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Grundschulen in Leipzig Ungeliebte Pflichtübung
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10:18 11.10.2019
Hausaufgaben halten Kinder und Eltern gleichermaßen auf Trab. Wir geben Tipps, wie die Pflichtübung leichter fällt. Quelle: pixabay / StockSnap

Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Ein Satz, der aus dem Vokabular fast aller Eltern nicht wegzudenken ist. Schließlich bringen schon Erstklässler nach einem Schultag nicht nur neue Buchstaben und Zahlen, sondern häufig auch extra Lernaufgaben mit nach Hause. Hört man sich unter Leipziger Familien um, verläuft das Kapitel selten völlig reibungslos, sorgen Hausaufgaben stattdessen zuverlässig für Stress. Und so beschleicht so manches Kind (und manchen Erwachsenen) die Frage: Muss das sein?

Die Diskussion ist für Roman Schulz, Sprecher des Sächsischen Landesamtes für Schule und Bildung, nicht neu. „Das Thema begleitet uns seit Jahren und das wird sicherlich auch in Zukunft so bleiben.“ Es liegt in der Natur der Sache, dass Lehrer, die die Hausaufgaben aufgeben, diese anders bewerten als Schüler, die sie machen müssen. „Wir in Sachsen halten Hausaufgaben, die alters-, fach- und schulartgerecht gestaltet sind, aber für pädagogisch richtig“, stellt sich Schulz eindeutig auf die Seite der Befürworter. Denn Schüler bekämen dadurch die Möglichkeit, Lerninhalte zu wiederholen, zu festigen und zu vertiefen.

Was Hausaufgaben leisten können – und was nicht

„Hausaufgaben dienen dazu, die Lernzeit über den Unterricht hinaus zu verlängern und den Abstand, in dem sich Schüler mit einem Inhalt befassen, zu verkürzen“, erklärt Dr. Georg Biegholdt, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Grundschuldidaktik an der Universität Leipzig. Das Auswendiglernen von Malfolgen oder das Absolvieren von Schreibübungen sind hier gängige Beispiele. Auch Aufgaben in Vorbereitung auf den Unterricht sind möglich, wie etwa das Anfertigen von Sammlungen oder eine Rechercheaufgabe.

Wie effektiv Hausaufgaben sind, hat vor allem mit ihrer Qualität zu tun. Im Idealfall bereiten sie sogar Freude. „Wenn ich mich mit etwas beschäftige, das mich wirklich interessiert, auf eine Art und Weise, die mir Spaß macht, ist das motivierend. Genau wie das Ergebnis: Das positive Gefühl, das sich daraus ergibt, etwas mit Anstrengung gelernt zu haben – also etwas zu wissen, was man vorher nicht wusste, etwas zu können, was man vorher nicht konnte – ist nicht zu unterschätzen.“

Hausaufgaben sind laut Biegholdt aber nicht dafür gedacht, im Unterricht nicht Geschafftes nachzuholen. Wenn Hausaufgaben erteilt werden, sei deshalb in jedem Fall sicherzustellen, dass die Schüler sie selbständig lösen können. „Für Eltern ist es zurecht frustrierend, wenn sie ihren Kindern immer wieder die Aufgaben erklären und womöglich zudem inhaltlich Hilfestellung geben müssen – das ist Job der Lehrkraft“, betont er. Hausaufgaben als Mittel der Strafe einzusetzen sei aus Sicht des Experten ebenfalls wenig zielführend, genau wie das Aufgeben individueller Zusatzübungen, um Lerndefizite auszugleichen. „Hier heißt es oft: ‚Du musst mehr üben‘. Meist fehlt jedoch die Voraussetzung für sinnvolles Üben, nämlich das Verstehen.“

Wie Leipziger Grundschulen damit umgehen

In Leipzigs Grundschullandschaft wird das Thema ganz unterschiedlich gehandhabt. Es gibt Schulkonzepte, die komplett auf Hausaufgaben verzichten, wie die Freie Schule Leipzig. Die DPFA-Regenbogenschule, eine Schule in freier Trägerschaft, kommt ebenfalls mit keinen beziehungsweise nur sehr wenigen Hausaufgaben aus. „Wir sind eine Ganztagsschule und betreuen die Kinder täglich bis mindestens 15.30 Uhr. Nach dem Schultag sollen unsere Schüler keine Aufgaben für die Schule mehr erledigen müssen. Es gibt allerdings Lerninhalte, zum Beispiel Vokabeln, die natürlich der Übung zu Hause bedürfen. Das sollte dann aber spielerisch und nur von kurzer Dauer sein, das heißt maximal zehn Minuten pro Tag“, erläutert Schulleiterin Karen Brunner. Für den überwiegenden Teil der Grundschüler an der Pleiße gehört der Blick ins Hausaufgabenheft jedoch dazu. Wie viel und was genau dann da drin steht, hängt vom jeweiligen Lehrer ab. Die Bandbreite ist groß: „Es gibt durchaus Lehrkräfte, die Hausaufgaben erteilen, weil das ‚einfach dazugehört‘, ohne sich über Sinn oder Unsinn Gedanken zu machen. Es gibt aber auch viele Lehrkräfte, die Hausaufgaben gezielt und sinnvoll, aber sparsam, einsetzen. Dass deren Schüler am Ende weniger wissen oder können, lässt sich empirisch übrigens nicht belegen“, stellt Georg Biegholdt fest.

