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Reha in Sachsen Reha bei orthopädische Leiden: Leben mit einem Kunstgelenk
Mehr Gesundheit Reha in Sachsen Reha bei orthopädische Leiden: Leben mit einem Kunstgelenk
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11:00 27.11.2018
Schritt für Schritt zurück in die Selbstständigkeit: Als Gabriele Völkner zur Reha in die Sachsenklinik Bad Lausick kam, saß sie im Rollstuhl. Nach vier Wochen konnte sie wieder gehen – weil sie die Therapien mit eisernem Willen absolvierte: „Ich bin jeden Morgen in die Muckibude gegangen und habe eine Stunde lang Krafttraining gemacht.“ Quelle: Ronald Bonss
Bad Lausick

Es gab Zeiten, da hat sich Gabriele Völkner mit Herzblut um geistig behinderte Kinder gekümmert. Doch irgendwann konnte sie die Tätigkeit an einer Sonderschule in Halle nicht mehr ausüben.

­Diabetes, Bluthochdruck, Parkinson, Rückenschmerzen – zu einem Leiden gesellte sich das nächste. Seit einigen Jahren ist sie selbst schwerbehindert. Wegen starker Schmerzen im Knie bekam sie 2016 ein künstliches Gelenk. „Die Schmerzen wurden aber eher noch schlimmer“, erzählt die 64-Jährige, „das Knie war kochend heiß, und ich konnte nicht mehr auftreten.“

Eine MRT-Untersuchung offenbarte schließlich die Ursache: ein Bruch im Oberschenkel­knochen. Nach der OP erholte sich Frau Völkner fünf Wochen in einer Kurzzeitpflege, dann trat sie die Reha in der Sachsenklinik in Bad Lausick an – im Rollstuhl, denn an Laufen war da gar nicht zu denken.

Die Expertin: Dr. Kitty Baumann, Sachsenklinik Bad Lausick: Die Chefärztin der Orthopädie wurde in Karl-Marx-Stadt geboren und hat zunächst Choreografie und Tanzpädagogik studiert. Ihr Medizinstudium finanzierte sie mit Tanz- und Ballettunterricht. Die 52-Jährige ist Fachärztin für Orthopädie sowie für Orthopädie und Unfallchirurgie und im Besitz einer Reihe von Zusatzbezeichnungen. In ihrer Freizeit ist sie als Kampfrichterin bei der Sächsischen Tanzmeisterschaft aktiv. Quelle: Ronald Bonss

Die Klinik

Das Schild über dem Eingang weckt bei den meisten Besuchern sofort eine ganz bestimmte Assoziation: Sachsen­klinik – die kennt man doch aus dem Fernsehen!

„Tatsächlich wurden die ersten Folgen von ,In aller Freundschaft‘ hier gedreht“, bestätigt Dr. Kitty Baumann. Außer dem Namen hat die echte Sachsenklinik mit der Fernsehwelt allerdings wenig gemeinsam. Denn die Einrichtung in Bad Lausick ist kein Krankenhaus, sondern eine Rehaklinik und gehört zur Gruppe der Michels-Kliniken.

Medizinische Schwerpunkte sind die Neurologie mit 120 Betten sowie die Psychosomatik und Orthopädie mit je 100 Betten.

Dr. Baumann ist Chefärztin der Orthopädie und damit für alle Patienten zuständig, die wegen Erkrankungen am Stütz- und Bewegungsapparat eingewiesen werden.

Neben den stationären Patienten gehören dazu auch bis zu 30 Patienten in der ganztägigen ambulanten Betreuung.

Außerdem bietet die Klinik im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung Nachsorgeprogramme nach Rehaaufenthalten an.

Die Patienten

Menschliche Gelenke sind nicht für die Ewigkeit gemacht. Wie stark der Verschleiß voranschreitet, ist sehr individuell und hängt von vielen Faktoren ab – vom Alter, von der Belastung, von Fehlstellungen.

Die Arthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung, rund fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden darunter.

„Man kann mit einer Arthrose 100 Jahre alt werden“, betont Kitty Baumann. Doch wenn der Leidensdruck zu stark wird, entscheiden sich viele für einen künstlichen Gelenkersatz – eine Endoprothese.

Die Zahl solcher Operationen ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Krankenkassen kritisieren diese Entwicklung. Viele dieser Eingriffe seien nicht nötig, heißt es etwa bei der Barmer. Sie rät ihren Versicherten, zuvor unbedingt eine Zweitmeinung einzuholen.

