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Tiergeschichten Zehn für einen Müller
Zehn für einen Müller
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21:23 18.05.2012
Quelle: Frank Meisel
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Es ist wieder soweit

Schweifen hoch zu den Ästen, wo sich hellgrüne Blätter entfalten, was an sich sehr hübsch ist. Doch meine Wünsche gehen in eine andere Richtung. Ich suche IHN.

Wie lange ist es her, dass ich einen Maikäfer sah? Er würde sich so gut zwischen dem Frühlingslaub machen. Aber der kleine Krabbler tut mir nicht den Gefallen. Einfach verschwunden ist er. Zumindest aus meinem Umfeld. Seit vielen Jahren schon. Meine Umgebung scheint komplett maikäferfrei zu sein, was ich sehr schade finde, mögen die Forstleute noch so schimpfen. Der Anblick der kleinen Käfer wäre ein Stück neu aufgelegter Kindheit.

Ich erinnere mich an die freudige Überraschung, wenn ich ihre braunen Körper zwischen dem zartgrünen Mailaub sah, liebte ihr adrettes Aussehen mit der Zierleiste aus weißen Dreiecken seitlich der dunklen Bauchregion. Ein hübscher Käfer mit ziemlich lädierter Reputation. Dessen ungeachtet war er auch bei meinen Mitschülern beliebt. Weckgläser wurden in die Schule geschmuggelt und zwischen grünen Blättern ein paar Maikäfer eingeschleust. In der Pause gab es das große Debattieren. Welche Schätze barg das Glas? Denn Maikäfer war nicht gleich Maikäfer. Sie unterschieden sich zwischen Müller, Schornsteinfeger und dem sehr seltenen Kaiser. Meistens waren es Müller, die in den Gläsern krabbelten. Ihren Namen erhielten sie durch die scheinbare Mehlschicht auf dem braunen Panzer. Schon seltener waren die Schornsteinfeger mit ihrem fast schwarzen Rücken. Der äußerst rare Kaiser blieb für uns ein Phantom. Der Erzählung nach sollte er rötlich an Kopf und Brustschild sein. Waren die Interessenten versammelt, kam es zu den Tausch-Aktionen. Zehn Müller für einen Schornsteinfeger? Und die Krabbeltiere wechselten den Besitzer.

Meine Sache war es nicht, dieses Tauschgeschäft. Ich erfreute mich lieber an ihnen in der freien Natur. Nahm sie auf und ließ sie meine Hand erkunden, während ich sie selbst erkundete. Behutsam setzte ich sie zurück ins Laub. Bis zu diesem einen Tag... Meine Mutter lag im Krankenhaus und ich machte mich auf den langen Weg in die Klinik. Dann sah ich ihn. Er lag neben der Straße im Sand. Mit strampelnden Beinen und offensichtlich hilflos. Denn er lag auf dem Rücken. Ich bückte mich, um ihm zu helfen. Dabei kam mir ein vorzüglicher Gedanke. Welches Glück, ihm gerade jetzt zu begegnen! Ich nahm ihn auf, umschloss ihn behutsam mit meinen Fingern, was er sich gefallen ließ. Denn im Grunde hatte er keine Wahl. Er begleitete mich auf meinem Weg. Begleitete mich bis zur Haltestelle, fuhr mit mir im Bus, setzte seinen unfreiwilligen Weg fort bis ins Krankenhaus. Tapfer trug ich ihn in der Faust. Sein Krabbeln zeigte Unwillen an, winzige Krallen hakten sich in meine Haut. Doch er hatte einen Auftrag, da akzeptierte ich keinen Protest. Er sollte Freude bereiten, glücklich malte ich mir die Überraschung meiner Mutter aus. Mit großer Erwartung trat ich ans Krankenbett. Sanft setzte ich den Käfer auf die weiß bezogene Decke. Meine Mutter war in der Tat überrascht, ihre Begeisterung jedoch äußerte sich eher verhalten. Ich hatte mir mehr Resonanz versprochen.

Die bekam ich Augenblicke später. Durch einen Schrei aus dem Nachbarbett. Ein Schrei, der sich um das Wort Kakerlake!! wand. Schon war ein Beinpaar zu sehen, das sich in Vorbereitung auf die Flucht in Panik über die Bettkante schwang. Zwar konnte der Hinweis auf einen friedlichen Maikäfer die arme Frau nicht gänzlich entspannen, doch schwächte er wenigstens ihr Entsetzen ab. Trotzdem hielt es meine Mutter für ratsam, das Insekt sofort aus dem Raum zu verbannen. Ich trug den Käfer in die Grünanlagen der Klinik. War er gekränkt über die Verwechslung? Er ließ sich nichts anmerken, stakste nur schwerfällig über die Rabatten, dann breitete er seine Flügel aus und erhob sich mit tiefem Gebrumm in die Luft.

Das ist nun schon viele Jahre her. Seitdem ist er mir nicht mehr in persona begegnet. Nur noch als Abbild aus Schokolade in den Regalen der Geschäfte. Aufgrund einer nostalgischen Anwandlung kaufe ich manchmal ein paar der süßen Kopien. Mit Freuden würde ich sie tauschen. Zehn von ihnen gegen ein lebendes Exemplar. Es kann auch gerne ein Müller sein.

Karin Tamcke

Karin Tamcke