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Für Kinder Was der Stadtimker Hagen Rösner jetzt für seine Bienen tut
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15:28 20.04.2020
Bei der Kontrolle des Bienenvolkes ist Schutzkleidung Pflicht. Bienen haben unterschiedliche Charaktere und stechen normalerweise nicht wild auf Menschen ein - Angst muss man also nicht vor ihnen haben, aber Respekt. Quelle: Wolfgang Sens
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Hagen Rösner ist ein Gewohnheitstier. Was sich als gut erweist, wiederholt er gern: Lesen, Gärtnern, Handwerken. Hagens Bienen sind das komplette Gegenteil. Sie lieben Abwechslung und Veränderungen. Ob Unwetter, Feuer oder Eindringling: Statt in Schockstarre zu verfallen, suchen sie Lösungen. In Windeseile können sie umschulen, Strukturen verändern, Aufgaben neu verteilen. Was wir gerade jetzt in der Corona-Krise von den Bienen lernen können? Nicht Rangordnungen und Funktionen zählen, sondern bedingungslose, lebenslange gegenseitige Hilfe. Abwechselndes Füttern, Putzen, Heizen und Kühlen sind anschauliche Beispiele für das Motto der Bienen: Ich helfe anderen, damit auch mir geholfen wird.

Schneeglöckchen, Krokusse, Osterglocken – die Bienen des Torgauer Stadtimkers Hagen Rösner sind jetzt, im Frühling, schon auf Achse. Der Hunger treibt sie aus den Beuten – so heißen ihre Behausungen oder Wohnungen. Sie sind gierig nach frischem Pollen und Nektar. Es gilt, die Vorräte aufzufüllen, die brütende Königin zu versorgen und sich für die Zeit des Honigsammelns zu stärken. Der Bedarf an Futter ist riesig. Das Volk will sich schließlich vergrößern. Deshalb schaut Hagen Rösner jetzt jeden Tag nach seinen acht Völkern und versorgt sie, wenn nötig, zusätzlich mit Futterwaben. „Das ist wie bei uns Menschen: Der Kühlschrank muss immer voll sein“, sagt der Hobby-Imker und lacht. Seine emsigen Mitbewohner machen ihm Freude. „Bienen geben nicht nur Honig. Sie strahlen auch viel Ruhe aus. Das merke ich, wenn ich nach einem stressigen Tag im Büro am Flugloch des Bienenstocks stehe und beobachte, wie dort alles am Schnürchen läuft. Niemand schlägt quer, jeder weiß, was er zu tun hat und das Ergebnis ist süß.“

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Stadtimker Hagen Rösner kontrolliert die Rähmchen einer Zarge und überprüft, ob seine Bienen gut versorgt sind. Quelle: Wolfgang Sens

Der 54 Jahre alte Imker macht es seinen Bienen gerade gemütlich. Eine Beute besteht aus mehreren Wohnungen, auch Zargen genannt. Hagen Rösner sorgt für Wärme, indem er Mittelwände einzieht beziehungsweise die Grundrisse der Wohnungen verändert. Er füllt die Bienenküchen, indem er Wassertränken auf- und Futterwaben bereitstellt. Geben und Nehmen – ein bewährtes Prinzip. Hagen Rösner tut alles dafür, dass es seinen Bienen gut geht und sie danken es ihm mit Honig: „Den Schritt in die Hobby-Imkerei habe ich nie bereut. Das liegt vielleicht auch daran, dass Bienen Wildtiere sind. Sie machen ihr Ding und müssen nicht ständig betreut werden. Außer in der Schwarmzeit von April bis Juni.“

Hagen Rösner sorgt auch für den idealen Standort der Beute. Quelle: Wolfgang Sens

