden soll, auch der Verkehr berücksichtigt wird. „Wir brauchen ein übergreifendes Projekt“, sagt er. Einige der etwa 130 Zuschauer der Diskussion applaudieren spontan. Dittmar entgegnet, dass das integrierte Stadtentwicklungskonzept „Leipzig 2030“ eben all die Themen zusammenbringt.

Kommune will Grünflächen kaufen

Der Amtsleiter beruft sich immer wieder auf den „Masterplan Grün 2030“, den der Stadtrat im Juni beschlossen hat. Für diesen sollen Flächen identifiziert werden, die die Stadt dann zum Erhalt des Stadtgrüns kauft. Dabei werde geklärt, welche Funktionen die einzelnen Areale erfüllen und wie gärtnerische Pflege die Biodiversität sichern kann, erklärt Dittmar.

Hilbrecht schlägt der Stadt prompt vor, eine Fläche für den Viele-Arten-Garten (Vagabund) in Connewitz zu kaufen, die der BUND kürzlich verloren hat, weil der Eigentümer darauf bauen möchte. „Damit sinkt die Lebensqualität“, bedauert der Umweltschützer. Fünf Jahre lang fanden auf dem Areal soziale und ökologische Projekte statt.

Parks und Kleingärten bleiben bestehen

Dass Leipziger Parks zugunsten von Wohnflächen weichen müssen, zeichne sich nicht ab, sagt Dittmar. Am Otto-Runki-Platz entstehe zwar eine Schwimmhalle. Daneben sei aber die Natur am Rabet gestärkt worden. Auch die Kleingärten seien „ein wesentliches Rückgrat unserer grünen Infrastruktur“, betont Dittmar. Sie stünden für eine Bebauung nicht zur Disposition. Mehr als 1200 Hektar Fläche in der Messestadt machten die Schrebergärten aus. Fest stehe aber, dass sich die Kleingartenvereine für die Allgemeinheit öffnen müssten. „In Gesprächen mit den Verbänden stoßen wir auf offene Ohren“, so Dittmar. Mit Blick auf Berlin sagt er, dass die Bestandsgarantie der Kleingärten selbst dort bis 2030 verlängert werden soll. Zunächst hieß es, der Schutz einiger Anlagen könnte 2020 auslaufen.

Damit die Stadt für künftige Hitzesommer gerüstet ist, setze sie auf Grün, erklärt Dittmar. Tausend Bäume müssen laut Luftreinhalteplan jährlich neu gepflanzt werden. In den vergangenen Jahren wurde dieses Ziel allerdings nicht eingehalten. Ersatzbäume für gefällte würden häufig am Stadtrand gepflanzt, kritisiert Hilbrecht. „Leipzig wird eine Hitzeoase werden, weil die Bäume fehlen“, warnt er. Rink kritisiert: „Die Stadt ist immer noch im Modus der 2000er Jahre.“ Die Devise sei häufig immer noch „mehr Grün, weniger Dichte“. Dabei sei ein Umdenken und ein klares Konzept zum Erhalt von Auwald und Parks notwendig, im Sinne der doppelten Innenentwicklung. Er warnt vor der Versiegelung des Quartiers am Bayerischen Bahnhofs: Gerade in Hitzesommern müsste Wasser versickern können. Positiv hebt der Stadtsoziologe hervor, dass in Leipzig in den vergangenen Jahren auch neue Grünflächen entstanden sind. Etwa der Henriettenpark, der Lene-Voigt-Park, das Rabet, der Bürgerbahnhof Plagwitz und der Stadtwald in Grünau.

Widerstand bei Bauvorhaben

Doch vor allem der Schwund von Grünflächen bewegt die Bürger. Mit Blick auf den Leopoldpark sagt der Stadtsoziologe: „Ich habe ihn für eine Grünfläche gehalten.“ Im Frühjahr wurde das Areal in Connewitz nach 15 Jahren abgeholzt – zugunsten neuer Wohnungen. „Wir müssen uns an vielen Orten auf Widerstand gefasst machen“, prophezeit Rink. Und Hilbrecht bestätigt: Der BUND sei einerseits Partner und entwickelt Visionen, andererseits organisieren die Naturschützer Widerstand. „Das wird halt dann zunehmen“, kündigt er an. „Wir organisieren Gemeinschaft“, entgegnet Dittmar. Mit der Aktion „Baumstarke Stadt“ würden jährlich mehr als 100 000 Euro Spenden für Baumpflanzungen gesammelt. Alle Bürger müssten Verantwortung für Bäume übernehmen, so der Amtsleiter. Es sei eben auch wichtig, dass Leipziger die Natur in ihren Gärten pflegten.

Muss Leipzig wachsen?

Und dann stellt der Stadtsoziologe noch eine Grundsatzfrage: „Warum ist es gut, wenn die Stadt wächst?“ Für die Leipziger verbessere sich durch die Neubauten nichts, im Gegenteil. „Mieten steigen, Grünflächen und Parkplätze werden knapp und Schulen und Kitas sind überfüllt“, stellt Rink fest. „Das Gen der Stadt ist, dass sie wachsen möchte“, erklärt Dittmar. Veränderung sei zwar immer anstrengend, doch wolle man offen sein für Neubürger.

Grünflächen sind wohl für alle Einwohner ein brandaktuelles Thema, das steht spätestens nach dem LVZ-Leserforum fest. Parks, Gärten und Brachflächen haben einen entscheidenden Einfluss auf die Lebensqualität. Deutlich wird aber auch, dass nicht alle grünen Flächen, die während des Bevölkerungsschwundes in den 1990er-Jahren entstanden sind, unbebaut bleiben können – neue Wohnungen werden dringend benötigt. Pläne zum verantwortungsvollen Umgang und Erhalt des Grüns sind also notwendig.

Von Theresa Held

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