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Aktuelles Leipziger Sportschule: Betätigung für Körper und Kopf
Mehr Gesundheit Aktuelles Leipziger Sportschule: Betätigung für Körper und Kopf
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08:49 20.03.2019
Die neue Sportoberschule mit der Dreifeldersporthalle, wurde zum Schuljahresstart 2018/19 feierlich übergeben.
Die neue Sportoberschule mit der Dreifeldersporthalle, wurde zum Schuljahresstart 2018/19 feierlich übergeben. Quelle: Armin Kühne
Leipzig

Persönlichkeitsbildend“, „ganzheitliche Bildung“, „politische Verantwortung“ – wenn es um Sportunterricht an sächsischen Schulen geht, wird es schnell emotional.

So sind auch die Wellen, welche die geplante Stundenkürzung an den Schulen im Freistaat Sachsen im vergangenen Jahr auslöste, noch immer nicht ganz verebbt.

Eine Petition des Sportlehrerverbandes Sachsen – aus welcher die Formulierungen stammen, mit denen dieser Text beginnt – erhielt Anfang 2018 fast 30 000 Unterstützer, es folgten warme Worte der Politik und Ende Januar 2019 lehnte der Sächsische Landtag die Petition ohne weitere Anhörung und Prüfung ab.

Doch woher die Aufregung um eine Stunde weniger Völkerball, Bodenturnen oder Weitsprung pro Woche? Weil für die einen Sportunterricht mehr ist als nur die rein körperliche Betätigung. Und für die anderen braucht es Bewegung über den Sportunterricht hinaus.

Ortstermin Max-Planck-Straße, Leipzig. Vor der Sportoberschule unweit der Heimspielstätte von RB Leipzig joggen zwei junge Männer in roten Trainingsjacken vorbei, trotz Kälte und verschneiter Gehwege, ins Gespräch vertieft.

Im gemütlich geheizten Schulgebäude betont Steffen Lederer, stellvertretender Schulleiter, zuerst einmal die Sonderrolle seiner Einrichtung: Klassen für Allgemeinsportler, die erst nach erfolgreichem Sporttest die Aufnahme schaffen, Leistungssportklassen mit täglichem Vormittagstraining, eine moderne Sporthalle …

Die Schüler hier werden so richtig gefordert. Zu den 32 Stunden Unterricht pro Woche kommen noch Wegezeiten, Nachmittagseinheiten oder Wettkämpfe am Wochenende. „Viele Schüler haben locker ihre 40 Stunden“, sagt Lederer.

Aber der wichtige Punkt sei nicht das Pensum. Wer zwischen verschiedenen Unterrichtseinheiten trainiere oder einfach Sport treibe, finde einen wichtigen Ausgleich. Oder besser: Abwechslung.

„Es ist ja nicht so, dass Sportler beim Training nicht denken würden“, erklärt er. So manche Technik- oder Taktikeinheit fordere den Kopf mehr als den Körper. „Im Kraftraum wiederum schieben sie die Eisen weg, da geht’s ganz schön zur Sache!“

Bewegung wirkt sich auf die Strukturen des Gehirns aus

Dass körperliche Betätigung gut für das Gehirn ist, weiß die Wissenschaft schon lange. Auch wenn sie sich lange schwer tat, dies auch zu beweisen.

Die heutigen Erkenntnisse: Regelmäßiges Ausdauertraining verbessert die Konzentrationsfähigkeit sowie die räumliche Vorstellungskraft, da Bewegung den Dopaminspiegel langsamer absinken lässt.

Zudem vergrößert körperliche Aktivität eine bestimmte Region im Hippocampus, ein Hirnareal, das wichtig für unser Lernen und Erinnern ist.

