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Landtagswahl Sachsen Wahlforum in Dresden: 5:1 beim längeren gemeinsamen Lernen
Leipzig Wahl Landtagswahl Sachsen Wahlforum in Dresden: 5:1 beim längeren gemeinsamen Lernen
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22:31 22.08.2019
Das Wahlforum in Dresden mit sechs Spitzenkandidaten und drei Chefredakteuren im Podium: (v. l.) Rico Gebhardt (Linke), Katja Meier (Grüne), Michael Kretschmer (CDU), Torsten Kleditzsch (Freie Presse), Jan Emendörfer (Leipziger Volkszeitung), Uwe Vetterick (Sächsische Zeitung), Martin Dulig (SPD), Jörg Urban (AfD) und Holger Zastrow (FDP). Quelle: Jürgen Loesel
Dresden

Bildung ist die Nummer eins. Auch beim großen Wahlforum zur Sachsen-Wahl. Das hat das Publikum im Dresdner Kongresszentrum am Mittwochabend so entschieden.

Bei der Abstimmung, über welches Thema zuerst diskutiert werden sollte, votierten die Zuschauer, vor allem Leser der LVZ, der Freien Presse und der Sächsischen Zeitung, ganz klar für Bildung.

Sanierungsstau in Schulen

Der Startschuss für die Debatte kam dann von einem Vater zweier schulpflichtiger Kinder aus Leipzig. Per Film-Einspieler beklagte Klaus Hauschild (35), Softwareentwickler und Elternbeiratsmitglied, den Sanierungsstau an Leipziger Schulen.

Der Moderator dieser Runde, LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer, reichte das Problem gleich weiter an Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Der gab sich ganz staatsmännisch und verwies darauf, dass sich Land und Kommunen in Sachen Bildung die Verantwortung teilen und die Baulast bei den Kommunen liegt.

Wahlforum der Spitzenkandidaten zur Sächsischen Landtagswahl

AB 18 Uhr LIVE: Sächsische Elefantenrunde - drei Chefredakteure befragen anderthalb Wochen vor der Landtagswahl sechs Spitzenkandidaten.

Gepostet von LVZ Leipziger Volkszeitung am Mittwoch, 21. August 2019

Er räumte ein, dass gerade in den Leipziger Schulen vieles im Argen liegt. „Deshalb bin ich froh, dass der sächsische Landtag mit dem Doppelhaushalt ein Schulhausbau-Paket verabschiedet hat, um im Wesentlichen in Leipzig, Dresden und Chemnitz den großen Sanierungsstau zu beseitigen und neue Schulen zu bauen.“

Er verwies damit, ohne alle Zahlen zu nennen, auf das 310-Millionen-Paket zur Schulsanierung in den Großstädten und das 179-Millionen-Paket zum Schulhausbau im ländlichen Raum für 2019/20. Seine 60 Sekunden Redezeit im streng getakteten Zeitregime waren schon um. Er endet auf den Punkt.

Als Emendörfer den Ball SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig weiterspielte, beendete der erst einmal den Sanierungsfall und machte eine neue Bildungsbaustelle auf.

Längeres gemeinsames Lernen

„Wir haben einen inneren und einen äußeren Sanierungsfall“, sagte der Wirtschaftsminister und legte nach: „In der vierten Klasse zu entscheiden, ob ein Kind auf das Gymnasium oder auf die Oberschule geht, ist zu zeitig. Es heißt deshalb: längeres gemeinsames Lernen.“ Dafür gab es den ersten Beifall für einen der Kandidaten. Schule im 21. Jahrhundert sei nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern sie müsse auch soziale und ethische Kompetenzen vermitteln.

Kurz vor der Landtagswahl stellten sich die Spitzenkandidaten verschiedener Parteien den drängendsten Fragen der Sachsen.

Die grüne Spitzenfrau Katja Meier war da völlig seiner Meinung, nannte Bildungsgerechtigkeit ein großes Ziel. Es gehe darum, „die Schülerinnen und Schüler nicht nach der vierten Klasse auseinanderzureißen“. Die einzige Frau auf dem Podium forderte einen „besseren Betreuungsschlüssel in den Kitas und eine gute Bezahlung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kitas und auch in den Schulen“. Beifall.

Beim längeren gemeinsamen Lernen wurde die Phalanx mit Rico Gebhardt, dem Spitzenmann der Linken, noch weiter geschlossen. Er verwies auf den vor wenigen Tagen beim Landtagspräsidenten eingereichte Volksantrag mit 50.000 Unterschriften für Gemeinschaftsschulen.

