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Grundschulen in Leipzig „Nutze den ganzen Tag“ - Ganztagsangebote sind mehr als schulische Förderung
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08:52 18.07.2019
Ganztagsangebote lockern den Unterrichtstag auf und machen Schulen zu Lern- und Lebensräumen. Kinder können sich dadurch auch abseits der Hauptfächer Fähigkeiten und Kenntnisse in verschiedenen Bereichen aneignen und erweitern. Quelle: Klimkin / pixabay
Leipzig

Wenn am Nachmittag Keramik auf dem Plan steht, sind die Kinder der Freien Grundschule Clara Schumann mit Feuereifer dabei. Aus Ton werden dann Gegenstände geformt, getrocknet, dekoriert und schließlich im schuleigenen Brennofen gebrannt. Mit geschickten Fingern gestalten die Mädchen und Jungen Schalen, Tierfiguren, fantasievolle Gebilde oder auch Tassen, die sie stolz während des Schulalltags als ihre persönlichen Trinkgefäße nutzen.

„Es ist schön zu sehen, mit wie viel Hingabe und Begeisterung unsere Schüler dabei sind“, sagt Gabriele Koch, Hortleiterin der Freien Grundschule Clara Schumann, einer Schule in freier Trägerschaft. Die Schule verfolgt einen ganzheitlichen Bildungsansatz mit einem musikalisch-künstlerischen Schwerpunkt. Dieser spiegelt sich auch in den Ganztagsangeboten (GTA) der Einrichtung wider. Das GTA Keramik ist nur ein Angebot aus dem umfangreichen Programm.

Kinder fördern und fordern

Ganztagsangebote sind ein fester Bestandteil des Schullebens. Sie sollen den Schülern anwendungsfähiges Wissen bieten und in diesem Zusammenhang die Entwicklung von Methodenkompetenz, Lern-­ und Sozialkompetenz sowie die Werteorientierung ermöglichen. GTA sind sowohl unterrichtsbegleitende und unterrichtsergänzende Angebote zur leistungsdifferenzierten Förderung als auch nachmittägliche Zusatzangebote im Freizeitbereich oder zeitlich begrenzte Projekte. Dazu gehören zum Beispiel die Hausaufgabenbetreuung, das Fördern und Fordern von Kindern mit Begabungen und Schwächen oder Arbeitsgemeinschaften mit musisch­-künstlerischen, sportlichen oder sozialen Inhalten.

„Diese Angebote bieten den Kindern etwas, sie fördern und fordern, sie geben Raum für Entdeckungen und bieten Gelegenheit, mit anderen Kindern zusammen zu sein. Das ist enorm wichtig für die Entwicklung von Kindern“, erklärt Christoph Bülau, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Schulentwicklungsforschung der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Leipzig. Er forscht intensiv zum Thema Ganztagsangebote und ist gleichzeitig Vorsitzender des Sächsischen Ganztagsschulverbands. „Die Schüler verbringen viel Zeit in der Schule. Somit ist sie Lern­- und Lebensraum.“

Quelle: cherylt23 / pixabay

Angebot nahezu flächendeckend

Seit 2005 unterstützt der Freistaat Sachsen den Ausbau von Ganztagsangeboten an allgemeinbildenden Schulen. In Leipzig bieten derzeit 60 von 66 Grundschulen GTA an. In den kommenden Jahren werden GTA aufgrund des schrittweisen Inkrafttretens des novellierten Sächsischen Schulgesetzes flächendeckend zur Verfügung stehen. Grundschulen, die Ganztagsangebote gestalten, erhalten auf Grundlage der Sächsischen Ganztagsverordnung (SächsGTAVO) pauschalierte zweckgebundene Gelder, um ihre GTA auf­- beziehungsweise auszubauen. Voraussetzung für GTA an einer Grundschule ist ein Kooperationsvertrag zwischen Schule und Hort, in dem Ziele und Verantwortlichkeiten geregelt sind.

Die Schulen bestimmen die Art und den Umfang ihrer Ganztagsangebote selbst. Sie setzen schulspezifische Schwerpunkte und gestalten mit Partnern vor Ort, zum Beispiel mit Lehrern, Privatpersonen, Kultur­-, Sport­- und Jugendvereinen oder öffentlichen Einrichtungen bedarfsgerechte und schülerorientierte Angebote.

Die August­-Hermann­-Francke (AHF) Grundschule im Leipziger Südosten bietet in diesem Schuljahr erstmalig GTA an – Handarbeit, Schulgarten und eine Tanz-­AG stehen nun auf dem Programm und werden von den Kindern gern besucht. „Wir wollen unsere GTA in den nächsten Jahren auf jeden Fall ausbauen“, so Elke Holtz, Hortleiterin der Schule. Für sie sind die Angebote eine Bereicherung im Schulalltag „mit denen die Kinder gezielt gefördert und gefordert werden“.

