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Reha in Sachsen Reha bei Herz-Kreislauf-Störungen: Zwei Bypässe mit 49
Mehr Gesundheit Reha in Sachsen Reha bei Herz-Kreislauf-Störungen: Zwei Bypässe mit 49
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08:00 29.11.2018
Beim Gemüse darf Kardiologiepatient Jens Herforth aus Nünchritz gerne ungehemmt zugreifen. Bei anderen Sachen ist Mäßigung angesagt, denn ein paar Kilo müssen noch runter, um Herz und Kreislauf zu entlasten. Das hat er in der Reha gelernt. Quelle: Ronald Bonss
Schmannewitz

Jens Herforth aus Nünchritz weiß, dass er künftig gesünder, langsamer und vor allem weniger essen muss, um seine Gefäße zu entlasten. Der 49-Jährige bekam Anfang August zwei Bypässe, weil seine Herzkranzgefäße hochgradig verengt waren. Bis er wegen Schmerzen in der Brust und starker Atemnot den Notarzt rief, war er nie zuvor in kardiologischer Behandlung.

„Ich hatte keine Herzbeschwerden, aber mein Blutdruck war zu hoch“, sagt er. Im Vergleich zu den anderen Rehapatienten ist er recht jung. Das hat auch berufliche Gründe: „Als Reisebusfahrer war ich jedes Wochenende auf Achse, kam oft spät in der Nacht erst nach Hause, um am nächsten Tag wieder zu starten.“

An den leckeren Buffets auf den Fahrten hat er sich auch gern „getröstet“ oder abends schnell noch Reste der Bordverpflegung vertilgt. Dazu die wenige Bewegung – „das musste ja irgendwie schiefgehen. Die Reha ist ein erster Schritt in ein gesünderes Leben.“

Der Experte: Chefarzt Dr. Michael Kirchhof, Median Klinik Dahlen-Schmannewitz: Die Kardiologie hat Michael Kirchhof (46) schon immer fasziniert. Jedoch weniger die invasiven Verfahren wie der Herzkatheter, sondern das Potenzial, das eine gesunde Lebensführung bietet. Deshalb ist er auch Diabetologe. Nach jahrelangem Schichtdienst auf der Intensivstation und der Arbeit in Akutkliniken hat er sich für die Chefarztstelle in der Reha Klinik beworben. Einerseits, um mehr Zeit für seine drei Kinder zu haben. Andererseits, weil die lange Zeit der Reha-Behandlung mehr Chancen bietet, den Heilungsverlauf zu steuern. Kirchhof lebt gesund: Er raucht nicht, joggt und nutzt die Fitnessgeräte in der Klinik. Quelle: Ronald Bonss

Die Klinik

Die Umgebung dafür ist ansprechend. Marmorsäulen, italienische Fliesen und gemütliche Sitzecken – die Median Reha-Klinik Dahlen-Schmannewitz im Nordwesten Sachsens wirkt eher wie ein Vier-Sterne-Hotel.

„Die Patienten sollen sich erholen und sich nicht wie im Krankenhaus fühlen“, sagt Dr. Michael Kirchhof, Chefarzt der Kardiologie in der Rehaklinik. Doch die Therapien, die die Klinik bietet, haben dann nichts mehr mit Urlaub zu tun.

Die Diagnosen

Die Hälfte der Patienten in Schmannewitz leidet an der koronaren Herzkrankheit (KHK). „Diese Verengung und Verkalkung der Herzkranzgefäße ist häufig die Ursache für einen Herzinfarkt. Zehn Prozent unserer KHK-Patienten hatten bereits einen Infarkt“, sagt Dr. Kirchhof.

Diese Zahlen decken sich auch mit Untersuchungen der Deutschen Herzstiftung. Danach sind bei 60 Prozent der Patienten KHK und Herzinfarkt Anlässe für die stationäre Reha.

Verengte Herzkranzgefäße werden mit dem Ballon-Katheter aufgedehnt oder, wenn das wie bei Jens Herforth nicht reicht, durch Bypässe überbrückt.

Nach der Bypassoperation oder einem überstandenen Herzinfarkt hat der Patient Anspruch auf eine Anschlussheilbehandlung – also eine Reha, die möglichst innerhalb von 14 Tagen auf die Krankenhausbehandlung folgt.

Auch ohne vorausgegangene OP kann eine stationäre Reha angezeigt sein, wenn der Patient trotz Behandlung nicht beschwerdefrei wird, weil vielleicht die Medikamenteneinstellung nicht gelingt. „In den drei Wochen, in denen wir den Patienten jeden Tag überwachen, können wir die Medikation optimieren“, so der Chefarzt.