In Deutschland wurden vergangenes Jahr rund 240. 000 künstliche Hüft- und über 190 000 Kniegelenke eingesetzt – das ist Spitze im internationalen Vergleich. Dazu kommen jährlich rund 25. 000 Schulterprothesen.

Kitty Baumann sagt, dass die Patienten einerseits immer jünger, andererseits aber auch immer älter werden und dass ihre Ansprüche an Implantat und Operateur steigen. Dahinter stehe der Wunsch, möglichst schnell wieder in den alten Beruf einsteigen bzw. noch lange ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Eine Reha soll dies unterstützen.

Deutlich zugenommen haben auch Eingriffe an der Wirbelsäule – von der einfachen Bandscheiben-OP bis zur Versteifung von Wirbelkörpern. Nach Angaben der Bertelsmann Stiftung stieg die Zahl der Rücken-OPs in Deutschland von 2007 bis 2015 um 71 Prozent.

Auch diese Patienten profitieren von einer Reha – und natürlich Menschen, die nach einem Unfall Frakturen oder andere Verletzungen wie einen Kreuzbandriss erlitten haben. „Im Winter kommen die Skifahrer, im Sommer die Fußballer“, sagt die Chefärztin.

Schulterpatienten haben meist eine Gelenkersatz-OP oder eine Gelenkspiegelung mit Rekonstruktion bei einer Ruptur der Rotatorenmanschette hinter sich.

Die Kliniken

Die Sachsenklinik in Bad Lausick ist eine von 22 Einrichtungen in Sachsen, die eine orthopädische Rehabilitation anbieten – so viele wie bei keiner anderen Indikation.

Deutschlandweit bezieht sich etwa jede dritte Reha-Maßnahme auf eine orthopädische Erkrankung.

Experten raten, bei der Wahl der Klinik auch mögliche Komplikationen wie eine Wundheilungsstörung nach der OP in Betracht zu ziehen. Dann müssten sie in die Akut-Klinik zurückverlegt werden, und weite Wege wären eine unnötige Belastung.

Die Wartezeit

Nach orthopädischen Operationen soll die Reha in der Regel möglichst rasch, aber spätestens 14 Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhaus als sogenannte Anschlussheilbehandlung beginnen. „Häufig werden Patienten direkt vom Krankenhaus zu uns verlegt“, sagt Baumann.

Manche Kliniken hätten es da besonders eilig: „Montag operiert, Freitag Verlegung in die Reha.“ Die Fachgesellschaften bestätigen diese Beobachtung. Ein wesentlicher Grund seien falsche finanzielle Anreize. Krankenhäuser erhalten sogenannte Fallpauschalen und zwar unabhängig von der Liegedauer. Eine frühzeitige Entlassung sei prinzipiell möglich, im Einzellfall aber medizinisch nicht immer unproblematisch, erklärt Dr. Baumann.

Bei Heilbehandlungen, etwa bei chronischen Rückenschmerzen, sei der Reha-Platz in der Sachsenklinik innerhalb von vier Wochen verfügbar. Deutlich länger müssten Patienten warten, wenn sie beispielsweise eine Wunsch-Rehaklinik an der Ostsee angeben.

Die Therapien

Nach einer Gelenkersatz-OP beginnen die ersten Mobilisierungs- und Kräftigungsübungen bereits am Krankenbett mit dem Aufstehen am OP-Tag oder am Tag danach.

Bei Knie-Patienten wird unter anderem das Beugen und Strecken mithilfe einer Motorschiene trainiert. Eine Bewegungsschiene kann auch bei Schulter-Patienten zum Einsatz kommen.

Stets geht es darum, den Patienten so schnell wie möglich an das neue Gelenk zu gewöhnen und die Beweglichkeit zu erhöhen.

In der Reha-Klinik werden die Patienten am ersten Tag von einem Arzt und einer Pflegekraft aufgenommen. Dabei wird auch der Therapieplan besprochen.

Ein zentraler Baustein für alle Patienten ist die Physiotherapie. Dazu gehören alle Maßnahmen der Krankengymnastik und Behandlungen mit physikalischen Mitteln wie Massagen, Arm- und Fußbäder, Wärme und Kälte sowie Elektrotherapie. Die Krankengymnastik wird als Einzel- und als Gruppentherapie durchgeführt.

