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Unternehmen Vom Bierholer zum Preisträger: Wie Holger Födisch Unternehmer des Jahres wurde
Leipzig Unternehmen Vom Bierholer zum Preisträger: Wie Holger Födisch Unternehmer des Jahres wurde
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12:27 11.05.2019
Verkauft Staubmesstechnik aus Markranstädt vor allem nach China: Holger Födisch. Quelle: Dirk Knofe
Markranstädt

Straßenlaternen, die nebenbei den Feinstaub in der Luft messen. Eine Handy-App, die Joggern sagt, wann sie wegen zu dicker Luft besser nicht vor die Tür gehen sollten. Litfaßsäulen, die in stickigen U-Bahn-Stationen die Luft reinigen. Wenn man Holger Födisch nach seinen Plänen für die Zukunft fragt, sprudeln die Ideen nur so aus ihm heraus. „Manches wird sicher Blödsinn sein. Aber manches wird auch kommen.“ Und seine Firma Dr. Födisch Umweltmesstechnik aus Markranstädt bei Leipzig, die ihr Geld bisher vor allem mit Staubmessern für Kraftwerke, Müllverbrennungsanlagen und Industrie verdient, soll dann ganz vorne mitmischen.

Schon die Tatsache, dass es die Firma überhaupt gibt, ist den pfiffigen Ideen des Tüftlers an der Spitze zu verdanken. Denn das erste eigene Produkt, mit dem der promovierte Ingenieur 1992 auf den Markt kam, hatte er zu DDR-Zeiten selbst entwickelt – als Abfallprodukt seiner Doktorarbeit, die er in den 1980ern an der damaligen Technischen Hochschule Merseburg im heutigen Sachsen-Anhalt schrieb. Dabei ging es darin gar nicht um Staubmessgeräte – sondern um die Verbesserung von Elektrofiltern in Braunkohlekraftwerken. „Und dafür brauchte ich ein Staubmessgerät. Doch das gab es in der DDR nicht zu kaufen. Also hab ich selbst eins entwickelt.“

DDR-Eigenbau wird nach der Wende zum Verkaufsschlager

Als Födisch dann vier Jahre nach Abschluss der Doktorarbeit von der Treuhand den Betrieb in Markranstädt übernahm, holte er den Eigenbau aus Studienzeiten aus der Schublade – und brachte 1992 den Partikelflussmesser PFM 92 auf den Markt. „Damit fing alles an.“ Noch heute ist der triboelektrische Staubmesser das meistverkaufte Gerät der Firma. „Das ist unser Brot-und-Butter-Geschäft. Davon bauen wir 1000 Stück pro Jahr“, erzählt Födisch. Das aktuelle Modell, 2014 eingeführt, heißt PFM 14. Doch auch das Ur-Modell PFM 92 wird – inzwischen mit Digital- statt Analogtechnik – nach wie vor gebaut.

Umsatz macht die Firma aber inzwischen vor allem mit den deutlich anspruchsvolleren Staubkonzentrationsmessgeräten, die 1997 ins Sortiment kamen: Zwar wurden davon zuletzt nur 300 Stück pro Jahr verkauft – aber zu deutlich höheren Preisen. Während der Staubmesser PFM, der in Kraftwerks- und Fabrikschornsteinen Alarm schlägt, wenn der Filter ein Leck hat, für 1500 bis 2000 Euro zu haben ist, kosten die zwei Meter hohen Analyseschränke mehr als das Zehnfache. Das dritte Hauptprodukt sind inzwischen Gasanalysegeräte, die etwa in Chemiewerken zum Einsatz kommen. „Und produziert wird alles hier in Markranstädt.“

Als Praktikant wurde er 1981 noch Bier holen geschickt

Dabei hatte Födisch 1991 von der Treuhand nicht viel mehr als ein paar marode Gebäude übernommen. Und produziert wurde hier bis dahin auch nicht. Das Gebäude am Rande von Markranstädt war in den 1930ern als Schwelerei errichtet worden, um aus Braunkohle Flugbenzin zu machen. In der DDR wurde daraus dann ein Versuchsstand des VEB Entstaubungstechnik Edgar André Magdeburg (EAM). Hier wurden neue Filter für die Industrieschlote der DDR entwickelt, Prototypen gebaut und dann auch erprobt.