Doch viele Krankenkassen seien noch sehr zurückhaltend mit der Genehmigung einer Reha, wenn bei einem Herzinfarkt nicht die gesamte Herzwand, sondern nur eine Schicht betroffen war. „So ein kleinerer Infarkt gehört genauso behandelt wie ein großer. Die Mehrzahl der großen Infarkte wird durch kleinere ausgelöst. Die Reha kann das Risiko senken.“

Mit schwer therapierbarer Herzschwäche oder Herzklappenerkrankungen hat die andere Hälfte der Rehapatienten in Schmannewitz zu kämpfen.

Die Klinik ist zudem zertifiziert für Patienten mit einem Kunstherzen. Sie erhalten spezielle Sporttherapie und eine Blutgerinnungsbehandlung. Neben Schmannewitz gibt es zehn weitere Rehakliniken in Sachsen mit kardiologischem Schwerpunkt.

Die Patienten

Die Rentenversicherung verzeichnet eine leichte, allerdings stetige Zunahme der kardiologischen Rehabilitationen. Parallel dazu sind aber Berentung oder Erwerbsunfähigkeit zurückgegangen.

2016 nutzten deutschlandweit 75.000 Menschen eine kardiologische Reha, etwa ein Fünftel davon sind Sachsen.

Auch in Schmannewitz ist die Zahl der Rehapatienten seit Jahren stabil. Die 110 Kardiologieplätze seien gut belegt, Wartezeiten gibt es aber nicht.

Der Altersdurchschnitt liegt hier bei 60 plus, deutschlandweit bei 54 Jahren.

Männer sind gegenüber Frauen in der Mehrzahl – laut Herzstiftung ist das Verhältnis 3:1. Grund dafür sind die männlichen Sexualhormone. Sie fördern die Gefäßverkalkung. Zudem zeigen Männer meist einen riskanteren Lebensstil und haben häufiger hohen Blutdruck. Bei vielen kommt noch die genetische Komponente dazu. „Doch die Hauptursachen sind Stress und ungesunder Lebensstil“, so der Arzt.

Die Therapien

Eine kardiologische Reha soll eine Brücke von der Akutbehandlung im Krankenhaus zum Leben danach sein. „Im Vordergrund stehen Bewegung, gesunde Ernährung, Gewichtsabnahme und Stressmanagement“, sagt Kirchhof.

So empfiehlt es auch die Nationale Versorgungsleitlinie für die koronare Herzkrankheit. Sie legt den Schwerpunkt auf Bewegungstherapie, Patientenschulung, Ernährungstherapie, psychologische Begleitung und Entspannung.

„In meinen Vorträgen werde ich sehr deutlich: Jeder Dritte überlebt seinen Herzinfarkt nicht. Wer hier zur Reha ist, gehört zu den glücklichen 70 Prozent, die noch mal davongekommen sind. Wenn sie nichts an ihrem bisherigen Leben ändern, sieht die Prognose nicht gut aus.“ Etwas Respekt vor der Krankheit könne laut Kirchhof die Motivation nur steigern.

Die Kostenträger geben klare Richtwerte vor, wie eine kardiologische Reha auszusehen hat. Danach müssen mindestens 90 Prozent der Patienten dreimal wöchentlich ein Ausdauertraining absolvieren, zweimal wöchentlich Muskelaufbau und dreimal wöchentlich Bewegungstherapie, zum Beispiel Atemgymnastik, Wandern oder Wirbelsäulengymnastik.

Mindestens 80 Prozent müssen an der Patientenschulung und Gesundheitsbildung teilnehmen. Ähnliche Vorgaben gibt es für die Ernährungsberatung und das Entspannungstraining.

Mitentscheiden über die Therapien dürften die Patienten nur zum Teil. „Im Aufnahmegespräch werden gemeinsam individuelle Ziele festgelegt“, sagt der Chefarzt. „Bei alten Menschen ist das vielleicht der Erhalt ihrer Selbstständigkeit. Bei Jüngeren geht es um die Arbeitsfähigkeit. Danach richtet sich das Therapiespektrum.“

Beim Ausdauertraining hätten Patienten aber durchaus die Möglichkeit, statt draußen in der Halle zu trainieren, wo es mehr Möglichkeiten zum zwischenzeitlichen Ausruhen gibt. Der Patient soll gefordert, aber nicht überfordert werden. „Auch in der Ergotherapie gibt es Alternativen, denn Körbeflechten und Seidenmalerei ist nicht jedermanns Sache. Aber Malen statt Ausdauertraining, das geht nicht!“

