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Aktuelles Theater der Jungen Welt kommt mit "Die Eisbärin" ins Klassenzimmer
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09:27 10.07.2019
Eines der jüngsten Projekte im TdJW-Spielplan: das Klassenzimmerstück „Die Eisbärin“. Darin geht es um soziale Netzwerke sowie Selbstdarstellungsdruck, Gruppenzwang und Mobbing. Quelle: Tom Schulze

Leipzig. Mona ist eine bekannte Youtuberin. Ihr Markenzeichen: die Eisbärenmaske. Doch weiß sie hinter ihrem offiziellen Gesicht noch wer sie wirklich ist? „Was soll das sein: ICH SELBST? Kann man das anfassen? War das schon immer da oder kann ich das bestimmen? Was denken andere von einem?“

Das Gefallen um jeden Preis, die Identitätssuche im Spiegel der anderen, die Jagd nach Likes und der komplizierte Prozess des Heranwachsens, sind wichtige Themen des Stückes. Seine deutsche Erstaufführung erlebte es am 9. Mai 2019 im Leipziger Immanuel-Kant-Gymnasium in der Regie von Jürgen Zielinski – dem Intendanten des Theaters der Jungen Welt (TdjW).

Eine junge Frau stürmt samt Kamera und Handy ins Klassenzimmer der 6c. Sie stellt sich als Youtube-Star „Die Eisbärin“ vor, sagt, sie heiße Mona und erklärt, in genau diesem Klassenzimmer habe sie vor zehn Jahren selbst gesessen. „Echt mein altes Klassenzimmer. Erkennen sie mich noch?“, fragt sie die Lehrerin und bestimmt: „Ich übernehm den Laden mal kurz“. Dabei filmt sie sich und die Schüler, bezieht diese ins Spiel ein und checkt in einem fort die Kommentare im Handy. Denn Mona muss ihre Fans bei Laune halten: Die Likes und Follower für ihren Videoblog werden weniger. Ein Internet-Hit muss her. Ein „Prank“, ein Streich, den sie „Back-to-school-Prank“ nennt.

„Leute, danke, dass ihr mitmacht.“ Mona erzählt der 6c von früher, als die dominante Tanja sie mobbte und der Zwang, gefallen zu wollen, immer wichtiger wurde. Monas Frage damals wie heute: „Wer bin ich eigentlich und wie kriegt man das überhaupt raus? Man rennt durch die Welt, als hätte man einen bescheuertenZettel auf der Stirn und würde nur durch die anderen rauskriegen, was da draufsteht. Weil das, was die anderen über einen denken, so wahnsinnig wichtig ist, das man gar nicht auf auf die Idee kommt, einfach mal selbst in den Spiegel zu schauen und sich die Frage ,Wer bin ich?' selbst zu beantworten.“

Mona alias "Die Eisbärin" ist Youtube-Star und auf der Suche nach sich selbst. Quelle: Tom Schulze

Eine Youtuberin im Dauer-Werbe-Modus ist Mona jedenfalls nicht: „Ich hasse es, wie diese Beauty-Tussis das Wort PRODUKT aussprechen. PRODUKT, PRODUKT, PRODUKT. Ich will auch gut aussehen, gut aussehen ist super, sich schön anziehen, regelmäßig duschen, LOGISCH. Aber man muss doch nicht dauernd drüber reden. Man muss eigentlich gar nicht drüber reden. Zieh dir ne Mütze an, wenn deine Haare fettig sind und denk lieber drüber nach, wie das Universum entstanden ist.“

Was die Eisbärin bei ihren Followern sucht, ist Akzeptanz: „Keiner von uns kann ohne den anderen sein. Wem ist das schon egal. Es geht einfach drum, dass man irgendwann kapiert, es bringt nichts, Sachen nur zu machen, um den anderen zu gefallen. Dabei kann man nur verlieren, richtig krass verlieren, im schlimmsten Fall sich selbst.“

Dass die Gefahr besteht, sich vom Dauerkonsum Internet, von der Anzahl ihrer Follower abhängig zu machen, merkt Mona. Es wird still in der Klasse, als sie bekennt: „Ich hab Lust, einen Spaziergang zu machen. Ich war schon ewig nicht mehr spazieren. Laufen. Ich hab grad so unglaublich Lust, zu laufen.“

Die nächsten Termine

Das Theater der Jungen Welt hat "Die Eisbärin" am 18. September und 21. November jeweils 19 Uhr im Spielplan.

Buchungsanfragen: Interessierte Schulen, die das theaterpädagogische Projekt zu sich ins Klassenzimmer holen wollen, erhalten alle Infos telefonisch unter 0341 4866016 oder per E-Mail an kontakt@tdjw.de.