Mit Rhythmus durch den Tag

Idealerweise erleben die Kinder den Schul­- und Hortalltag als Ganzes. Grundlage hierfür ist, Schule gemeinsam vom Kind aus zu denken, eine Anpassung der Unterrichtsformen an die Bedürfnisse der Kinder vorzunehmen und eine ausgewogene Gestaltung des Schultages. „Die Angebote von Schule und Hort müssen miteinander verzahnt werden und sich gegenseitig ergänzen“, so Christoph Bülau. Wichtig sei in diesem Zusammenhang ein stetiger Austausch zwischen Lehrern und Erziehern über jedes einzelne Kind.
Da Lehrer und Erzieher die Stärken und Schwächen der ihnen anvertrauten Kinder kennen, können GTA schulspezifisch und bedarfsorientiert entwickelt werden. Dabei stehen die Bedürfnisse des Kindes und die Chancengleichheit für alle Kinder im Mittelpunkt.

Durch den Ausbau von GTA in Zusammenarbeit von Hort und Schule kann der gesamte Schulalltag der Kinder rhythmisiert werden. Das bedeutet, dass Phasen der Anspannung und Entspannung, also intensive Lern­- und Erholungsphasen, regelmäßig abwechseln. So passen sich nicht die Kinder dem Stundenplan an, sondern der Stundenplan orientiert sich an den Bedürfnissen und dem Biorhythmus der Kinder.
Hier können zum Beispiel Rituale wie ein Morgenkreis, das gemeinsame Frühstück innerhalb der Klassengemeinschaft und mit dem Lehrer oder die Hofpause helfen, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und gleichzeitig soziale Kontakte zu schaffen.

GTA mit hohem Potenzial

Die Koordinierung und Umsetzung von GTA ist für die Schulen eine anspruchsvolle Aufgabe, die oft Fragen aufwirft und Probleme mit sich bringt. Petra Geier, Referentin für Ganztagsangebote an Leipziger Schulen beim Landesamt für Schule und Bildung – Standort Leipzig, informiert und berät die GTA-­Koordinatoren der Schulen sowie die Schulleitungen, Antragsteller und alle Interessierten. Sie ist selbst Lehrerin und weiß, wie Schule funktioniert. „Die Schulen haben das Potenzial von GTA erkannt“, weiß sie aus ihren Vor­-Ort-­Besuchen in den Einrichtungen. „Inklusion, Integration und Migration sind tägliche Herausforderungen, denen sich Lehrer und Erzieher stellen müssen. GTA helfen dabei, weil individuelle Lösungen gefunden werden können.“

In den kommenden Jahren soll die Qualitätssicherung der GTA weiter in den Vordergrund rücken. Probleme, die dabei gelöst werden müssen, sind etwa Personalmangel und fehlende Räumlichkeiten. „Oft werden bei den GTA Honorarkräfte eingesetzt, die keinerlei pädagogische Kenntnisse haben“, erklärt Christoph Bülau. Hier müsse Abhilfe geschaffen werden, denn „GTA sollen einen Bildungsanspruch erfüllen und nicht nur Betreuungsmaßnahme sein.“

Was beim Ton formen im GTA Keramik an der Freien Grundschule Clara Schumann so spielerisch aussieht, beinhaltet diesen Bildungsanspruch. Denn neben Kreativität und Fantasie werden beim Arbeiten mit dem Naturmaterial auch Geduld und Fingerfertigkeit sowie Konzentration und Geschicklichkeit gefördert.

Beispiele für Ganztagsangebote (GTA)

Im sportlichen Bereich:
Fußball, Tanz, Yoga, Handball, Hockey, Artistik, Judo, Basketball
Im künstlerisch-musischen Bereich:
Keramik, Theater, Bibliothek

Im sprachlichen Bereich:
Englisch, Spanisch, Französisch, Latein, Arabisch

Im kreativen Bereich:
Upcycling, Handarbeit, Nähwerkstatt, Fotografieren, Kochen & Backen, Schach, Schulgarten

Im musikalischen Bereich:
Gitarre, Schlagzeug, Chor, Flöte, Percussion, Keyboard

Im sozialen Bereich:
Erste Hilfe, Streitschlichter, Computer

Übrigens: GTA gibt es nicht nur an Grundschulen, auch in Oberschulen, Förderschulen und Gymnasien gibt es entsprechende Angebote.

Von Anja Malek

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