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Grundschulen in Leipzig Mathe-Professorin: „Zahlen begegnen uns überall“
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15:38 27.02.2019
Lernen, überlegen, üben: Grundlegende Mathekenntnisse wie das kleine Einmaleins lernen Kinder in der Grundschule. Aber schon vorher sind die meisten Kinder neugierig auf die Welt der Zahlen. Quelle: freepik.com

Prof. Reinhold, wie lernen Kinder vor der Schule etwas über Zahlen?

Die allermeisten Kinder gehen sehr neugierig durch ihre Umwelt. Und Zahlen begegnen uns eigentlich überall – auf dem Geldschein, in der Zeitung, beim Einkaufen oder auf Verkehrsschildern. Daher erlangen viele Kinder schon im Vorschulbereich quasi auf natürlichem Wege Ziffernkenntnis. Weil sie neugierig sind. Weil sie sich interessieren und erfragen, was die Ziffern bedeuten.

Wenn eine Dreijährige schon bis zehn zählen kann, hat sie dann ein besonderes Mathetalent?

Kinder sind im Alter von zweieinhalb bis drei Jahren schon oft in der Lage, die Zahlwortreihe wie einen Singsang aufzusagen. Das wird dann abgespult, ohne dass wirklich eine Verbindung zum eigentlichen Rechnen hergestellt ist. Zum Zählen gehört aber mehr: Dass ich das einzelne Zahlwort beim Abzählen einer Menge dem jeweiligen Objekt zuordne. Dass ich auch weiß, dass das letzte genannte Zahlwort etwas sagt über die Mächtigkeit dieser Menge. Ich muss auch wissen, dass ich in der Zahlwortreihe nicht hin- und herspringen kann.

Mit Vorschulkindern spielerisch Zählen üben

Wie wird der Umgang mit Zahlen in der Vorschulzeit vermittelt?

Das Lernen im Vorschulbereich soll einen spielerischen Charakter haben. Andererseits lernt man zählen nur durch zählen: Indem man Zählanlässe schafft, in denen man Kinder in natürlichen Situationen darauf aufmerksam macht: Was könnte man jetzt zählen? Und was könnte man bestimmten Dingen zuordnen? Kinder können zum Beispiel beim Tischdecken die Teller für jedes Kind abzählen. Das taucht auch in Geschichten auf. Denken Sie an das Märchen Schneewittchen, wo es für jeden Zwerg genau ein Tellerchen, ein Becherchen und ein Bettchen gibt. Darüber etwas über Mengen zu erfahren, ist eine wesentliche Voraussetzung, die ich sehr früh im Alltag, zu Hause aber auch im Kindergarten thematisieren kann.

Auch als Eltern?

Klar, auch als Eltern. Warum nicht ab und zu zählen, wie viele Stufen man bis zur Wohnungstür gehen muss? Oder wie viele Steinplatten auf dem Weg zum Haus hintereinander liegen? Das ist etwas, das in vielen Haushalten oder Familien ganz selbstverständlich passiert.

„Mensch ärgere dich nicht“ und Wimmelbücher fördern spielerisch mathematische Grundlagen

Welche Tipps können Sie Eltern noch geben?

Was immer geht, sind Gesellschaftsspiele. Spiele wie „Mensch ärgere dich nicht“, „Fang den Hut“ oder „Halli Galli“ fördern beim Spielen die mathematischen Grundlagen, ohne dass sie den Stempel mathematik-didaktische Frühförderung tragen müssen. Ein anderer Aspekt ist alles, was mit räumlich-visuellen Darstellungen zu tun hat. Zum Beispiel Wimmelbücher betrachten, sich beim Bauen mit Formen und Körpern beschäftigen oder Figuren legen mit Tangram-Spielen oder bunten Holzplättchen, so genannten Pattern-Blocks.

Wie lernen Kinder in der Schule Rechnen?

Es gibt verschiedene Konzepte. In meiner Wahrnehmung sind ganzheitliche Zugänge, die dann auf die Betrachtung kleinerer Zusammenhänge zurückkommen, stark verbreitet. Der Mathematikunterricht legt außerdem – auch schon im ersten Schuljahr – großen Wert auf die prozessbezogenen Kompetenzen. Das heißt, die Kinder sollen die Gelegenheit haben zu kommunizieren, zu argumentieren, Probleme zu lösen, Zusammenhänge mit Handlungen, Bildern, Sprache oder anderen Symbolen darzustellen oder auch Phänomene aus der Umwelt mit der Mathematik zu erfassen, sie zu „mathematisieren.

Zusammenhänge erkennen: Das lernen Kinder bis zur vierten Klasse im Matheunterricht

Was sollten Kinder beim Rechnen am Ende der Grundschule können?