Für Patienten, die beispielsweise wegen einer Herzkreislaufschwäche nicht mehr belastbar seien, gibt es Hockergymnastik und Seniorenfitness. „Sehr beliebt sind Übungen im Wasser“, sagt die Chefärztin.

Dafür gibt es in der Sachsenklinik ein großes und ein kleines Bewegungsbad. Das kleine Becken mit 1,10 Metern Wassertiefe ist auch für Patienten geeignet, die nicht schwimmen können.

Die Bewegungsbäder könnten operierte Patienten in der Regel ab der zweiten Reha-Woche nutzen – vorausgesetzt, die Wundheilung ist abgeschlossen.

Für die medizinische Trainingstherapie steht ein Saal mit verschiedenen Kraftgeräten zur Verfügung. Gehtraining kann auf einem Laufband und mit Unterstützung eines Therapeuten absolviert werden.

Im angrenzenden Park stehen verschiedene Gehstrecken zur Auswahl, wo das Laufen auch auf unebenem Terrain geprobt werden kann.

Patienten mit weniger Einschränkungen beteiligen sich an einer Nordic-Walking-Gruppe.

Im Rahmen der Ergotherapie trainieren die Patienten die Grob- und Feinmotorik. Tastübungen schulen bei Nervenstörungen die Sensibilität. Und es geht um ganz einfache Handlungen, die nach einer orthopädischen OP neu gelernt werden müssen: Wie setze ich mich hin? Wie ziehe ich mir Strümpfe an? Wie binde ich die Schuhe?

Baumann: „Die meisten Patienten haben erst einmal Angst und sind unsicher, was überhaupt noch geht.“

In der Reha erfahren sie, worauf sie künftig achten müssen und wie sie das Geübte in ihren Alltag übernehmen können. Eine Empfehlung für Autofahrer mit neuem Hüftgelenk lautet, sich erst nach einem Vierteljahr wieder ans Steuer zu setzen.

Bei chronischen Rückenschmerzen haben sich Übungen zur Stressbewältigung wie das Entspannungstraining bewährt.

Diätassistenten geben Tipps zur gesunden Ernährung und kochen gemeinsam mit den Patienten in der Lehrküche.

In der Ergotherapie stehen rückenfreundliche Büromittel zum Ausprobieren bereit.

Psychologen kommen immer dann zum Einsatz, wenn Patienten noch unter psychischen Begleiterkrankungen leiden oder Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung benötigen.

Die Reha-Dauer

Eine orthopädische Reha dauert in der Regel drei Wochen, je nach medizinischer Notwendigkeit kann, auch in Rücksprache mit dem Kostenträger, eine Verlängerung erfolgen.

Der Reha-Erfolg

Am Ende der Reha wird geprüft, ob der Patient seine letzte berufliche Tätigkeit wieder ausüben kann bzw. ob er Unterstützung im häuslichen Umfeld benötigt. Ist eine Rückkehr in den Beruf nicht möglich, stehen auf Antrag verschiedene Leistungen wie Umschulungen und Weiterbildungen zur Verfügung. Ob der Patient das nutzt, sei aber letztlich immer dessen freie Entscheidung, erläutert Baumann.

Der Reha-Erfolg hängt maßgeblich von der OP, den Beeinträchtigungen und weiteren Erkrankungen ab – und natürlich von der Motivation der Patienten. Ein operiertes Kunstgelenk kann bereits nach vier bis sechs Wochen nach der OP wieder voll belastbar und schmerzfrei sein. Normales Gehen mit der Endoprothese und leichtes sportliches Training sind etwa drei Monate nach der OP möglich.

Schmerzmittel seien nach der Entlassung aus der Reha meist nicht mehr nötig, erläutert Dr. Baumann. Patienten mit chronischen Rückenschmerzen werden auch nach der Reha nicht immer vollends geheilt sein. Die Therapien können ihnen aber helfen, in Zukunft mit weniger Schmerzmitteln auszukommen und trotz der Beschwerden noch lange ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Im Fall von Gabriele Völkner war selbst die Chefärztin skeptisch. Doch die Patientin habe „eisernen Willen“ bewiesen. Tapfer absolvierte sie die Therapien und erkämpfte sich buchstäblich Schritt für Schritt mehr Selbstständigkeit.

„Ich bin jeden Morgen in die Muckibude gegangen und habe eine Stunde lang Krafttraining gemacht“, sagt sie stolz. Nach vier Wochen Reha konnte Gabriele Völkner mithilfe von Stützen wieder gehen: „Unkraut vergeht nicht.“

Von Steffen Klameth

Übersicht

Diese Kliniken in Sachsen bieten eine orthopädische Reha an.