Er forderte die CDU auf, „ihre Scheuklappen abzulegen“. Sie sollte aufhören, davon zu reden, „dass das Gift wäre für die weitere Entwicklung“, teilte er gegen Kretschmer aus. Dann bekannte er, dass seine Zwillinge gerade eingeschult wurden, und zwar in eine neugebaute Schule in Dresden. Emendörfer kommentierte: „Wir halten fest: Ein junger Vater aus der Opposition sagt: Es war nicht alles schlecht.“ Der Saal reagierte amüsiert.

Fünf Parteien einig gegen die CDU

Auch Holger Zastrow, Spitzenmann der FDP, äußerte seine Sympathie für das längere gemeinsame Lernen. Schon aus seiner Ost-Erfahrung heraus. Dann ruderte er aber ein wenig zurück. „Ich glaube aber, dass das neue sächsische gegliederte Schulsystem auch Vorteile hat.“ Die gesamte Schulstruktur jetzt über den Haufen zu werfen, halte er nicht für sinnvoll.

Dann konnte sich der Dresdner einen Seitenhieb gegen Leipzig nicht verkneifen und kam noch mal auf die Schulsanierung zurück: Seine Heimatstadt habe seinerzeit die Kommunale Wohnungsbaugesellschaft verkauft, dadurch Schuldenfreiheit hergestellt und nun ganz andere Möglichkeiten, Schulen zu sanieren als in Leipzig. „Deshalb sehen die Schulen hier auch besser aus als in Leipzig.“ Beifall.

Jörg Urban, Spitzenkandidat der AfD, stieg auf das Leipzig-Bashing nicht ein, sondern lobte wie Kretschmer und Dulig, dass das Land den Kommunen zusätzliche Mittel für die Schulsanierung bereitgestellt hat. Geld allein aber reiche nicht. Die Baudezernate müssten auch gestärkt werden. Dann bekundete der Fraktionschef, dass auch die AfD für längeres gemeinsames Lernen ist, und zwar bis zur achten Klasse.

Damit hatte er alle Vorredner noch übertroffen, die sich soweit nicht vorgewagt hatten. „Wir wollen mit dem längeren gemeinsamen Lernen die Oberschulen stärken und die Bildungsempfehlung verbindlich machen, damit wirklich nur die Kinder aufs Gymnasium gehen, die am Ende studierfähig sind“, so Urban. Er verwies auf den Bedarf an Facharbeitern. Beifall.

Kretschmer verteidigt sächsisches Bildungssystem

Der CDU-Spitzenkandidat, der sich nun einer Phalanx aus fünf Parteien gegenüber sah, wich nicht einen Deut von seiner Position. „Wir haben vor 30 Jahren ein eigenes Bildungssystem aufgebaut, dabei das Beste aus der DDR behalten und anderes hinzugefügt, wir haben Kopfnoten, Zentralabitur, und sind damit sehr erfolgreich.“

Er verwies auf Pisa und den jüngsten Bildungsmonitor der Initiative Neue soziale Marktwirtschaft, der Sachsen Bestnoten erteilte, auch für soziale Chancengleichheit. Der Begründungszwang, ein solches System zu ändern, sei natürlich anders, so der Vater zweier schulpflichtiger Kinder, „als bei Bremen, das das Bildungsniveau ungefähr von Mexiko hat“. Dann nannte er die drei Punkte, bei denen er noch Verbesserungsbedarf sieht: 1. Lehrerversorgung, 2. Inklusion und 3. politische Bildung und Berufsorientierung. Dann bekam auch Kretschmer seien ersten Beifall.

Kommt nach der Wahl das längere gemeinsame Lernen?

Wenn alle potenziellen Koalitionspartner der CDU für längeres gemeinsames Lernen sind, wird das dann nach der Wahl verbindlich, fragte der Moderator. Dulig ließ keinen Zweifel daran, dass dies ein zentrales Thema für die SPD sei. Das müsse ins Schulgesetz. „Wir brauchen da Verbindlichkeit.“

Auch Katja Meier, deren Grüne gute Chancen aufs Mitregieren haben, plädiert für mehr Freiraum. „Lehrerinnen und Lehrer sollen gemeinsam mit den Eltern entscheiden können, ob eine Gemeinschaftsschule eingerichtet wird“, sagte sie. Es gehe nicht darum, alles über den Haufen zu werfen, Steine aus dem Weg zu räumen werden mit einer Änderung des Schulgesetzes. „Kinder sollten nicht mit zehn Jahren auseinandergerissen werden und Bildungsbiografien nicht in eine so frühen Alter festgelegt werden“, so ihre Forderung. Gebhardt verwies darauf, dass es das Gemeinschaftsschulmodell in Thüringen schon gibt. „Wir wollen das Schulsystem nicht auf den Kopf stellen, aber eine zusätzliche Option.“

Die hohe Schulabbrecherquote zeige, dass doch alles in Ordnung sei mit dem sächsischen Schulsystem. Holger Zastrow, dessen FDP derzeit mit fünf Prozent in den Umfragen noch zittern muss um den Einzug in den Landtag, warnte dagegen davor, herumzudoktern. „Lasst uns das vorhandenen Schulsystem besser machen , aber nicht umkrempeln.“ Damit ließ es vieles offen.

