Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Grundschulen in Leipzig Schulkleidung: Für das Wir-Gefühl, gegen Ausgrenzung
Mehr Schlingel & Familie Tipps & Themen Grundschulen in Leipzig Schulkleidung: Für das Wir-Gefühl, gegen Ausgrenzung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:36 24.01.2020
Bei der AHF-Grundschule gehört Schulkleidung ins Klassenzimmer. Quelle: André Kempner
Anzeige

Jeder hat in Deutschland das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit – auch Kinder. So will es das Grundgesetz. Schulen dürfen in Deutschland deshalb nicht einfach so das Tragen von Einheitskleidung verordnen. „Schuluniformen sind in Sachsen nicht vorgesehen“, erklärt Roman Schulz, Sprecher der Sächsischen Bildungsagentur. Seit Jahren gebe es aber einen gewissen Trend, dass Schulen in einer Corporate Identity (gemeinsamen Identität) nach außen wirken wollen.

„Manche Schule haben einheitliche Sweatshirts und ähnliches, um als Team beim Sport anzutreten. Oder beim Chor.“ Hinter dem gemeinsamen Schultextil stehe der Wunsch nach einem Gemeinschaftsgefühl, das jedoch eher abseits des Unterrichts zum Einsatz kommt. Anders als an der August-Hermann-Francke (AHF)-Grundschule in Leipzig. An der staatlich anerkannten Ersatzschule gehört die sogenannte Schulkleidung auch ins Klassenzimmer.

Anzeige

Gegen Markendruck und Selbstdarstellung

Wer es nicht weiß, dem fällt auf den ersten Blick nicht auf, dass die Schüler der AHF-Grundschule Schulkleidung tragen. Die Poloshirts in hell- und dunkelblau, rot oder grün, und mit dem Logo der Schule versehen, haben sie über ihre normale Kleidung gezogen. Ja, sie ähneln einander, vom gefürchteten strengen Einheitslook keine Spur.

Geschichte der Schuluniform

Ihren Ursprung hat die Schuluniform im 16. Jahrhundert in England. Eine Einrichtung für arme Kinder und Waisen war eine der ersten Schulen, die die einheitliche Kleidung einführte. Andere folgten ihrem Beispiel. Auch Schulen für Kinder wohlhabenderer Eltern. Diese jedoch mit dem Ziel, ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Auf England folgten vor allem durch den Commonwealth weitere Länder in der ganzen Welt. Darunter Indien, Australien, Singapur, Hongkong, Neuseeland, Zypern und Südafrika, wo sie bis heute nicht abgeschafft wurden. In den USA und Kanada sind Schuluniformen vor allem an privaten Schulen Pflicht. An den meisten staatlichen Schulen besteht hingegen oft eine Kleiderordnung. In Russland wurde die Schuluniform 2013 wieder eingeführt, in Japan ist sie an vielen privaten weiterführenden Schulen vorgeschrieben. Auch in Deutschland wird das Thema seit den Fünfzigerjahren immer wieder thematisiert – eine gesetzliche Regelung gibt es aber bis heute nicht. Eine Reihe von Schulen, vor allem private, verwenden heute einheitliche Schulkleidung, nicht jedoch eine Schuluniform. Meist ist das Tragen freiwillig und nicht zwingend vorgeschrieben.

Das ist gewollt, erklärt Steffen Schörner, Vorsitzender und Geschäftsführer des AHF-Schulträger-Vereins: „Wir wollen dem übertriebenen Markendruck und Selbstdarstellungsdrang entgegenwirken.“ Denn die freie Bekenntnisschule werde auch von Kindern aus sozial schwächeren Familien besucht. „Sie sind auf Second-Hand- beziehungsweise No-Name-Kleidung angewiesen“, so der 43-jährige Leipziger.

Wer mobben will, findet andere Schauplätze

Tragen alle das Gleiche, legen Kinder möglicherweise weniger Wert auf Markenkleidung und vergleichen sich weniger, erklärt die promovierte Psychologin Katrin Gottlebe vom Institut für Bildungswissenschaften der Uni Leipzig die Wirkungskette. Das Prinzip funktioniere aber nicht zwangsläufig andersherum. „Letztlich kann ein negatives Schulklima, das durch Mobbing und Ausgrenzung bestimmt ist, nicht durch einheitliche Kleidung geheilt werden.“ Konflikte würden dann einfach auf andere „Schauplätze“ verschoben. Denn wer auf Mobbing aus sei, findet auch andere Ansatzpunkte.

Quelle: André Kempner

Dessen ist sich auch Steffen Schörner bewusst: „Sie messen sich dann an ihren Smartphones oder anderen Statussymbolen.“ Schulkleidung für alle verbindlich in der Schulordnung festzuhalten, finde er dennoch richtig und wichtig. „Alle Menschen sind wertvoll sind, egal welchen finanziellen Hintergrund sie haben. Diesen Gedanken wollen wir einpflanzen.“ Und das am besten so früh wie möglich. Auch wenn das Thema Kleidung bei Grundschülern noch keine große Rolle spiele.