Hier können Sie ein PDF der Übersichtstabelle herunterladen.

So lesen Sie die Tabellen der Reha-Serie

Die LVZ hat in den vergangenen Wochen umfangreiche Recherchen unternommen. Wir haben alle Kliniken angeschrieben und gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Bis auf eine Ausnahme sind alle der Bitte gefolgt – dafür an dieser Stelle ein Dankeschön.

Die Antworten der Kliniken finden Sie übersichtlich in Tabellenform. Die Tabellen sind mal kürzer, mal länger – je nachdem, wie viele Kliniken für die entsprechende Erkrankung eine stationäre Rehabilitation anbieten. Diese Angaben finden Sie in den Tabellen:

Kostenträger: Hier sind alle Reha-Träger aufgeführt, die die Leistung für die entsprechende Erkrankung anbieten. Am häufigsten sind das die Deutsche Rentenversicherung (DRV) und die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Die Erklärung zu den Abkürzungen finden Sie in der Legende unterhalb der Tabelle.

Patienten: Die Zahl gibt an, wie viele Patienten im vergangenen Jahr die Klinik besucht haben. Ob diese Patienten alle mit dem gleichen Krankheitsbild – also zum Beispiel nach einer Krebserkrankung – zur Behandlung in dieser Klinik waren, geht daraus allerdings nicht hervor. Die Mehrheit der sächsischen Reha-Einrichtungen hat sich auf mehrere Indikationen spezialisiert, sodass auch diese Patienten in die Zahl einfließen können.

Besondere Leistungen: Hier konnten die Kliniken angeben, welche Therapien sie über das Standardprogramm hinaus anbieten, ob sich die Ausstattung von der in anderen Einrichtungen abhebt oder besondere Patientengruppen aufgenommen werden.

Begleitperson/Kosten: Für manche Patienten ist es wichtig, dass sie während der Rehabilitation ein Familienmitglied in der Nähe haben. Das ist so gut wie überall möglich. Die Preise bewegen sich in der Regel zwischen 40 und 60 Euro pro Tag inklusive Verpflegung.

Weitere medizinische Schwerpunkte: Hier erfahren Sie, welche Erkrankungen in der Einrichtung noch behandelt werden. Aus diesem Grund werden einige Kliniken im Verlaufe der Serie mehrmals in der Tabelle erscheinen.

Qualitätsprüfung: Reha-Einrichtungen sind zu einem Qualitätsmanagement verpflichtet. Dazu gehören sowohl interne als auch externe Kontrollen und Befragungen. Für die Kostenträger übernehmen die Deutsche Rentenversicherung und der Medizinische Dienst der Krankenkassen die Überprüfung. Im Wesentlichen geht es dabei um die gleichen Qualitätsmerkmale, allerdings unterscheiden sich die Methoden und die Darstellung der Ergebnisse.

Damit die Ergebnisse der Kliniken vergleichbar werden, finden Sie bei mehreren medizinischen Fachrichtungen (zum Beispiel Orthopädie) zwei Tabellen – eine mit den Kliniken, die von der Rentenversicherung geprüft wurden, und eine mit Kliniken, die die Krankenversicherung bewertet hat. Geprüft werden Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität.

Aus der Vielzahl der Parameter haben wir drei ausgewählt, die für Patienten besonders wichtig sind: die Qualität der Therapien und die Zufriedenheit der Patienten mit der Reha insgesamt sowie mit dem Behandlungserfolg. Eigene interne Befragungen haben wir dabei nicht berücksichtigt.

Bei den Kliniken, die von der Rentenversicherung geprüft wurden, erfolgt die Bewertung in Punkten (maximal 100) beziehungsweise Noten (1–6). Die Krankenversicherung errechnet aus den Ergebnissen Mittelwerte. Maximal möglich ist hier eine 10.

Die Kliniken sind aus Datenschutzgründen nicht verpflichtet, diese Ergebnisse zu veröffentlichen. Mit Ausnahme von elf Einrichtungen haben uns alle diese Angaben zur Verfügung gestellt. Wir haben mit k.A. kenntlich gemacht, welche Kliniken die Veröffentlichung abgelehnt haben. Eine Begründung erfolgte in der Regel nicht.

Bei einigen Kliniken lagen bei Redaktionsschluss noch keine beziehungsweise keine aktuellen Ergebnisse vor.

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