Und bei genau diesem VEB hatte Födisch 1987 direkt nach der Hochschule angeheuert, zunächst als Versuchsingenieur in Leipzig. Zwei Jahre später wurde er dann, noch kurz vor der Wende, Betriebsleiter in Markranstädt – mit gerade einmal 29 Jahren. Viele der damals 18 Mitarbeiter kannte der gebürtige Wolfener da bereits: 1981/82 war er als Student schon zum Praktikum hier gewesen. „Das war meine erste Bekanntschaft mit dem Gebäude. Damals haben mich die Leute noch Bier holen geschickt – und jetzt war ich plötzlich ihr Chef.“ Krumm genommen habe er das aber niemandem.

Treuhand suchte vergeblich nach einem Käufer

Dann kam die Wende – und die Treuhand suchte einen Käufer für den Betrieb. Mehrere Investoren schauten sich auch den Versuchsstand in Markranstädt an – und winkten ab. „Diesen Schrotthaufen wollte niemand haben.“ Also entschied sich Födisch, den Betrieb zusammen mit drei Kollegen selbst zu kaufen – mit ihm als Mehrheitseigner. „Das war alles nur Schrott, keine Aufträge – und dafür sollten wir noch 300 000 D-Mark bezahlen. Völlig idiotisch“, sagt Födisch heute. „Alle sagten uns, das ist zum Scheitern verurteilt.“

Doch es klappte. Zunächst hielt man sich mit kleinen Aufträgen als Dienstleister bei Abgasmessungen über Wasser – bis 1992 mit dem Staubwächter PFM 92 das erste eigene Produkt kam. „Die ersten Jahre waren ein Überlebenskampf. Und selbst da haben wir nie Verluste gemacht. Das konnten wir uns gar nicht leisten.“

An den ersten Großauftrag erinnert sich der 59-Jährige noch genau: Das war 1994. In Eilenburg wurde gerade eine neue Papierfabrik gebaut – mit eigenem Kraftwerk. Und Födisch erhielt den Zuschlag, dafür die Messtechnik zu liefern. „Ich bin dafür extra nach Helsinki geflogen. Und es ging alles schief, was schiefgehen kann. Ich kam bei minus 18 Grad in Halbschuhen zur Verhandlung, mein Rückflug wurde gecancelt und ich hatte nichts mit zum Übernachten. Aber wir haben den Auftrag bekommen. Für 600 000 D-Mark.“ Und das waren damals 50 Prozent des Jahresumsatzes. „Das war für uns der Durchbruch.“ Danach kamen immer mehr Aufträge, um Kraftwerke, Müllverbrennungsanlagen und Fabriken mit neuer Messtechnik auszurüsten.

Solarzellen auf dem Dach und Sporthalle für die Mitarbeiter

Den einstigen „Schrotthaufen“ in Markranstädt hat Födisch längst in einen schmucken Vorzeigebetrieb verwandelt – mit Solarzellen auf den Dächern, einer Stromtankstelle für E-Autos und eigener Sporthalle für die Mitarbeiter. „Am Anfang haben wir da Badminton gespielt, weil das meine Leidenschaft ist“, sagt Födisch. Schließlich hatte er zu DDR-Zeiten, als man noch Federball sagte, selbst mit Lokomotive Bitterfeld in der Bezirksliga gespielt. Inzwischen gibt es jeden Mittwoch Fußball und jeden Dienstag Volleyball. „Und einmal im Monat spiele ich da auch selbst mit.“

85 Mitarbeiter hat Födisch allein in Markranstädt, davon gut die Hälfte Ingenieure. Zusammen mit allen Tochterfirmen, die im Laufe der Jahre hinzugekauft wurden, sind es sogar über 200 Mitarbeiter. Der Umsatz der Gruppe liegt inzwischen bei 35 Millionen Euro. „Und die Rendite ist außergewöhnlich gut“ – mehr als 25 Prozent.

