Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Reha in Sachsen Reha bei Suchtproblemen: Der mühsame Weg in die Abstinenz
Mehr Gesundheit Reha in Sachsen Reha bei Suchtproblemen: Der mühsame Weg in die Abstinenz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:11 05.12.2018
Maik Stegemann (l.) und Nicklas Müller lernen in der Fachklinik für Suchterkrankungen Leipzig, durch den Umgang mit Nahrungsmitteln ihren Alltag wieder zu strukturieren.. Quelle: Ronald Bonss
Leipzig/Dresden

Auch wenn sie wie Hobbyköche aussehen, für Maik Stegemann und Nicklas Müller ist die Arbeit in der Küche Therapie. Alkohol und Drogen hatten die 38 und 29 Jahre alten Männer aus der Bahn geworfen.

Jetzt wollen sie während ihrer Reha in der Fachklinik für Suchterkrankungen des Helios-Park-Klinikums Leipzig lernen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Dazu gehören gemeinsames Einkaufen und Kochen unter Anleitung von Diätassistentin Claudia Nottrodt. „Wichtig ist es, alle Lebensmittel zu ignorieren, die Alkohol auch nur in Spuren enthalten“, sagt sie.

Auch in den Heidehof in Weinböhla bei Dresden kommen Menschen, die Probleme mit Süchten haben – Alkohol, Drogen, Medikamente, oft in Verbindung mit Spiel- und Mediensucht. Weiße Kittel sind im weitläufigen Gelände tabu. „Das gehört zur Behandlungsphilosophie“, sagt Chefarzt Sven Kaanen. „Wir wollen den Patienten auf Augenhöhe begegnen.“

Insgesamt gibt es sieben Suchtkliniken in Sachsen.

Der Experte: Dr. Sven Kaanen, Fachklinik Heidehof Weinböhla: Der 52-Jährige ist seit Januar 2016 Chefarzt der Fachklinik Heidehof Weinböhla und der Adaptionsklinik in Pirna. Als Kind selbst mit Alkohol konfrontiert, setzt sich der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin in verschiedenen Gremien für die Behandlung der Suchtkrankheiten ein. hklinik Heidehof in Weinböhla. Quelle: Ronald Bonss

Die Diagnosen

Wer in den Heidehof kommt, muss die Reha selbst wollen. „Wer nur anderen zuliebe die Reise antritt, hat kaum Erfolg“, sagt Kaanen. „Viele Patienten haben durch ihre Sucht noch andere Krankheiten – zum Beispiel Schäden an inneren Organen bis hin zu Depressionen, Psychosen, Persönlichkeits- und Essstörungen.“

Manche haben sich durch das Spritzen illegaler Drogen mit Hepatitis C oder HIV infiziert. „Zur Reha dürfen sie aber nur dann, wenn sie nicht akut erkrankt sind“, so Kannen.

Die Behandlung

Um Suchterkrankungen wirkungsvoll behandeln zu können, braucht es mehrere Schritte und viel Geduld.

Vorphase: Nach oft jahrelanger Alkohol- und Drogenabhängigkeit werden die Patienten in Beratungsstellen, bei Selbsthilfegruppen oder durch Ärzte beraten und motiviert. Am Ende steht die Entgiftung, meist in psychiatrischen Kliniken.

Rehabilitationsphase: Sie schließt sich im Idealfall an eine mehrwöchige Entgiftung an. „Patienten, die von dort direkt verlegt werden, warten maximal drei bis vier Wochen auf eine Klinikaufnahme“, sagt Kaanen. „Je eher die Behandlung beginnt, umso besser.“

Ziel ist es, die Patienten in die Abstinenz zu begleiten – ambulant, teilstationär oder stationär. „Ist der Patient nach der Reha noch instabil, fehlen ihm berufliche und soziale Perspektiven, dann bieten wir ihm eine Adaption in Pirna an – eine Brücke zwischen Klinik und selbstständigem Leben“, so der Chefarzt.