Erst in der Sekundarstufe wirklich ein Thema

„Kinder im Primarschulbereich haben noch nicht den Anspruch, sich durch ihre Kleidung selber ausdrücken zu wollen“, erklärt Psychologin Katrin Gottlebe. Hier gehe es in erster Linie darum, Kompetenzen im schulischen und sozialen Bereich aufzubauen, weniger um das Vergleichen der eigenen Kleidung mit der der anderen. „Kleidung als Ausdruck von Identität wird erst im Sekundarschulbereich durch neue Entwicklungsaufgaben prominent.“

Zwar gebe es keine empirischen Studien mit eindeutigen Ergebnissen, so Gottlebe. Es würden aber positive Auswirkungen auf mehreren Ebenen vermutet. Beispielsweise auf den Unterricht selbst. So seien Schüler und Lehrer durch einheitliche Schulkleidung weniger abgelenkt und könnten entsprechend konzentrierter an ihre Arbeiten herangehen. Dass bestätigt auch AHF-Geschäftsführer Schörner. Dass seine Schüler in ihrer Individualität eingeschränkt seien könnten, kann er nicht sagen. „Unsere Eltern schätzen, dass die Garderobe am Morgen begrenzt ist. Und die Kinder sind in der Regel stolz auf ihre Schule. Das überwiegt.“

Weniger Vorurteile bei Lehrern

Auch das Verhalten der Lehrer könnte durch einheitliche Kleidung Einfluss nehmen. Sie hätten unter Umständen weniger Vorurteile und würden entsprechend weniger falsche Beurteilungen treffen, vermutet Gottlebe. „Wir wissen aus Studien, dass Lehrpersonen häufig von äußeren Merkmalen auf die Leistung der Schüler schließen.

Quelle: André Kempner

Wir kennen hier zum Beispiel den Halo-Effekt, bei dem von einem Merkmal auf andere Merkmale geschlossen wird. So wird dann zum Beispiel dem hübsch gekleideten Kind auch eine bessere Schulleistung zugeschrieben“, erklärt die Expertin.

Schulkleidung muss bezahlbar sein

Um Eltern nicht erneut vor Probleme zu stellen und Familien mit niedrigerem Einkommen nicht zu benachteiligen, müsse Schulkleidung gestellt werden, findet Katrin Gottlebe. Deswegen bekommen die Schüler der freien AHF-Grundschule ein fünfteiliges Starter-Paket zur Einschulung. Wer etwas anderes will oder braucht, kann es über die Schule bestellen. „Nach anfänglichen Startschwierigkeiten machen wir unsere Kleidung selbst. Nur so können wir die Produktionskette von Anfang bis Ende verfolgen und eine nachhaltige Qualität garantieren“, berichtet Steffen Schörner.

Dafür habe man einen Partner aus dem Berufsbekleidungsbereich gefunden. Das Gewebe sei entsprechend fest und langlebig. „Es ist geeignet, täglich gewaschen zu werden.“ Den Preis von 24 Euro pro Shirt finde er entsprechend gerechtfertigt. Immerhin halte ein solches T-Shirt auch unter „Extrem-Gebrauch“ ein bis zwei Jahre. Außerdem gibt es auch einen Second-Hand-Bereich. Seien die einen herausgewachsen, geben sie die Kleidung an die Kleineren weiter.

Drei Schulen - drei Meinungen

Steffen Schörner, Vorsitzender und Geschäftsführer des AHF-Grundschulvereins: „Die gemeinsame Schulkleidung ist in unserem Schulvertrag verbindlich festgeschrieben. Damit wollen wir dem übertriebenen Markendruck und Selbstdarstellungsdrang entgegenwirken und gleichzeitig sagen: Alle Menschen sind wertvoll, egal welchen finanziellen Hintergrund sie haben. Unsere Eltern schätzen, dass die Garderobe am Morgen begrenzt ist. Und die Kinder sind in der Regel stolz auf ihre Schule.“

Katleen Schkölziger, Schulleiterin der Grundschule am Montessori-Schulzentrum Leipzig: „Jährlich werden mit Hilfe des Schulfördervereins T-Shirts, Hoodies und Trinkflaschen bereitgestellt, die Schulname und Logo enthalten. Alle Erstklässler erhalten zur Einschulung ein T-Shirt. Alle anderen Dinge können nach Wunsch und Bedarf gekauft werden. Die T-Shirts werden generell und selbstverständlich bei sportlichen Wettkämpfen oder Schulveranstaltungen getragen. Sie dienen einer stärkenden Identifizierung mit der Schule. Eine verpflichtende einheitliche Schulkleidung oder -uniform gibt es nicht. Das empfinden wir als zu starr und einengend, aber auch als zu sehr 'herausgehoben' im Vergleich zu anderen Schulen in Deutschland. Unsere Haltung zum Thema basiert auf einem Beschluss der Schulgemeinschaft.“

Johanna Brückner, stellvertretende Schulleiterin der DPFA-Regenbogen-Grundschule Leipzig: „Bei uns bekommen die Kinder zum Schulstart T-Shirts in Regenbogenfarben. Über den Förderverein kann man weitere Kleidungsstücke bestellen. Einige Kinder tragen die Sachen regelmäßig. Auch bei Festen und Ausflügen kommen sie zum Einsatz. Das verstärkt das Gefühl der Gemeinschaft und ist ein Zeichen von Wir-Gefühl. Die Regenbogenfarben, die Buntheit spiegelt dennoch die Verschiedenheit und Vielfalt. Einen richtigen Zwang wollen wir nicht, wir sind gegen Gleichmacherei und wollen, dass sich jeder wohlfühlt.“

Von Uta Zangenmeister