56 Prozent der Produkte gehen in den Export

Der wichtigste Markt ist dabei längst nicht mehr Deutschland – sondern China. Schon 2005 hatte Födisch in Hangzhou ein kleines Büro mit zwei Mitarbeitern aufgemacht – das zunächst vor sich hin-dümpelte. Bis 2015. Dann verordnete die Regierung in Peking den Fabriken und Kraftwerken des Landes eine schlagartige Reduzierung der bis dahin ungezügelten Emissionen. „Da sind unsere Umsätze durch die Decke gegangen.“

Denn plötzliche suchten die Chinesen händeringend nach passender Staubmesstechnik. „Aber dafür gab es damals nur fünf Anbieter weltweit – und wir hatten in China schon einen Fuß in der Tür.“ 2015 machte er dort schon 7,5 Millionen Euro Umsatz, 2016 sogar 14 Millionen. „Das war in der Spitze die Hälfte unseres Jahresumsatzes.“

Boom in China befeuert Umsatz

Weil es so gut lief, vergab er 2015 sogar Lizenzen nach China – für 1,3 Millionen Euro. „Wenn sie schon nachbauen, dann sollen sie dafür wenigstens bezahlen“, sagte sich der Chef. Dem eigenen Geschäft tat das keinen Abbruch – im Gegenteil. „Das hat die Nachfrage sogar noch befeuert.“ Denn dank der Lizenz-Nachbauten wurde Födisch-Technik dort zum Standard – und viele wollten am Ende doch lieber das Original aus Deutschland und waren auch bereit, dafür mehr zu zahlen.

„Der China-Hype ist jetzt aber erst mal vorbei“, sagt Födisch. Denn die Nachrüstwelle mit Staubmesstechnik sei dort jetzt durch. Stattdessen setzt er nun auf das anziehende Geschäft mit Gasanalysegeräten. Noch in diesem Jahr will er dafür in Markranstädt mit dem Bau einer neuen Fabrikhalle beginnen – für vier Millionen Euro. Schon im kommenden Jahr könnte er die Produktion seiner Gasanalysegeräte dann verdoppeln.

Speziell für den chinesischen Markt hat er sogar das mobile Gasanalysegerät MCA 14m entwickelt, mit dem Behörden zur Kontrolle ausrücken können. Die sonst schrankgroße Messtechnik wurde dafür auf Koffergröße reduziert. Und weil das den Kunden in China immer noch zu unhandlich war, machte Födisch daraus kurzerhand zwei Koffer.

Straßenlaternen messen den Feinstaub

Und in Zukunft? Einige Jahre werde man mit den großen Industrieanlagen noch gut fahren, ist sich Födisch sicher. Langfristig gehe der Trend zu viel kleineren Messgeräten, die immer und überall die Schadstoffe messen. „Smart-City“, nennt das der Unternehmer – und zeigt stolz auf die beiden Straßenlaternen vor dem Hauptgebäude, die zusammen mit der Firma Leipziger Leuchten entstanden. Die spenden nicht nur Licht, sondern messen ganz nebenbei die Luftschadstoffe. „Das ist die Zukunft.“

Zum Beweis zückt Födisch sein Tablet. Zehn Messstellen hat er als Testnetz bereits auf eigene Kosten aufgestellt – und kann sich die Werte jetzt in Echtzeit anschauen. Vier Messsonden stehen auf dem Firmengelände, eine bei ihm zuhause in Leipzig-Schönefeld im Garten, zwei am ehemaligen Rittergut in Leipzig-Möckern, das er 2005 zusammen mit seiner Frau gekauft hat, zwei weitere in Markranstädt und eine in Borna.

„Bei mir zuhause sind die Werte aber gerade hoch“, sagte er erschrocken beim Blick aufs Tablet. „Da sollte man heute besser nicht rausgehen.“ Genau das würde er gern allen Bürgern als Service anbieten. „Wenn man das flächendeckend aufbaut, könnte jeder in Echtzeit sehen, wie bei ihm vor Ort die Schadstoffwerte sind. Und Behörden könnten gezielt warnen, in bestimmten Stadtteilen besser keinen Sport im Freien zu treiben.“ Bisher gebe es zwar von den Kommunen noch keine große Nachfrage nach der smarten Messlaterne. Doch das werde sich ändern, ist sich Födisch sicher. „Und wir sind dann darauf vorbereitet.

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