Lehrer als das A und O

Die Spielregeln sahen nun vor, dass nur eine Dreiergruppe aus Kretschmer, Gebhardt und Zastrow das Thema weiterdiskutierte. Der CDU-Chef verwies auf die Durchlässigkeit des sächsischen Schulsystem und sah weiter keinen Änderungsbedarf. Dafür nutzte er die Chance, um eine Lanze für die Lehrer zu brechen. Sie seien das A und O. Denn nicht alle Kinder bekämen das Rüstzeug so mit, wie man sich das wünsche. Er schloss hier ausdrücklich die Kita-Erzieher mit ein.

Zastrow nahm den Ball auf und übte zugleich Selbstkritik, dass auch die FDP, als sie mitregierte, zu wenig unternommen hätte in Sachen Lehrer. „Die Ausbildung der Lehrer dauert eben, wir haben zu spät umgestellt.“ Für Gebhardt spielt auch die Bezahlung eine entscheidende Rolle. „Warum soll ein Grundschullehrer in Sachsen für 1000 Euro weniger arbeiten, wenn er in Baden-Württemberg für seine gleiche Arbeit besser bezahlt wird?“, wirft er in die Runde. „Ganz viele junge Leute haben Sachsen verlassen, weil wir ihnen keine Zukunftsperspektive gegeben haben“; wirft er den Regierenden vor.

Verbeamtung der Lehrer

Die Verbeamtung der Lehrer ist für ihn der falsche Weg, redet er sich fast in Rage. „Da müssten wir ja auch in der Pflege die Leute verbeamten, weil dort Fachkräfte fehlen.“ Kretschmer ließ sich nicht aus der Reserve locken, Zwei, drei Jahre werde man noch auf Kante fahren in Sachen Lehrer. Danach werde sich auch die Fokussierung auf Dresden und Leipzig geändert haben. „Es spricht sich langsam rum, dass der ländliche Raum viel attraktiver ist und viel mehr Chancen hat“, ist er zuversichtlich und legt nach: „Es hat sich herausgestellt, dass die Kinder im ländlichen Raum etwas ruhiger und strukturierter sind“, sagt er und erntet Beifall. Das gelte auch für die Erwachsenen. Große Zustimmung im Saal.

Dulig räumte ein, dass die Verbeamtung aus Konkurrenzgründen erfolgte. Seine Tochter sei Lehrerin, daher wisse er, dass die Wertschätzung ein ganz entscheidender Fakt sei. Er warb für eine schrittweise kostenfrei Kita, eine gute duale Ausbildung, Bildung sei nicht nur auf Schule reduziert, sondern eine große Zukunftsfrage. „Es soll bleiben, wie es ist, ist keine Innovation.“

Bildung für Flüchtlinge

Leser Martin Johannes Range aus Annaberg-Buchholz fragt noch, ob die Bildungspolitik im Bereich der Zuwanderer versagt, weil die freien Bildungsträger nur an Teilnehmerzahlen gemessen werden. Jörg Urban bestätigte, dass keine Erfolgskontrolle stattfindet. Das dürfe nicht sein. „Wir sagen als AfD ganz klar: Menschen, die als Bürgerkriegsflüchtlinge zu uns kommen, haben temporären Schutz und sollen nach Ende des Bürgerkrieges zurück in ihre Heimat.“

Daher empfahl er, die Flüchtlinge in ihrer Heimatsprache zu unterrichten, in der Schule oder, wenn es ältere Kinder sind, in der Berufsausbildung. Dann wäre nicht die deutsche Sprachhürde da. Sofort kam Protest vom Spitzenkandidaten der Linken. „Sie grenzen also Menschen von vorn herein aus, nur weil sie eine andere Sprache sprechen“, wandte Gebhardt ein.

Auch Katja Meier von den Grünen ließ das nicht stehen: „Der Schlüssel für Integration ist Sprache, und dass Menschen in Ausbildung und Arbeit kommen.“ Dann nutzte sie die letze Minute des umfangreichen Themas Bildung, um noch auf die Freien Schulen und ihren Finanzbedarf und die lebenslange Weiterbildung der Beschäftigten aufmerksam zu machen. Gong.

Von Anita Kecke

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