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Kommunalwahl Leipzigs Grüne legen kräftig zu – warum ist das so?
Leipzig Wahl Kommunalwahl Leipzigs Grüne legen kräftig zu – warum ist das so?
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11:50 28.05.2019
Bündnis 90/Die Grünen gehören zu den Wahlsiegern. „Grüne Themen“ bekommen daher im neuen Stadtrat mehr Gewicht. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Junge Menschen sind wieder politischer geworden. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ rufen Schüler und Studenten, die freitags durch Leipzigs City ziehen. Wie anderswo hat die „Fridays for future“-Bewegung sich Gehör verschafft. Die Bilder vom vergangenen Dürre-Sommer oder von Überflutungen haben sich bei vielen Menschen ins Gedächtnis eingebrannt. Viele befürchten, global vor einer existenziellen Krise zu stehen. Und viele Politiker reden vom Klimaschutz, dabei verfehlt Deutschland seine eigenen Klimaziele. Das bleibt nicht unbemerkt. Jener Zeitgeist beflügelt gerade die Grünen, die in Leipzig sowohl bei der Europa- als auch der Stadtratswahl über 20 Prozent holten.

Grüne Themen haben gerade Konjunktur

Elf Mandate plus ein weiteres von der Wählervereinigung hat die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, im neuen Stadtrat sind es dann 15. Die Grünen ziehen mit den Linken gleich, und sind neben der AfD die großen Gewinner der Wahl. Wie es heißt, schließt sich Bert Sander von der Wählervereinigung Leipzig ihnen an. Damit wird Bündnis 90/Die Grünen stärkste Fraktion im neuen Stadtrat. Doch warum ist Leipzig so grün geworden?

Klar, ihre Themen haben gerade Konjunktur. Menschen sehnen sich nach einer intakten Umwelt oder einem funktionierenden Stadtverkehr. Das verfolgen die Grünen als Markenkern ihrer Politik seit Jahren. Der Umweltpartei ist es daher wohl gelungen, glaubhaft zu bleiben. „Wir hängen unser Fähnchen nicht nach dem Wind. Auch wenn wir dafür angefeindet werden“, betont Norman Volger, der gemeinsam mit Katharina Krefft die bündnisgrüne Fraktion im Leipziger Stadtrat führt. Gerade der sozial gerechte Klimaschutz hat für Erstwähler einen hohen Stellenwert, wie bundesweite Umfragen belegen. Auch der Kohleausstieg, den allerdings andere Parteien ebenfalls für sich entdeckt haben. Oft aber mit gefühlt angezogener Handbremse. Hier wiederum wollen die Grünen, die auf Bundesebene ohne viel Streit sehr geschlossen agieren, eher vorpreschen.

Grüne profitieren von Schwäche der SPD

Das wird von vielen Großstädtern honoriert. Von der hohen Wahlbeteiligung (59,7 Prozent) können die Grünen dabei wohl ebenso wie von der Schwäche der Leipziger SPD profitieren, die dieselben Wählergruppen anspricht. Mit 20,7 Prozent (plus 5,7 Prozent gegenüber 2014) konnten sie ihr bislang stärkstes Ergebnis in Leipzig erreichen. Natürlich nicht überall. Sie eroberten ebenso wie die Linken vier der zehn Wahlkreise. Besonders stark sind sie im Stadtzentrum sowie in den angrenzenden Gebieten. In Grünau und Lausen hingegen, dort war die Wahlbeteiligung geringer, konnten sie gar nicht punkten. Ihren Bestwert mit 34,6 Prozent verbuchten die Grünen in Reudnitz-Thonberg, knapp vor Schleußig mit 34,2 Prozent. Das sind in der Regel dicht besiedelte Gebiete, was in der am stärksten wachsenden Stadt Deutschlands zu vielen Problemen führt. So fallen der regen Bautätigkeit Grün- und Brachflächen zum Opfer. Oder die Leute bleiben zumindest zu Hauptverkehrszeiten im Stau stecken.

Ein konsequenter Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und des Radverkehrs sowie autoarme oder gar autofreie Viertel gehören seit vielen Jahren zu den Kernforderungen der Grünen. Der Autoverzicht stört vor allem Jüngere nicht, da sie sich ohnehin kein Auto leisten können oder wollen sowie bei Bedarf auf Car-Sharing setzen. Viele teilen offenbar die Vision, dass die Leipziger künftig mit Bus und Bahn pünktlich ihre Wege erledigen und dabei noch Geld sparen können. Wie Linke und SPD wollen die Grünen den Einstieg ins 365-Euro-Ticket, wie es in Wien angeboten wird. Ihnen nimmt man das eher ab als der SPD, die noch im Sommer 2018 ein Tarifmoratorium ablehnte und die Ticketpreise nur leicht ansteigen lassen wollte.

Ruf nach echter Verkehrswende gehört

Ist das Öko-Lobbyismus? „Von einer überhitzten Stadt im Sommer sind ältere Leute, die uns nicht so häufig wählen, besonders betroffen, etwa durch gesundheitliche Probleme. Wenn wir uns für mehr Bäume, grüne Fassaden oder Mikroparks einsetzen, profitieren letztlich alle davon“, sagt Volger. Grüne Mobilität mit Vorrang für Straßenbahn und Bus sowie eine nachhaltige Reduzierung des individuellen Autoverkehrs bedeute eben auch, dass weniger Lieferfahrzeuge im Stau stehen. Die Wähler haben den Ruf nach einer echten Verkehrswende gehört. Auch wenn ziemlich unklar ist, woher das Geld für die Millionen-Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur kommen soll. Die Grünen wollen Leipzig nun zu einem Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit machen. Geschieht hier zu wenig, könnte ein enttäuschter Wähler ihren Höhenflug bald beenden.

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