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Aktuelles Kostenfreie Übernachtungen und Spielzimmer für getrennt lebende Eltern
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08:54 12.03.2020
"Übergabe" an der Haustür: nach der Trennung von Eltern eine typische Situation, die für Kinder und Eltern gleichermaßen nicht immer einfach ist. Quelle: Miguel Perez
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"Es geht um viel mehr als einen Schlafplatz" - davon ist Annette Habert, Initiatorin von "Mein Papa kommt", überzeugt. Die ausgebildete Theologin und Pädagogin weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, dass Kinder auch ihren Vater haben. An ihrem Küchentisch entstand 2008 die Idee zu diesem Netzwerk, das Familien nach einer Trennung Rückwind verschafft. Ein Interview.

Vor welchen Herausforderungen stehen getrennt lebende Elternteile, wenn ihr Kind weit von ihnen entfernt wohnt?

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Annette Habert: Ganz pragmatisch ist es die weite Anreise, die ab einer gewissen Entfernung nicht mehr an einem Tag machbar ist. Das heißt, dass ein anreisender Elternteil – überwiegend sind es die Väter, deutlich seltener die Mütter – erst einmal dafür sorgen muss, dass er irgendwo übernachten kann. Reist er zum Lebensmittelpunkt des Kindes, ist das entweder der Ort, der für ihn mit Schmerz und Verlust verbunden ist, weil es der frühere gemeinsame Familiensitz war. Oder es ist ein neuer Wohnsitz, wenn der alleinerziehende Elternteil mit dem Kind umgezogen ist. Dann ist das für den Vater ein komplett fremder Ort, er hat keine Bekannten dort, keine Kollegen, kein soziales Netz. Mit anderen Worten: Er muss ins Hotel.

Das kann schnell ins Geld gehen

Natürlich spielt der finanzielle Aspekt eine Rolle, längst nicht jeder Vater kann sich die Kosten leisten, die mit der räumlichen Distanz verbunden sind. Hinzu kommt, dass die Anreisezeit auf die Dauer so herausfordernd ist, dass sie die gesamten Erholungszeiten neben der Arbeit schluckt. Wenn andere Leute sich regenerieren, sind sie unterwegs. Das zehrt an den Kräften. Was aber vor allem fehlt, ist die Ermutigung, Wertschätzung und Anerkennung für das Engagement des anreisenden Elternteils. Niemand nimmt das wahr, er wird als Geschäftsreisender angesehen und nicht als jemand, der regelmäßig zig Kilometer quer durch Deutschland fährt, nur um ein paar Stunden Zeit mit seinem Kind zu verbringen.

Das bleibt sicher nicht ohne Folgen

Ja, das macht etwas mit einem, sowohl mit dem Vater, als auch mit dem Kind. Für das Kind ist die Herausforderung: Niemand außer mir und meiner Mama kennt den Papa. Der Papa taucht nicht auf dem Kita-Sommerfest auf, weil es mitten in der Woche ist. Meine Spielfreunde haben ihn noch nie gesehen. Oft bleibt den Kindern auch die Welt von Papa fremd, weil sie so weit entfernt ist. All das verunsichert stark.

Hier setzen Sie mit Ihrem Angebot "Mein Papa kommt" an und vermitteln dem getrennt lebenden Elternteil eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit, wenn er/sie das Kind besucht. Wie funktioniert das genau?

Viele Eltern schauen auf unserer Website nach und sind erst mal überrascht, dass es das wirklich gibt. (lacht) Online kann man auf einer interaktiven Karte den Ort eingeben, der einen interessiert, und dann bekommt man potenzielle Gastgeber in anonymisierter Form angezeigt. Gibt es einen Gastgeber im Umfeld, registriert man sich bei uns. Wir rufen den Vater oder die Mutter zurück und klären gemeinsam den genauen Bedarf ab. Auf Basis dieser Informationen suchen wir in unserer Datenbank nach möglichen Gastgebern. Wir rufen den Gastgeber an, schildern die Situation des Vaters und fragen an, ob er kommen darf. Wenn nicht, probieren wir es beim nächsten. Unsere Gastgeber verpflichten sich nicht, für den Vater und das Kind da zu sein bis es 18 Jahre alt ist. Sie müssen nicht allzeit bereit sein, wir bitten sie nur um ihr Einverständnis, sie fragen zu dürfen.