Es kann Nerven kosten, einen Bienenschwarm einzufangen. Hagen Rösner hat seine quirligen Freunde schon von den verrücktesten Fluchtorten geholt: aus dem Mauerwerk historischer Marktplätze, aus den Astlöchern toter Bäume, aus dem Vogelhäuschen im Nachbargarten. „Einige Arbeitsbienen sind neugierig und mutig, andere vorsichtig und zurückhaltend. Kundschafterinnen sind abenteuerlustiger als ihre Mitbewohner. Sie machen sich dreimal häufiger auf, um neue Futterquellen zu erkunden, und gehören auch zu den Bienen, die ausschwärmen, wenn ein Stock eine neue Heimat braucht.“ Der Stadtimker, der ausgebildeter Physiker ist, findet die Charaktere seiner Bienenvölker faszinierend: Die einen sind sanftmütig, die anderen fleißig, wieder andere aggressiv und stechlustig. „Man braucht vor ihnen keine Angst haben, aber man sollte vor ihnen Respekt haben.“

Trickreich: Der Rauch der Imkerpfeife (Smoker), täuscht den Bienen einen Brand vor. Wegen der möglichen Gefahr saugen die Bienen sehr schnell möglichst viel Honig auf, damit sie sich ein neues Zuhause aufbauen können. Da es aber nicht wirklich brennt, warten sie dann erstmal ab und sind zugleich so satt und träge vom vielen Honig, den sie gerade aufgesogen haben, dass der Imker in Ruhe das Bienenvolk durchsehen kann. Schutzkleidung trägt er natürlich trotzdem. Quelle: Wolfgang Sens

Vor allem vor ihrer Rolle als Krisenmanager. Bei der Bewältigung kritischer Situationen leisten Bienen Eindrucksvolles. Etwa wenn ein plötzliches Unwetter dafür sorgt, dass ein Großteil der Sammelbienen nicht mehr in den Bienenstock zurückkommt. Die verbliebenen Sammelbienen erhöhen sofort ihre Anstrengungen. Rasch werden Bienen umgeschult, sodass fix aus einer Stock- eine Sammelbiene wird.

Schon gewusst?

... dass eine Honigbiene täglich bis zu 1000 Blüten bestäubt?

... dass eine Bienenkönigin jährlich etwa 120 000 Eier legt?

... dass ein Bienenvolk für 500 Gramm Honig umgerechnet dreimal um die Erde fliegt?

... dass eine Bienenlarve bereits nach sechs Tagen das 500-fache ihres Ausgangsgewichts

wiegt?

... dass Bienen die Erträge der Obstbauern um bis zu 80 Prozent steigern?

Auch die Leistungsstärke der Bienen ist enorm. Um ein einziges Gramm Honig zu produzieren, müssen Bienen 8000 bis 10 000 Blüten besuchen. Wie kann eine solch intensive Reisetätigkeit organisiert werden? Durch Effizienz. Sammelbienen markieren Blüten, sodass den Kollegen sofort klar ist, dass sie diese Blüte gar nicht mehr anfliegen müssen. Schlaue Kerlchen. Denn dadurch stellen sie sicher, dass keine Energie und Zeit für Landung, Prüfung und Frust verschwendet wird.

Der Bienenorganisation liegt ein ausgeklügeltes System zugrunde. Ein einziges Volk kann eine Fläche in einem Flugradius von bis zu vier Kilometern abdecken. Die Pfadfinder- und Suchbienen legen dabei ein Informationsnetz über Feld und Wald, in dem alle wichtigen Einzelheiten zu Lage und Entfernung sowie der je nach Tageszeit schwankenden Nektar- und Pollensituation möglicher Futterquellen enthalten sind.

Bienenwaben bestehen aus Bienenwachs und sind in sechseckige Zellen unterteilt. In den Zellen wachsen Larven heran oder sie werden zur Lagerung von Pollen und Honig genutzt. Quelle: Wolfgang Sens

Auch die Prüfung der Futterqualität ist clever: Sammelbienen liefern Stockbienen Nektarproben. Kostproben quasi. Die Bienen erkennen rasch, welche Nahrungsbestandteile (Nektar, Pollen, Wasser) knapp werden könnten. Danach entscheiden sie, wie viel nachgeordert werden muss. Mit der Folge, dass zusätzliche Sammelbienen aktiviert oder ein massiver Jobwechsel von der Stock- zur Sammelbiene organisiert werden. „Ein Wunder an toller Zusammenarbeit und Solidarität“, sagt der Imker. Recht hat er!

Von Simone Liss

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