Nachsorgephase: In der für die Patienten schwierigste Phase müssen sie sich Kontakte in Selbsthilfegruppen und bei Ärzten suchen, um die Abstinenz zu stabilisieren, den Umgang mit Rückfällen zu trainieren und sich im Alltag wieder zu integrieren.

Die Patienten Die Mehrzahl der 160 Betten in der Weinböhlaer Klinik wird von Alkoholkranken belegt – meist Männer. „Zudem therapieren wir 48 Drogenabhängige, vor allem von Crystal, oft in Kombination mit Glücksspiel oder Mediensucht“, sagt Kaanen. „Medikamentenabhängige sind bei uns selten.“

Das Durchschnittsalter liegt bei 42 Jahren. Die Jüngsten sind 18, die Ältesten über 70. Sachsenweit einmalig ist die Eltern-Kinder-Gruppe. Dank Initiative des Chefarztes wurde dafür ein geschützter Wohnbereich geschaffen.

„Während die Eltern tagsüber ihr Therapieprogramm absolvieren, kümmern sich Betreuer um die Kinder. Diese sind durch die Suchtkrankheiten der Eltern oft traumatisiert und benötigen spezielle Begleitung“, sagt Christian Pudack, Sprecher der Diakoniestiftung Sachsen. Das werde so gut angenommen, dass die acht Plätze ständig ausgebucht sind.

Drogenabhängige zwischen 16 und 40 kommen in die zweite Klinik der Diakonie Sachsen, in die Evangelische Haidehof Gohrisch gGmbH, Haus Gohrisch.

Derzeit auf dem Gelände der Evangelischen Fachklinik in Weinböhla untergebracht, soll diese Klinik perspektivisch wieder an einen anderen Standort umziehen. Laut Chefarzt Kaanen sind dort derzeit von 22 verfügbaren Betten 19 belegt.

In kleinen Gruppen von sechs bis acht Rehabilitanden und damit weniger als im Heidehof Weinböhla sollen sie gemeinsam den Ausstieg schaffen. Und das bei intensiver sozialtherapeutischer Betreuung.

„Anders als im Heidehof setzen wir hier vor allem auf tiefenpsychologische Ansätze in der Therapie, einzeln und in der Gruppe. Das heißt auch, wir beginnen die Ursachenforschung bereits in der Kindheit“, sagt Kaanen.

Die Therapien

In der Suchtklinik arbeiten Ärzte mehrerer Fachrichtungen – für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie und Allgemeinmedizin zum Beispiel. Abhängig davon, mit welchen Vorerkrankungen und Suchtproblemen die Patienten kommen, werden mit ihnen Therapiepläne zusammengestellt.

Nach einer Eingewöhnungszeit von einer Woche, für die gesonderte Zimmer bereitstehen, gehen die Rehabilitanden in ihre Therapiegruppe. Zu der gehören entweder Frauen und Männer oder nur Männer.

„Die Gruppen sind für die Patienten Bezugspunkt und meist ein Halt bis zum Ende ihres Aufenthaltes“, sagt Kaanen. Oft seien sie so verbunden, dass sie sich auch außerhalb der Therapien treffen.

Nummer eins im Therapieplan ist die Psychotherapie – allein und in der Gruppe mit maximal zwölf Patienten. Das ist in jeder Reha-Einrichtung für Suchtkranke gleich. „Denn wer alkohol- oder drogenabhängig oder auch beides ist, der hat ein psychisches Problem“, sagt Göran Michaelsen, Chefarzt der Sucht-Soteria-Klinik in Leipzig.

50 bis 70 Prozent der Patienten dort sind von Methamphetamin abhängig. Drei- bis fünfmal pro Woche finden je nach Klinik Gruppengespräche statt, einmal ein Einzelgespräch.

„Nicht jeder öffnet sich gleich anderen. Dann können Gespräche unter vier Augen wichtig sein“, sagt Kaanen. Die Patienten lernen dabei zu ergründen, was zur Sucht geführt hat und was sie künftig besser machen können. Sie beschäftigen sich mit Warnzeichen und Rückfallgefahren.