Wie geht es dann weiter?

Der Vater bekommt die Kontaktdaten des Gastgebers und umgekehrt. Der Gastgeber als Hausherr entscheidet, wann und wie weit er seine Türe öffnet. Wir haben da alle Varianten. Ich bin immer wieder tief beeindruckt, wenn ich erlebe, welches Vertrauen die Gastgeber den Vätern entgegenbringen. Das Wichtigste wissen sie bereits über ihn: Das muss ein guter Kerl sein, wenn er seine Elternschaft so ernst nimmt.

Hintergrund

„Mein Papa kommt“ ist ein Besuchsprogramm für Kinder mit zwei Elternhäusern. Es bietet Vätern (und auch Müttern) nach einer Trennung bundesweit kostenfreie Übernachtungsmöglichkeiten, damit sie ihr Kind in einer entfernten Stadt besuchen können. Eine Mitgliedschaft im Netzwerk kostet zwölf Euro im Monat. Wird innerhalb von vier Wochen kein Gastgeber gefunden, wird der Betrag storniert. Zusätzlich vermittelt „Mein Papa kommt" am Besuchsort ein Kinderzimmer auf Zeit, damit die Kleinen auch tagsüber ungestört mit Papa oder Mama basteln, kuscheln oder spielen können – fast wie zu Hause. Getrennt lebende Väter und Mütter werden außerdem durch eine individuelle pädagogische Eltern-Begleitung und praktische Hilfen im Alltag unterstützt. Die Initiative arbeitet überwiegend spendenfinanziert, engagierte Mitstreiter werden jederzeit gesucht.

Wie hoch ist Ihre Vermittlungsquote? Wie erfolgreich sind Sie?

Manche Eltern erwarten gar nicht, dass wir an ihrem kleinen Wunschort tatsächlich auch einen Gastgeber haben. Trotzdem kommt es vor, dass wir den Bedarf eines Vaters nicht sofort decken können. Das ist inzwischen selten geworden, zum Glück. Wir suchen jeweils im Radius des öffentlichen Nahverkehrs einen Gastgeber. Mein Ziel ist, dass der Umkreis nur so groß ist, dass der Vater mit dem Fahrrad vom Gastgeber aus sein Kind besuchen kann. Weil das Kind nur dann das Gefühl hat: Papa gehört hierher. Das ist mein Traum! Wenn wir tatsächlich niemanden am Wunschort vermitteln können, gehen wir mit dem Vater die Anreisestrecke durch. Als Zwischenlösung. Zugleich nehmen wir sie bei uns in eine Liste mit dringendem Bedarf auf und suchen proaktiv mit unserem Team über
 Facebook und mithilfe der regionalen Medien.

Nehmen wir an, es hat geklappt, es wurde ein Gastgeber gefunden: Was darf man als anreisender Elternteil erwarten, welche Regeln gelten?

Anreise nur während des Tages, wenn möglich bringt der Vater seine Bettwäsche selbst mit. Der Gastgeber stellt einen einfachen Schlafplatz zur Verfügung, in der Regel in einem Gästezimmer. Es gibt auch noch einen Morgenkaffee, dann geht der Vater zu seinem Kind. In der Regel bleibt er nicht länger als zwei Übernachtungen, das klassische Papa-Wochenende sozusagen. Manchmal wird auch unter der Woche ein Gast- geber gebraucht. Unsere gesellschaftlichen Strukturen sind leider noch nicht auf die Multilokalität von Familien eingestellt.

Interview: Constanze Dietsch