Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Unternehmen Neujahrsempfang: Regionale Wirtschaft fordert mehr Mut bei Zuwanderung
Leipzig Unternehmen Neujahrsempfang: Regionale Wirtschaft fordert mehr Mut bei Zuwanderung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:01 23.01.2019
Gut gelaunt beim Neujahrsempfang der regionalen Wirtschaft auf der Leipziger Messe: Hartmut Bunsen (Unternehmerverband Sachsens), Claus Gröhn (Handwerkskammer), Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Kristian Kirpal (IHK) und Georg Donat (Marketingclub, v. l.). Quelle: André Kempner
Leipzig

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) war noch nie ein Freund des sturen Ablesens. Viel lieber spricht er frei. Auf dem Neujahrsempfang der Leipziger Wirtschaft am Mittwochabend in der Glashalle der Leipziger Messe wurde auf die sonst üblichen Reden gleich ganz verzichtet.

Vor einem Jahr hatte der 43-Jährige, damals gerade sechs Wochen im Amt, noch ganz in der Tradition seiner Vorgänger eine klassische Rede gehalten, sich erst nach allen Ansprachen mit den Präsidenten der vier Veranstalter zum Talk auf die Bühne gesetzt. Jetzt ging es gleich aufs Podium.

Bei den 1200 Gästen des Empfangs kam das gut an. „Das ist viel spannender so“, lobte einer der Besucher. Moderiert von MDR-Nachrichtenfrau Wiebke Binder wurde 60 Minuten lang hitzig diskutiert. Von den vier Verbandschefs Kristian Kirpal (Industrie- und Handelskammer Leipzig), Claus Gröhn (Handwerkskammer Leipzig), Hartmut Bunsen (Unternehmerverband Sachsen) und Georg Donat (Marketing-Club Leipzig) musste sich Kretschmer einiges an Kritik anhören, bekam aber auch Lob.

Die Wirtschaft im Kammerbezirk werde zwar auch 2019 weiter wachsen, aber wohl nicht mehr so stark wie zuletzt, sagte IHK-Präsident Kirpal. Das liege nicht zuletzt auch am Brexit. Der werde nicht nur die exportorientierte Industrie im Freistaat treffen, glaubt Handwerkspräsident Gröhn. „Wenn die Industrie unter dem Brexit leidet, wird dies auch das Handwerk als Zulieferer und Dienstleister spüren.“

Kretschmer warnte aber vor zuviel Schwarzmalerei. „Bei den weiter niedrigen Zinsen wird uns die Baukonjunktur noch eine ganze Weile weiter tragen.“ Und auch die Industrie dürfe sich von Brexit & Co. nicht entmutigen lassen. „Wir haben keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Wir müssen nach vorn gehen, auch neue Märkte sehen. Angreifen ist die beste Methode.“

Schon jetzt bleibe aber trotz voller Auftragsbücher oft nicht genug Geld in der Kasse, kritisierte Gröhn. „Die höheren Erlöse werden durch gestiegene Einkaufspreise und Lohnkosten aufgefressen.“ Und durch die Kosten für die ausufernde Bürokratie. Hier müsse endlich ein echter Bürokratieabbau her. Gröhn: „Handwerker gehören in die Werkstatt und nicht ins Büro.“

Hinzu komme der Fachkräftemangel. „Der erweist sich zunehmend als echte Wachstumsbremse“, sagte Kirpal. Daran dürfte auch die geplanten Lockerung bei der Zuwanderung kaum etwas ändern. Die Regeln etwa für das Anwerben von Azubis im Ausland blieben „weiter hinter den Erwartungen“ zurück, kritisierte der IHK-Chef. Nach wie vor könne sich kein Betrieb sicher sein, dass ein Flüchtling als Azubi auch bis zum Ende der Lehre im Land bleiben dürfe.

Kirpals klare Forderung: „Abschiebungen während der Ausbildung sollten grundsätzlich ausbleiben.“ Und auch danach sollten sie im Land bleiben dürfen, fügte Unternehmerpräsident Bunsen hinzu. „Wenn wir Fachkräfte suchen, müssen die, die wir hier ausbilden, danach auch hier bleiben dürfen.“ Sonst werde es nie gelingen, Fachkräfte nach Sachsen zu locken. „Wir müssen die Region interessanter machen, damit Leute hierher kommen.“

Lob für Kretschmers Linie gab es dann beim Thema Braunkohle. „Der Braunkohleausstieg muss geordnet erfolgen und darf nicht zu neuen Strukturbrüchen führen“, sagte IHK-Chef Kirpal. Genau dafür setzt sich auch Kretschmer zusammen mit seinen Amtskollegen aus Brandeburg und Sachsen-Anhalt seit Monaten ein. Bunsen forderte aber zugleich, dass auch beim Thema Speichertechnik endlich mehr Dampf gemacht wird. „Sonst werden wir die Energiewende nie schaffen.“

Einig waren sich dann alle, dass vor allem die Elektromobilität große Chancen gerade für Sachsen bietet. „Das Thema hat Innovationspotenzial“, sagte Gröhn. Mit den Werken von Porsche und BMW in Leipzig sowie VW in Zwickau und Dresden, wo bereits E-Autos gebaut werden oder bald anlaufen sollen, sei Sachsen hier bereits gut aufgestellt, fügte IHK-Chef Kirpal hinzu.

Allerdings: „Forschung und Entwicklung hierfür finden weiterhin zu großen Teilen in den Konzernzentralen in Westdeutschland statt.“ Das müsse sich ändern. „Es muss Ziel der Politik sein, die Wertschöpfungskette vor Ort zu erhöhen, um drohenden Arbeitsplatzverlusten – gerade auch im Bereich der Zulieferer – entgegenzuwirken.“

Von Frank Johannsen

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Er war ab 1990 erster Geschäftsführer des damals neuen Flughafens Leipzig/Halle – und blieb ihm bis zuletzt als Berater verbunden. Jetzt ist der 74-Jährige, in dessen Amtszeit der Airport massiv ausgebaut wurde, gestorben. Die Nachricht löste unter den Beschäftigten große Betroffenheit aus.

14.12.2018

Seit sieben Jahren bietet Ryanair Flüge von und nach Leipzig/Halle an. Im Frühjahr 2019 ist damit Schluss. Wie die irische Fluggesellschaft am Montag mitteilte, stellt sie dann ihre letzte verbliebene Verbindung nach London ein.

10.12.2018

Von 16 auf fast 1000 Mitarbeiter: Die Leipziger Härterei und Qualitätsmanagement GmbH (HQM) ging 1993 aus dem früheren Getriebewerk der Stadt hervor. Seitdem haben sich die Fachleute mit Spitzentechnologie einen Namen gemacht.

04.12.2018