Und es gibt Übungen für den abstinenten Alltag – auch in ein Rollenspiel verpackt. In der Leipziger Klinik gibt es zudem Patienten, die während der gesamten Behandlungszeit Tagebuch führen, weil sie entweder nicht gern kommunizieren oder Gespräche ablehnen. „Auch das kann zum Behandlungserfolg führen“, sagt Chefarzt Michaelsen.

Um sich auf das Berufsleben vorbereiten zu können, stehen Beschäftigungs- und Arbeitstherapie auf dem Plan. In Weinböhla zum Beispiel kann man zwischen Tischlerei, Gärtnerei, Fahrradwerkstatt und -ausleihe, Bücherei und Cafeteria wählen. Selbst den Verkauf im kleinen Kiosk gleich hinter dem Klinikeingang managen Patienten.

Zudem, so Kaanen, gebe es Praktika in umliegenden Unternehmen, wie in Autohäusern, Pflegeheimen und Baubetrieben.

Zu den Therapien gehören zudem Ernährungsberatungen, weil viele Suchtkranke Stoffwechselstörungen haben. In Lehrküchen kochen sie unter Anleitung.

Aber auch Stressbewältigung und Bewerbungstraining sind Tagesaufgaben – und viel Bewegung. Sven Kaanen zeigt eine Sporthalle, Fitnessraum, Schwimmbad und Kegelbahn, die den Patienten offen stehen. Regelmäßig treffen sich Gruppen zum Volleyballspiel und zum Laufen.

Wichtiger Teil der Therapie sind die Angehörigenseminare, die die Klinik einmal im Vierteljahr anbietet. Was ist Sucht? Wie entsteht sie? Was ist Co-Abhängigkeit? Solche Fragen werden dabei beantwortet. Und es ist Gelegenheit, sich auszutauschen, wie die Familien ihren suchtgefährdeten Männern, Frauen und Kindern helfen können.

Die Dauer

Alkoholpatienten bleiben zwischen 12 und 16 Wochen in der Klinik, Drogenpatienten 24 bis 26 Wochen. Ist es medizinisch begründet, kann die Reha um zwei bis vier Wochen verlängert werden.

Der Erfolg

Die Rückfallquote ist bei Suchterkrankungen hoch. Nach Befragungen der Soteria-Klinik Leipzig sind nur etwa 50 Prozent nach vier Jahren noch abstinent.

„Bei denen gehen wir davon aus, dass sie es geschafft haben“, so Michaelsen. Im Heidehof hätten Nachfragen ergeben, dass fast 60 Prozent der Rehabilitanden innerhalb von zwei Jahren rückfällig werden, sagt Diakonie-Sprecher Pudack.

Während Chefarzt Kaanen davon überzeugt ist, dass Patienten selbst bei wiederholter Behandlung noch dauerhaft abstinent werden können, ist sein Leipziger Kollege weniger optimistisch: „Natürlich geben wir jedem eine Chance, aber je öfter er kommt, um so weniger hoffnungsvoll sind seine Aussichten.“

Von Gabriele Fleischer

Übersicht

Diese Kliniken in Sachsen bieten eine Suchttherapie an.

Hier können Sie ein PDF der Übersichtstabelle herunterladen.

So lesen Sie die Tabellen der Reha-Serie

Die LVZ hat in den vergangenen Wochen umfangreiche Recherchen unternommen. Wir haben alle Kliniken angeschrieben und gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Bis auf eine Ausnahme sind alle der Bitte gefolgt – dafür an dieser Stelle ein Dankeschön.

Die Antworten der Kliniken finden Sie übersichtlich in Tabellenform. Die Tabellen sind mal kürzer, mal länger – je nachdem, wie viele Kliniken für die entsprechende Erkrankung eine stationäre Rehabilitation anbieten. Diese Angaben finden Sie in den Tabellen:

Kostenträger: Hier sind alle Reha-Träger aufgeführt, die die Leistung für die entsprechende Erkrankung anbieten. Am häufigsten sind das die Deutsche Rentenversicherung (DRV) und die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Die Erklärung zu den Abkürzungen finden Sie in der Legende unterhalb der Tabelle.