Fakten, über die man nicht mehr streiten muss. Die aber in den Überlegungen der Lehrplan-Verantwortlichen scheinbar nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Regelmäßige körperliche Betätigung kann neben dem Sportunterricht auch in alle Fächer integriert werden. Quelle: Galina9237941221/Pixabay.com

Lederer weist auf weitere Aspekte hin, die er bei „seinen“ Sportlern beobachtet. Wer sich im Wettkampf misst, wer entscheidende Spiele vor sich hat und dort gewinnt oder verliert, der wächst an diesen „persönlichkeitsbildenden Erlebnissen“. Da sei einerseits das psychologische Erlebnis in der Gruppe: „Wir haben noch mal zehn Prozent mehr reingepusht und es hat etwas gebracht.“

Andererseits trainiere der Schüler im sportlichen Wettstreit auch seine Stressresistenz und lernt, seine Leistung – zum Beispiel im Prüfungskontext – auf den Punkt zu erbringen. „Auch wenn das eher ein Jungs-Phänomen ist“, so Lederer. Mädchen hätten hier generell seltener Probleme.

„Bewegte Schule“: Ergänzung zum Sportunterricht

Sportoberschule. Sportunterricht. Bewegung spielt aber noch auf einer anderen Ebene eine Rolle. Niedrigschwelliger sozusagen.

Die emeritierte Professorin Christina Müller leitet seit 1995 die Forschungsgruppe „Bewegte Schule“, ist Projektleiterin „Bewegte Schule“ in Sachsen. Hinter dem in verschiedenen Bundesländern verfolgten Konzept steckt das Verständnis, dass Kinder über Bewegung die Welt erleben, erfahren, formen und gestalten können.

„Das geht weit über die rein körperliche Betätigung hinaus“, erklärt Christina Müller. Sie sieht das Konzept daher auch nicht in Konkurrenz zum klassischen Sportunterricht, sondern als Ergänzung.

Innerhalb des Projektes „Bewegte Schule“ werden Möglichkeiten entwickelt und wissenschaftlich begleitet, Bewegung in alle Bereiche der Schule und sogar darüber hinaus zu verankern.

Es gibt Übungen und Beispielmaterialien für bewegtes Lernen in quasi allen Schulfächern bis hin zu Mathematik und Physik, Schulhofspiele, bewegungsorientierte Projekte und vieles mehr.

Gleichzeitig werden die Lehrer der teilnehmenden Schulen weitergebildet und auch die Eltern mit an Bord geholt. 

Prof. Dr. Christina Müller, Leiterin der Forschungsgruppe "Bewegte Schule" sowie Projektleiterin "Bewegte Schule" in Sachsen. Quelle: privat

Die Ergebnisse der vergangenen Jahrzehnte waren erstaunlich – wenn auch nicht ganz überraschend. „Wir konnten positive Effekte auf die Konzentrationsfähigkeit nachweisen, aber auch die Lern- und Schulfreude der Schüler verbesserte sich“, zählt die emeritierte Professorin auf.

Wie es auf der Website www.bewegte-schule-und-kita.de heißt, geht es darum, dass die Schüler einen weiteren Sinn beim Lernen nutzen. „Über den ‚Bewegungssinn‘ (kinästhetischer Analysator), dessen Rezeptoren über den gesamten Körper verteilt in den Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenken liegen, kann der Schüler zusätzliche Informationen über den Lerngegenstand erhalten.“

Bei vielen Aufgaben steht das Gemeinsame im Mittelpunkt, wenn möglich werden sie paarweise oder in Kleingruppen durchgeführt. Als Folge zeigten sich positive Veränderungen auch im Sozialverhalten.

Positive Effekte auch auf Lehrer und Eltern

Sogar die beteiligten Lehrer und Eltern berichteten Gutes. So zeigten sich die Lehrkräfte nach den Fortbildungen toleranter gegenüber dem generellen Bewegungsbedürfnis ihrer Schüler.

„Die verschiedenen neuen Lernformen erhöhten gleichzeitig ihre Arbeitszufriedenheit“, sagt Christina Müller, „da man nicht ständig darauf drängen muss, dass alle Kinder still sitzen.“ Auch das Lehrer-Schüler-Verhältnis verbesserte sich.