Diese Therapiedichte sowie die ärztliche und pflegerische Begleitung rund um die Uhr sind nur in der stationären Reha gewährleistet. Ambulante Sport- und Schulungsmöglichkeiten haben sich aber für die Zeit danach bewährt. Für die intensivierte Reha-Nachsorge, kurz Irena, ist auch Schmannewitz zugelassen. „Patienten, die in der Nähe wohnen, sehe ich dadurch öfter“, sagt Michael Kirchhof. Irena empfiehlt er allen Patienten, die in den Arbeitsprozess zurückwollen.

Die Therapiedauer

Die Anschlussheilbehandlung oder die stationäre Reha sind in der Regel auf drei Wochen begrenzt. Etwa 80 Prozent kommen dem Chefarzt zufolge damit aus. „Das ist meist dann der Fall, wenn nach der Katheterbehandlung oder nach einem Herzinfarkt keine Dauerschäden zurückgeblieben sind.“

Der Heilerfolg bemisst sich nach Leistungsdaten und Herz-Kreislauf-Parametern, etwa dem Blutdruck oder der Herzfrequenz.

„Ist die Leistungsfähigkeit für den Beruf oder zur Abwendung von Pflegebedürftigkeit noch nicht erreicht, aber Verbesserungspotenzial vorhanden, beantragen wir beim Rentenversicherer oder der Krankenkasse eine Verlängerung. Bei entsprechender Begründung genehmigen die Kostenträger das auch immer.“

Der Heilerfolg

„Die Chancen, sich nach einem Herzinfarkt wieder vollständig zu erholen, sind bei schneller Akutbehandlung, stationärer Reha und der intensiven Nachsorge sehr gut“, sagt der Chefarzt.

Das bestätigt auch der aktuelle Herzbericht. Demnach waren 83 Prozent nach einer kardiologischen Reha wieder sechs Stunden und länger in ihrem zuletzt ausgeübten Beruf tätig. Die Rate liegt damit sechs Prozent höher als bei anderen Rehamaßnahmen.

Die Qualität

Monatlich – etwa zehn Wochen nach der Reha – befragt die Rentenversicherung stichprobenartig Patienten nach ihrem subjektiven Behandlungserfolg und ihren Eindrücken von der Reha. Die Ergebnisse werden an die Rehakliniken weitergeleitet.

„Doch leider erst zwei Jahre nach der Erhebung der Daten. Wir erhalten jetzt Qualitätsbewertungen von 2016“, sagt Pierre Reiter, kaufmännischer Direktor der Rehaklinik Schmannewitz. „Bestimmte Dinge, die dort kritisch angemerkt werden, gibt es bereits nicht mehr.“

Im Gegensatz zu Krankenhäusern sind Rehakliniken nicht verpflichtet, ihre Qualitätsdaten zu veröffentlichen. Davon macht auch Schmannewitz Gebrauch. „In unserer Klinik gibt es zweimal pro Woche Patientenforen zur Qualität, in denen Mängel angezeigt und Vorschläge unterbreitet werden können.“ Monatlich tagt der Qualitätszirkel aus Ärzten und Angestellten. Auch die Klinik befragt ihre Patienten nach der Reha.

Bundesweit zeigt sich laut Rentenversicherung eine große Zufriedenheit mit der kardiologischen Reha. Fachtherapeutische Betreuung und Behandlung be­kamen im Schnitt die Schulnote 1,8, Vorträge, Beratung und die Vorbereitung auf die Zeit danach 2,2.

Bei mehr als 70 Prozent der 2016 befragten Patienten besserten sich Gesundheitszustand, Leistungs­fähigkeit und gesundheitsförderndes Verhalten. „Die kardiologische Reha schenkt wertvolle Lebensjahre“, sagt die Herz­stiftung.

Das möchte auch Jens Herforth. „Ich muss auf jeden Fall einiges ändern, um gesund zu bleiben“, sagt er.

Den ersten Schritt hat er schon getan. Als Busfahrer wechselte er vom Reisebetrieb in den öffentlichen Personennahverkehr. Damit hat er geregeltere Arbeitszeiten.

In der Reha habe er die Ernährungsvorträge intensiv verfolgt und Freude an der Bewegung gefunden. „Wir haben uns zwei neue Fahrräder gekauft. Darauf freue ich mich.“

Von Stephanie Wesely

Übersicht

Diese Kliniken in Sachsen bieten eine kardiologische Reha an.