Patienten: Die Zahl gibt an, wie viele Patienten im vergangenen Jahr die Klinik besucht haben. Ob diese Patienten alle mit dem gleichen Krankheitsbild – also zum Beispiel nach einer Krebserkrankung – zur Behandlung in dieser Klinik waren, geht daraus allerdings nicht hervor. Die Mehrheit der sächsischen Reha-Einrichtungen hat sich auf mehrere Indikationen spezialisiert, sodass auch diese Patienten in die Zahl einfließen können.

Besondere Leistungen: Hier konnten die Kliniken angeben, welche Therapien sie über das Standardprogramm hinaus anbieten, ob sich die Ausstattung von der in anderen Einrichtungen abhebt oder besondere Patientengruppen aufgenommen werden.

Begleitperson/Kosten: Für manche Patienten ist es wichtig, dass sie während der Rehabilitation ein Familienmitglied in der Nähe haben. Das ist so gut wie überall möglich. Die Preise bewegen sich in der Regel zwischen 40 und 60 Euro pro Tag inklusive Verpflegung.

Weitere medizinische Schwerpunkte: Hier erfahren Sie, welche Erkrankungen in der Einrichtung noch behandelt werden. Aus diesem Grund werden einige Kliniken im Verlaufe der Serie mehrmals in der Tabelle erscheinen.

Qualitätsprüfung: Reha-Einrichtungen sind zu einem Qualitätsmanagement verpflichtet. Dazu gehören sowohl interne als auch externe Kontrollen und Befragungen. Für die Kostenträger übernehmen die Deutsche Rentenversicherung und der Medizinische Dienst der Krankenkassen die Überprüfung. Im Wesentlichen geht es dabei um die gleichen Qualitätsmerkmale, allerdings unterscheiden sich die Methoden und die Darstellung der Ergebnisse.

Damit die Ergebnisse der Kliniken vergleichbar werden, finden Sie bei mehreren medizinischen Fachrichtungen (zum Beispiel Orthopädie) zwei Tabellen – eine mit den Kliniken, die von der Rentenversicherung geprüft wurden, und eine mit Kliniken, die die Krankenversicherung bewertet hat. Geprüft werden Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität.

Aus der Vielzahl der Parameter haben wir drei ausgewählt, die für Patienten besonders wichtig sind: die Qualität der Therapien und die Zufriedenheit der Patienten mit der Reha insgesamt sowie mit dem Behandlungserfolg. Eigene interne Befragungen haben wir dabei nicht berücksichtigt.

Bei den Kliniken, die von der Rentenversicherung geprüft wurden, erfolgt die Bewertung in Punkten (maximal 100) beziehungsweise Noten (1–6). Die Krankenversicherung errechnet aus den Ergebnissen Mittelwerte. Maximal möglich ist hier eine 10.

Die Kliniken sind aus Datenschutzgründen nicht verpflichtet, diese Ergebnisse zu veröffentlichen. Mit Ausnahme von elf Einrichtungen haben uns alle diese Angaben zur Verfügung gestellt. Wir haben mit k.A. kenntlich gemacht, welche Kliniken die Veröffentlichung abgelehnt haben. Eine Begründung erfolgte in der Regel nicht.

Bei einigen Kliniken lagen bei Redaktionsschluss noch keine beziehungsweise keine aktuellen Ergebnisse vor.

In der Reha-Serie der Leipziger Volkszeitung erläutern Chefärzte am Beispiel der häufigsten Einweisungsgründe, wie die Reha abläuft und wie groß die Chancen auf eine Heilung sind – dieser Teil behandelt Reha-Maßnahmen bei einer Herz-Kreislauf-Störung.

29.11.2018

Nach drei oder vier Wochen intensiver Rehabilitation sind viele Patienten wieder leistungsfähiger. Wir erklären, wie es danach für sie weitergehen kann.

14.12.2018

In der Reha-Serie der Leipziger Volkszeitung erläutern Chefärzte am Beispiel der häufigsten Einweisungsgründe, wie die Reha abläuft und wie groß die Chancen auf eine Heilung sind – dieser Teil behandelt Reha-Maßnahmen bei einem orthopädischen Leiden.

27.11.2018