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Europawahl Dresdnerin Katharina Wolf als „Frau Europas 2019“ ausgezeichnet
Leipzig Wahl Europawahl Dresdnerin Katharina Wolf als „Frau Europas 2019“ ausgezeichnet
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16:15 23.05.2019
Die Dresdner Juristin Katharina Wolf ist Trägerin des Preises „Frauen Europas 2019“. Quelle: Foto: Dietrich Flechtner
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Dresden

Brüssel ist doch so weit weg.“ Das hört Katharina Wolf häufig, wenn sie und ihre Mitstreiter der Europa-Union mit Menschen über die Europäische Union ins Gespräch kommen wollen. „Dabei stimmt das gar nicht“, sagt sie. Schülern bringen die Vereinsmitglieder besonders gerne alltägliche Gegenstände mit, wie etwa einen Lippenstift, um ihnen Brüssel näher zu bringen. Tierversuche mit Kosmetikartikeln sind nämlich in allen Mitgliedsstaaten verboten.

Obwohl das Wort Union im Namen steht, gibt es keine Verbindungen zwischen der Europa-Union und der Christlich Demokratischen Union. Stattdessen handelt es sich um einen pro-europäischen, unabhängigen und überparteilichen Bürgerverein, der sich für ein föderales Europa und politische Bildung einsetzt. Katharina Wolf ist Vorsitzende des sächsischen Landesverbandes, sie hat ihn 2015 mitgegründet.

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Was heute selbstverständlich ist, war in den 1960ern undenkbar

Für ihr Ehrenamt wurde die im Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr tätige Juristin im Mai als „Frau Europas“ ausgezeichnet. Dieser Preis ehrt seit 1991 Frauen, die sich für Europa engagieren. Als Europäerin habe sie sich allerdings nicht immer gefühlt, erzählt Katharina Wolf. Verschiedene Ereignisse in ihrem Leben hätten sie aber mit dem „Europa-Virus“ infiziert, wie sie selbst sagt.

Was heute ganz selbstverständlich erscheint, ein Europaverein in Sachsen, war zum Zeitpunkt von Wolfs Geburt 1963 in Frankfurt am Main noch undenkbar. Damals war Deutschland noch ein geteiltes Land, trotz Reisefreiheit mussten auch die damaligen BRD-Bürger bei Grenzüberquerungen Schlagbäume überwinden. Als Wolf in den 1980er Jahren ihr Jurastudium aufnahm, war von der Europäischen Union, damals vor allem eine wirtschaftliche Gemeinschaft, nichts zu merken. „Austauschprogramme wie Erasmus gab es damals noch nicht“, erinnert sie sich.

In Brüssel entbrannte Wolfs Leidenschaft für Europa

Nach dem zweiten Staatsexamen bekam Wolf 1993 die Möglichkeit, im sächsischen Wirtschaftsministerium in Dresden anzufangen. Aus Neugierde auf die damals noch „neuen“ Bundesländer und deren Bewohner sagte sie sofort zu. Von dort führte ihr Weg sie 2000 nach Brüssel.

Wolf trat eine Stelle im sächsischen Verbindungsbüro, welches die Interessen des Freistaates in der EU Politik vertritt, an. In dieser Zeit entbrannte ihre Begeisterung vollends. Später arbeitete Wolf für die Bundesregierung in den Europaabteilungen des Auswärtigen Amtes und des Bundesinnenministeriums. „In Berlin lernte ich eine bunte Europaszene kennen“, erinnert sie sich. Damals trat sie in die 1946 gegründete Europa-Union ein, zunächst noch als passives Mitglied im Brandenburger Landesverband.

Mehr zur Europa-Union

Der pro-europäische Bürgerverein, wurde 1946 gegründet – und ist damit älter als die EU selbst. In Deutschland, Belgien und Luxemburg hat der Verein 18 000 Mitglieder. Die Europa-Union setzt sich für föderale und demokratische Strukturen in der EU ein. Viele seiner frühzeitigen Forderungen sind heute Wirklichkeit, wie die Direktwahl des Europäischen Parlamentes, die Einführung des Euros oder die Abschaffung der Roaming-Gebühren.

„Das sind keine Patriotischen Europäer“, sagt Wolf über Pegida.

Das änderte sich 2014 schlagartig. In dem Jahr kehrte Katharina Wolf in ihre sächsische Wahlheimat Dresden zurück – und verstand die Welt nicht mehr. An Montagabenden liefen „Patriotische Europäer“ durch die Altstadt und demonstrierten gegen die angebliche „Islamisierung des christlich-jüdischen Abendlandes“. „Das sind keine Patriotischen Europäer, wenn sie sich für Abgrenzung und Ausgrenzung stark machen“, so Wolf. Anfangs lief sie bei den Gegendemonstrationen mit, hatte aber bald das Gefühl, das reiche nicht aus. Mit weiteren Mitstreitern gründete sie darauf den Landesverband der Europa-Union in Sachsen.

Das ultimative Ziel des Vereins sei ein föderaler Staat Europa mit den Nationalstaaten als Bundesländern. Dass es sich dabei um eine extreme Position für jene handelt, die die Europäische Union kritisch sehen, ist Wolf bewusst. „Ja, die Meinung eckt an. Wir wollen uns damit in den demokratischen Diskurs einbringen – über die Zukunft Europas entscheiden am Ende die Bürger.“

Ortsgruppen der Europa-Union gibt es überall in Sachsen verteilt

Es gehe den 130 Vereinsmitgliedern aber nicht nur darum, die Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“ zu vermitteln, es gehe vor allem um politische Aufklärung. Einmal im Jahr organisieren die Ehrenamtlichen beispielsweise eine Simulation des Europäischen Parlaments für sächsische Schüler. Außerdem veranstalten sie Kneipenquizze und Podiumsdiskussionen zum Thema Europa. Nicht nur in Dresden, auch in Leipzig oder Chemnitz gibt es Ortsgruppen. „Sachsen hat nur vier Millionen Einwohner. Um auf der Weltebene mitzuspielen, müssen wir mit anderen europäischen Partnern zusammen arbeiten“, sagt Wolf.

Die Idee der Vernetzung steht auch hinter der Auszeichnung „Frau Europas“. Die Gewinnerinen erhalten eine Brosche mit den goldenen europäischen Sternen darauf, aber kein Preisgeld. Stattdessen unterstützen sich alle bisherigen Gewinnerinnen gegenseitig. Das ist aus Sicht der diesjährigen Preisträgerin viel wert.

Wahlwerbung spreche eher jüngere Leute an

Ob sie sich mit Blick auf die anstehenden Wahlen um die Zukunft Europas sorgt? „Ja, sonst würde ich mich nicht engagieren“, lautet Wolfs kurze Antwort. Freuen würde sie sich bei den diesjährigen Europawahlen vor allem über eine hohe Wahlbeteiligung.

Um junge Menschen sorgt sich die 56-Jährige dabei nicht. „Der Wahlkampf ist auf junge Menschen zugeschnitten, die sich eh schon mit Europa identifizieren. Leute in meinem Alter werden in Deutschland eher weniger angesprochen“, lautet ihre Beobachtung.

Von Pia Siemer