Hier können Sie ein PDF der Übersichtstabelle herunterladen.

So lesen Sie die Tabellen der Reha-Serie

Die LVZ hat in den vergangenen Wochen umfangreiche Recherchen unternommen. Wir haben alle Kliniken angeschrieben und gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Bis auf eine Ausnahme sind alle der Bitte gefolgt – dafür an dieser Stelle ein Dankeschön.

Die Antworten der Kliniken finden Sie übersichtlich in Tabellenform. Die Tabellen sind mal kürzer, mal länger – je nachdem, wie viele Kliniken für die entsprechende Erkrankung eine stationäre Rehabilitation anbieten. Diese Angaben finden Sie in den Tabellen:

Kostenträger: Hier sind alle Reha-Träger aufgeführt, die die Leistung für die entsprechende Erkrankung anbieten. Am häufigsten sind das die Deutsche Rentenversicherung (DRV) und die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Die Erklärung zu den Abkürzungen finden Sie in der Legende unterhalb der Tabelle.

Patienten: Die Zahl gibt an, wie viele Patienten im vergangenen Jahr die Klinik besucht haben. Ob diese Patienten alle mit dem gleichen Krankheitsbild – also zum Beispiel nach einer Krebserkrankung – zur Behandlung in dieser Klinik waren, geht daraus allerdings nicht hervor. Die Mehrheit der sächsischen Reha-Einrichtungen hat sich auf mehrere Indikationen spezialisiert, sodass auch diese Patienten in die Zahl einfließen können.

Besondere Leistungen: Hier konnten die Kliniken angeben, welche Therapien sie über das Standardprogramm hinaus anbieten, ob sich die Ausstattung von der in anderen Einrichtungen abhebt oder besondere Patientengruppen aufgenommen werden.

Begleitperson/Kosten: Für manche Patienten ist es wichtig, dass sie während der Rehabilitation ein Familienmitglied in der Nähe haben. Das ist so gut wie überall möglich. Die Preise bewegen sich in der Regel zwischen 40 und 60 Euro pro Tag inklusive Verpflegung.

Weitere medizinische Schwerpunkte: Hier erfahren Sie, welche Erkrankungen in der Einrichtung noch behandelt werden. Aus diesem Grund werden einige Kliniken im Verlaufe der Serie mehrmals in der Tabelle erscheinen.

Qualitätsprüfung: Reha-Einrichtungen sind zu einem Qualitätsmanagement verpflichtet. Dazu gehören sowohl interne als auch externe Kontrollen und Befragungen. Für die Kostenträger übernehmen die Deutsche Rentenversicherung und der Medizinische Dienst der Krankenkassen die Überprüfung. Im Wesentlichen geht es dabei um die gleichen Qualitätsmerkmale, allerdings unterscheiden sich die Methoden und die Darstellung der Ergebnisse.

Damit die Ergebnisse der Kliniken vergleichbar werden, finden Sie bei mehreren medizinischen Fachrichtungen (zum Beispiel Orthopädie) zwei Tabellen – eine mit den Kliniken, die von der Rentenversicherung geprüft wurden, und eine mit Kliniken, die die Krankenversicherung bewertet hat. Geprüft werden Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität.

Aus der Vielzahl der Parameter haben wir drei ausgewählt, die für Patienten besonders wichtig sind: die Qualität der Therapien und die Zufriedenheit der Patienten mit der Reha insgesamt sowie mit dem Behandlungserfolg. Eigene interne Befragungen haben wir dabei nicht berücksichtigt.

Bei den Kliniken, die von der Rentenversicherung geprüft wurden, erfolgt die Bewertung in Punkten (maximal 100) beziehungsweise Noten (1–6). Die Krankenversicherung errechnet aus den Ergebnissen Mittelwerte. Maximal möglich ist hier eine 10.

Die Kliniken sind aus Datenschutzgründen nicht verpflichtet, diese Ergebnisse zu veröffentlichen. Mit Ausnahme von elf Einrichtungen haben uns alle diese Angaben zur Verfügung gestellt. Wir haben mit k.A. kenntlich gemacht, welche Kliniken die Veröffentlichung abgelehnt haben. Eine Begründung erfolgte in der Regel nicht.

Bei einigen Kliniken lagen bei Redaktionsschluss noch keine beziehungsweise keine aktuellen Ergebnisse vor.

Nach drei oder vier Wochen intensiver Rehabilitation sind viele Patienten wieder leistungsfähiger. Wir erklären, wie es danach für sie weitergehen kann.

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