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Wohnen in Zeiten der Corona-Krise: Hilfe, uns fällt die Decke auf den Kopf!

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Einatmen, ausatmen: In der Krise heißt es, Ruhe bewahren, auch wenn das ständige Zusammenleben manchmal nervt. Quelle: fizkes/stock.adobe.com
Leipzig

Wir bleiben zu Hause – das ist Gebot der Stunde. Familien, Paare, Mitbewohner und Alleinlebende verbringen jetzt sehr viel Zeit in den eigenen vier Wänden. Was ist an dieser Situation für alle anders?

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Dr. Barbara Perfahl: Zum einen, dass es plötzlich sehr viel größere Überschneidungen von Lebensbereichen gibt, die normalerweise getrennt sind: Erholung – Arbeiten – Schule. Und zum anderen, dass sich alle diese Bereiche jetzt im eigenen Zuhause abspielen, wo es oft gar keine oder nur eine verhältnismäßig kleine räumliche Entsprechung gibt. Wir haben eben meist kein großes Büro zuhause, sondern höchstens einen kleinen Arbeitsplatz im Wohnzimmer. Vielleicht noch nicht einmal einen Schreibtisch, sondern arbeiten am Esstisch.

Was bedeutet diese Situation für unseren Alltag?

Unser normaler Tagesrhythmus ist für die meisten verknüpft mit Zeiten im Zuhause und Zeiten draußen. Das fällt nun weg. Es fällt vielen schwer, sich einen neuen Rhythmus zu schaffen, in dem die Bereiche des Lebens auch irgendwie getrennt sind – also eine klare Abgrenzung zwischen Arbeit und Erholung zum Beispiel. Es entstehen Reibungsverluste, die Kraft kosten und recht anstrengend werden, bereits nach ein paar Tagen.

Wohnpsychologin Barbara Perfahl Quelle: Wolfgang Lehner

Wo sehen Sie in der aktuellen Situation zu Hause besondere Herausforderungen für den Einzelnen?

Menschen, die alleine wohnen, müssen deutlich mehr Zeit auch wirklich alleine verbringen. Da können die eigenen vier Wände auch dann gefühlt zu eng werden, obwohl man sie mit niemandem teilen muss – oder darf! Menschen, die mit dem Partner oder Familie zusammenwohnen, haben jetzt oft praktisch keinen Rückzugsbereich mehr – weder zeitlich noch räumlich.

Wie kann man da Konflikte mit den Mitbewohnern oder der Familie vermeiden?

Am wichtigsten ist, dass jeder Mitbewohner jeden Tag Rückzugsmöglichkeiten hat. Wenn nicht für jeden ein eigener Raum vorhanden ist, wie bei den meisten, kann man gut mit Zeitfenstern arbeiten. Man legt dann fest, dass ein bestimmtes Zimmer in einem bestimmten Zeitraum quasi einem Familienmitglied gehört und sein Rückzugsbereich ist, die anderen dürfen nicht stören. Der zweite wichtige Aspekt ist, Funktionszonen jetzt noch klarer als sonst zu trennen, auch wenn das vielleicht gestalterisch nicht 100-prozentig optimal erscheint. Also ruhig einmal vorübergehend ein paar Möbel rücken, wenn man damit zum Beispiel den Arbeitsbereich besser vom Wohnbereich trennen kann.

Auf der anderen Seite: Wie kann man der drohenden Vereinsamung entgegenwirken?

Sich eine gute Tagesstruktur zurechtlegen, an die man sich auch hält; mehrmals täglich zumindest kurze Spaziergänge nach draußen, natürlich immer im Rahmen des Erlaubten, und die sozialen Kontakte via Telefon und Video halten – am besten mit richtigen Verabredungen. Ansonsten ist mein Tipp gerade auch für Alleinwohnende, die Zeit jetzt zu nutzen, um sich einmal ganz bewusst seiner Wohnung zuzuwenden und Projekte zu erledigen, die vielleicht schon lange liegen geblieben sind.

Die fallen ja jetzt mehr auf als sonst – ist das also ein guter Zeitpunkt fürs Reparieren und Renovieren?

Unbedingt! Die meisten haben jetzt doch mehr Zeit für das eigene Zuhause übrig, einfach weil Außentermine wegfallen. Und gerade jetzt stören uns Stellen in der Wohnung, die wir gern anders gestaltet hätten, noch mehr. Es bringt auch einen positiven Aspekt in die aktuelle Situation. Wie oft haben wir gesagt: Ich hätte gern einmal mehr Zeit zu Hause! Wir können Wohnen in gewisser Weise jetzt ganz bewusst zelebrieren. Dazu gehört, sich Gestaltungsprojekten zuzuwenden. Es ist ja sehr befriedigend und schön, wenn man die eigene Wohnung bewusst gestaltet. Ganz oft lässt sich schon mit Vorhandenem arbeiten: Dinge anders arrangieren, die Bilder aufhängen, die man schon ewig im Schrank aufbewahrt, die Möbel umstellen.

Sie bieten in der Corona-Krise eine einstündige Online-Sprechstunde unter dem Motto „Wohn-Erste-Hilfe“ an. Worum geht es dabei?

Wie eben ja schon angesprochen, sind wir ganz plötzlich in einer veränderten Wohnsituation, auf die wir uns erst einstellen müssen. Rund um die Uhr sind alle zuhause, Arbeit, Schule, Erholung – alles unter einem Dach, veränderte Tagesabläufe. Dazu kommt, dass die Corona-Krise existenzielle Bedrohungen mit sich bringt: Angst um Angehörige, Angst um den Arbeitsplatz oder das Einkommen. Eigentlich sollte unsere Wohnung aber unser Rückzugs- und Erholungsort sein, gerade in einer schwierigen Zeit. Aus meiner Arbeit weiß ich: Beim Wohnen und Einrichten sind es oft schon kleine Veränderungen, die als entlastend erlebt werden. Ich möchte in der aktuellen Zeit, in der das Thema Wohnen ein so zentrales ist, mit meiner Erfahrung einen kleinen Teil beitragen.

Dr. Barbara Perfahl ist Psychologin und beschäftigt sich seit 2009 mit dem Einfluss von Räumen auf das Wohlbefinden und der Frage nach optimaler Raumgestaltung für verschiedene Zwecke. Derzeit bietet sie täglich eine kostenfreie einstündige Online-Sprechstunde an, in die man sich über einen Link einwählen kann. Hier geht es um alle Fragen und Frustrationen rund ums Thema Wohnen in der momentanen Situation. Die Wohnpsychologin gibt Tipps und Tricks und sucht nach Lösungen. Darüber hinaus bietet sie eine kostenpflichtige Kurzberatung an – ebenso über Video.

Weitere Informationen gibt es unter www.die-wohnpsychologin.de/2020/03/gluecklich-wohnen-in-corona-zeiten/

Von Juliane Groh

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