Bewegtes Lernen in Mathematik

Rechnen auf Zahlenstrahl: Klasse 2

Ein Kind steht in Höhe eines beliebigen Punktes neben dem aufgemalten oder aufgeklebten Zahlenstrahl. Der Partner nennt von dieser Zahl ausgehend eine Additions- oder Subtraktionsaufgabe. Das Kind am Zahlenstrahl führt entsprechend viele Schritte aus (zum Beispiel bei 43-4 vier Schritte rückwärts) und löst die Aufgabe. Beim Überschreiten des Zehners wird in die Luft gesprungen.

Variante: Fortbewegungsart variieren (zum Beispiel hüpfen).

Quelle: Müller, Chr. (Hrsg.). (2006). Bewegtes Lernen Klasse 2. Didaktisch-methodische Anregungen für die Fächer Mathematik, Deutsch und Sachunterricht (3. Aufl.). St. Augustin: Academia.

Rhythmische Malfolgen: Klasse 2

Die Kinder gehen durch den Raum und sagen zum Rhythmus ihrer Schritte die Folge der natürlichen Zahlen auf.

Ergebnisse einer vorgegebenen Multiplikationsfolge werden durch Klatschen, Schnipsen, Stampfen oder Ähnliches hervorgehoben.

Variante: Multiplikationsfolge rückwärtsgehen und zählen.

Quelle: Müller, Chr. (Hrsg.). (2006). Bewegtes Lernen Klasse 2. Didaktisch-methodische Anregungen für die Fächer Mathematik, Deutsch und Sachunterricht (3. Aufl.). St. Augustin: Academia.

Lebende Winkel: Klassen 5-6

Dreiergruppen: Ein Schüler nennt eine Gradzahl. Die Partner stellen einzeln mit Ober- und Unterarm beziehungsweise zu zweit mit den gefassten Armen den entsprechenden Winkel ein. Der dritte Schüler kontrolliert mit einem Tafel-Winkelmesser.

Varianten: Winkel mit anderen Körperteilen (Ober- und Unterschenkel, Beine und Rumpf) oder mit geschlossenen Augen „einstellen“.

Quelle: Müller, Chr. & Ziermann, Chr. (2014). Bewegtes Lernen im Fach Mathematik. Klassen 5 bis 10/12 (2. neu bearb. Aufl.). St. Augustin: Academia. Zeichnung Norman Schmidt, Leipzig (Zeichnung kann aber auch weggelassen werden)

Die Eltern wiederum zeigten sich interessiert an den Informationen zum Projekt und zahlreiche Rückmeldungen ergaben, dass sich durch das Projekt auch die Bewegung in der Freizeit erhöhte.

„Für uns war es schön zu erleben, dass in vielen Schulen nun bewegter Unterricht in ‚Fleisch und Blut‘ übergegangen ist“, so Müller. Nach dem anfänglichen Mehraufwand erachteten zahlreiche Schulen die Herangehensweise heute als „ganz normal“. Übrigens sei man weiterhin auf der Suche nach teilnehmenden Schulen.

Zurück zum Anfang: Sehr bedenklich findet Steffen Lederer, wie Schulstunden in Kunst, Musik und eben auch Sport den heutigen Kürzungsmaßnahmen zum Opfer fallen.

„Es muss nicht jeder Schüler ein tolles Bild malen oder ein guter Sportler sein“, sagt er. „Aber diese Fächer bilden viele Fähigkeiten quasi nebenbei aus.“

Eltern sollten einfach mal im Sportunterricht ihrer Kinder zuschauen, beobachten, wie ihr Zögling sich dort verhalte. „Wer stellt sein Bein raus? Wer hilft seinem Klassenkameraden? Nicht nur die Kinder lernen dort viel über sich selbst.“

Von Thomas Bothe