In den Bildungsstandards und im sächsischen Lehrplan ist festgehalten, dass wir uns am Ende des vierten Schuljahres im Zahlenraum bis zur Million mit den Kindern bewegt haben sollen. Sie sollen natürlich auch die Rechenoperationen der Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division sicher beherrschen und über sichere Rechenfertigkeiten verfügen, sowohl im Kopfrechnen als auch im schriftlichen Rechnen. Ansonsten haben wir im Bereich Raum und Form natürlich die geometrischen Figuren und Körper, die die Kinder benennen können sollten. Hinzu kommen Aspekte von Raumvorstellungen, beispielsweise etwas räumlich strukturieren zu können. Aber auch mit Größenbereichen wie Gewichten, Geldwerten, Zeit, Zeitpunkten, Zeitspannen, Längen und Hohlmaßen wie Milliliter oder Liter umgehen und rechnen zu lernen.
Was mit unserem Lehrplan, aber auch mit den Bildungsstandards, in besonderer Weise in den Blick gerückt ist, ist ein inhaltsbezogener Kompetenzbereich, der landläufig „Muster und Strukturen“ genannt wird. Es zieht sich als Grundidee durch die gesamte Mathematik, dass sich immer etwas wiederholt. Zum Beispiel bei Längen: zehn Zentimeter sind ein Dezimeter, zehn Dezimeter sind ein Meter. Solche Zusammenhänge des Bündelns, um in die größere Einheit zu gelangen, spielen immer wieder eine Rolle. Das ist das, was wir am Ende als funktionale Zusammenhänge bezeichnen.

Haben sich die Lehrmethoden in Mathe sehr verändert oder erkennt man als Eltern vieles wieder?

Die Inhalte werden sie hoffentlich wiedererkennen (lacht). Natürlich ist das kleine Einmaleins gleich geblieben. Ich glaube aber, dass durch die in den Bildungsstandards und im Lehrplan formulierten Kompetenzen, die Kinder entwickeln sollen, sich in der Schule ein etwas anderer Geist entwickelt hat. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen darüber nachdenken, wie diese Kompetenzen ausgebildet werden können. In Mathe ist das unter anderem die Entwicklung der prozessbezogenen Kompetenzen. Lehrkräfte müssen sich quasi in jeder Mathestunde fragen: Habe ich den Kindern Gelegenheit gegeben auch etwas selbst darzustellen? Ich glaube, dass das im Alltäglichen zu einem Wandel beigetragen hat. Einem Wandel hin zu stärkerer Methodenvielfalt und ein Stück weit mehr Verantwortung, die die Kinder für ihr eigenes Lernen recht früh tragen. Man setzt darauf, dass ihre Neugier sie durch diesen Lernprozess trägt.

Üben soll nicht nur Abarbeiten und Auswendiglernen sein

Wie viel Übung muss bei Mathe sein?

Das ist eine schwierige Frage, denn wir kennen in der mathematik-didaktischen Diskussion mindestens ein Dutzend verschiedene Facetten von Üben. Zum Beispiel automatisierendes Üben: Das kommt uns immer sofort in den Sinn, wenn es darum geht, bestimmte Dinge auswendig zu beherrschen. Das kennen wir vielleicht noch aus unserer eigenen Schulzeit. Man muss, auch wenn man nachts um drei geweckt wird, wissen, dass fünf mal fünf 25 ist. Das automatisierende Üben darf aber erst dann einsetzen, wenn verständnisorientiertes Üben stattgefunden hat, das zum Beispiel auf Visualisierungen, auf dem Erkennen auf Zusammenhängen basiert. Die Kinder sollen nicht nur abarbeiten, was ihnen vorgegeben wird, sondern einen gewissen Anteil an der Ausgestaltung der Übung haben. Man muss sehr aufpassen, dass Üben im Unterricht, im Hort oder zu Hause nicht immer nur diesen Trainingscharakter hat. Ich muss Mathe üben, so wie ich im Fußball Standardsituationen und Elfmeterschießen trainiere. Aber es braucht immer erst das verständnisorientierte Üben als Grundlage.

Bei Problemen Gespräch mit der Lehrkraft suchen

Was mache ich, wenn ich merke, dass mein Kind Probleme in Mathe hat?

Der erste Weg ist immer der zur Lehrerin oder zum Lehrer. Nicht im Sinne einer Beschwerde, sondern weil Grundschularbeit dann besonders gut gelingen kann, wenn sie im engen Zusammenspiel von Elternhaus und Schule stattfindet. In dem Moment, wo man anfängt, nebeneinander her zu arbeiten, wird’s schwierig. Ich erlebe die Kollegen in der Praxis so, dass sie an dieser Stelle offen sind und das gemeinsame Gespräch suchen. Weil es immer um das gemeinsame Interesse an der guten Entwicklung des Kindes geht.

Mathe hat bei vielen Erwachsenen einen schlechten Ruf. Wie vermittelt man den Kindern Spaß daran?

Es ist ein bisschen verrückt. Damit zu kokettieren, dass man schlecht in Mathematik war, ist ein sehr verbreitetes Phänomen. Es würde sich aber kaum jemand damit kokettieren, dass er nicht sehr gut im Rechtschreiben war oder nicht gut lesen konnte als Kind. Dabei gibt uns Mathematik so viel Struktur, ohne sie kämen wir in unserer Umwelt nicht zurecht. Wir könnten uns ohne Mathematik nicht einmal durch ein Gebäude bewegen, das voller rechter Winkel und Berechnung steckt. Ich glaube, dass wir in der Mathematik und im Mathematikunterricht der Grundschule gut daran tun, die Kinder einfach Freude an mathematischen Strukturen erleben zu lassen. Das kann ich nur, wenn ich diese Neugier, diesen Forschergeist bei den Kindern wecke. Nur wenn Kinder selbst Lust darauf haben, Zusammenhänge zu entdecken, kann Lust auf Mathematik entstehen. Ich glaube, das kann der Schlüssel zu einer Wertschätzung der Mathematik sein.

Interview: Nadine Marquardt

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