Doch was ist Monas „Prank“? Real oder Fake? Dank der jungen Schauspielerin Emilie Haus bleiben bis zum Schluss Zweifel: Sie nimmt die Schüler mit auf die Suche nach sich selbst. Ihre Youtuberin Mona überzeugt mit ihrer Wut, ihrem Zweifel, ihrer Ehrlichkeit und Sensibilität. Berührt verfolgen die Schüler das Spiel.

Doch hängen auch sie auf Youtube rum? Schauen sie ständig aufs Handy? Hanna findet Dauer-Posting „eher albern“. Auch Katalina, Florentina und andere meinen „es ist uncool immer aufs Smartphone zu gucken. Keine Zeit: Wir spielen Fußball und Trompete, singen im Chor, gehen Schwimmen und machen Leichtathletik.“

Theaterpädagogisches Gespräch im Anschluss

Dass sich die Schüler der 6c am Kant-Gymnasium „nicht zum ersten Mal mit dem Thema Internet und den Grenzen von realem und virtuellen Leben beschäftigt haben“, spürt TdjW-Theaterpädagoge Roland Bedrich im Nachgespräch: „Diese Klasse zeigte deutlich Interesse und Kenntnisse über das Onlinethema. Zum Glück waren die Schülerinnen und Schüler recht reflektiert und hatten für sich bereits Grenzen gezogen. Sie zeigten eine ordentliche Skepsis, was ja unser Zeit mit dem Stück ist.

Tatsächlich habe ich in anderen Klassen im selben Alter mit diesem Stück auch ganz andere Erfahrungen gemacht. Bis hin zu einer völligen Entgrenzung, die sich darin zeigt, dass die Figur Mona als Vorbild unhinterfragt angenommen wird.“ Dabei ist sie ja sehr brüchig und das versuchen wir im Gespräch und in Anbindung an die eigenen Erfahrungen im Gespräch herauszuarbeiten.“

Nachgefragt

Roland Bedrich, leitender Theaterpädagoge am Theater der Jungen Welt, über Klassenzimmeraufführungen

Welche Erfahrungen haben Schauspieler und Theaterpädagogen am TdJW mit Klassenzimmerstücken gemacht?

"Wir haben aktuell vier verschiedene Klassenzimmerstücke im Programm. Jedes Jahr spielen wir circa 50-70 Aufführungen in Schulen. Das Besondere am Klassenzimmertheater ist, dass die Geschichten direkt mit dem Publikum und der Schulsituation zu tun hat. Da geht es um Mobbing und Leistungsdruck oder überforderte Lehrkräfte. Und die Stücke sind sehr interaktiv, denn unsere Spieler agieren ja in direkter körperlicher Nähe zum Publikum.

Unser Stück „erste Stunde“ erzählt von einem Schüler, der seit Jahren gemobbt wird. Wir haben schon die unterschiedlichsten Situationen bei unseren Aufführung erlebt. Der Schauspieler wurde von Schülern getreten und bespuckt oder andererseits auch in den Arm genommen. Das alles ist natürlich Teil des Spiels und von uns inszeniert und kontrolliert. Bei unserem Stück „Besser ich“ machen wir mit den Schülern eine Leistungsshow, da geht’s um die Grenzen des „Besser-werden-Wollens“ und da sind auch schon mal Tränen geflossen. Ein theaterpädagogisches Nachgespräch gehört immer zu den Klassenzimmeraufführungen."

Und für die Fachleiterin Sabine Männel am Kant-Gymnasium war „der Überraschungseffekt entscheidend: Welche Wirkung hat das Stück auf die Kinder? Sie konnten sich ja zuvor nicht darauf einstellen. Das Stück ist eine wichtige Erfahrung für sie. Es sensibilisiert auf ganz eigene Weise für die Thematik Fake or Reality, mit der sich die Schülerinnen und Schüler ja täglich mehr oder weniger auseinandersetzen müssen. Denn die die Social Media haben großen Einfluss bei ihnen. Als langjährige Deutschlehrerin merke ich, dass die Sprachverarmung zunimmt. Generell tun sich bei den Schülerinnen und Schülern große Unterschiede auf: Sowohl in der Reflexion, als auch in dem Vermögen sich adäquat zu äußern. Die Kinder sollten erlernen, wie ich etwas im realen Leben formuliere und wie im Chat. Es gibt Kinder, die frei sind von Dauerkonsum. Da spüre ich den positiven, nachhaltigen Einfluss der Eltern.“

von Ingrid Hildebrandt

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