So können Eltern ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen

5 Tipps von  Dr. Georg Biegholdt:

  • Die Kinder sollten zu Hause über einen eigenen Arbeitsplatz zur ungestörten Erledigung verfügen.
  • Hilfreich sind klare Absprachen zum Zeitpunkt: Er sollte weder direkt nach dem Unterricht liegen, noch erst am späten Nachmittag oder Abend – welcher Zeitpunkt am günstigsten ist, sollte ausgetestet werden, das ist bei Kindern unterschiedlich.
  • Keinesfalls sollten sich Eltern die ganze Zeit danebensetzen, womöglich drängeln oder ständig Ratschläge erteilen – so lernt das Kind nie, selbstständig dieser Pflicht nachzukommen. aber in der Nähe sollten sie schon sein, um im Bedarfsfall als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.
  • Wenn Eltern sich gezwungen sehen, das Kind tagtäglich für die Hausaufgaben zu motivieren, läuft etwas schief: Dafür hat die Lehrkraft zu sorgen, die die Hausaufgaben so gestaltet, dass sie durchaus herausfordernd sind ohne zu überfordern, dass sie interessant sind, dass sie dem Kind einen spürbaren Lernzuwachs verschaffen.
  • Wenn Eltern den Bedarf sehen, mit ihrem Kind zusätzlich etwas für die Schule zu tun, so sollten sie keine weiteren Hausaufgaben selbst erteilen, sondern ihre Bemühungen spielerisch in den Alltag integrieren. Dies ist nicht nur für das Kind motivierender, sondern stärkt wegen der damit verbundenen intensiven Interaktion auch die Beziehung zwischen Kind und Eltern.

Um die Hausaufgaben zu erledigen, bieten die Schulhorte der Stadt in der Regel eine Hausaufgabenbetreuung an. Das entlastet insbesondere berufstätige Eltern und Alleinerziehende. Von Vorteil ist zudem, dass sich die Schüler untereinander helfen können.

Das setzt allerdings voraus, dass bestimmte Qualitätskriterien erfüllt sind. Biegholdt zählt auf: Die Kinder sollten ihre Hausaufgaben ungestört an einem geeigneten Arbeitsplatz erledigen können. Die Horterzieher sollten die Hausaufgabenzeit nicht nur beaufsichtigen, sondern den Schülern mit „didaktischer Zurückhaltung“ zur Verfügung stehen und eng mit den Lehrern vernetzt sein. Wichtig außerdem: klare Absprachen. „Eltern möchten, wenn sie ihr Kind um 16 oder 17 Uhr vom Hort abholen nicht täglich darauf gespannt sein müssen, ob die Hausaufgaben erledigt wurden oder nicht.“ Vollständig auf die Schule verlassen sollten sich Eltern dennoch nicht, rät der Experte. Weil sie sonst noch weniger über das Lernen ihres Kindes erfahren. „Eltern sollten sich – insbesondere zu Beginn der Schulzeit und auch, wenn die Hausaufgaben im Hort erledigt werden – dafür interessieren, sie sich erklären lassen und erfragen, was das Kind dabei gelernt hat. Es ist allerdings nicht ihre Aufgabe, die Hausaufgaben auf Richtigkeit zu kontrollieren oder gar wiederholen zu lassen.“ Denn für Lehrer könne die Qualität der Hausaufgabenerledigung eine Rückmeldung über den Wissensstand der Schüler darstellen. „Bringen Eltern jedoch alles ‚in Ordnung‘ kann sich schnell die Illusion einstellen, dass tatsächlich alles in Ordnung sei.“

Dürfen Hausaufgaben benotet werden?

Da Lehrer nie genau wissen, unter welchen Umständen die Hausaufgaben erledigt wurden – seien es widrige wie Zeitmangel oder positive wie Hilfe durch die Eltern – spricht sich Biegholdt klar gegen eine Benotung aus. In der Praxis kommt es dagegen schon vor, dass Hausaufgaben zensiert werden. „Das liegt in der pädagogischen Freiheit der Lehrer und wird entsprechend unterschiedlich gehandhabt“, sagt Roman Schulz. Selbstverständlich sollten Hausaufgaben nicht den Schwerpunkt der Fachnote ausmachen, sollte eine solche Bewertung ein Einzelfall bleiben. Trotzdem, so die Meinung des ausgebildeten Lehrers, könne man durchaus mal eine gute Note vergeben, wenn sich ein Schüler bei einer Hausaufgabe besonders hervortue, als Belohnung sozusagen. Auch eine Note für eine längerfristige, umfangreiche Hausaufgabe gehe für ihn in Ordnung – sofern die Lehrer das von Anfang an so angekündigt hätten.

Die weiteren Teile der Grundschulserie finden Sie hier.

Schwieriger wird es, wenn Hausaufgaben wiederholt nicht gemacht wurden und die nicht erbrachte Leistung zu einer schlechten Note führt. „Das ist eine strittige Frage, dazu gibt es keine einheitliche Regelung“, räumt Schulz ein. Die sächsische Bildungsagentur empfehle den Lehrern, erst mal mit einem Verwarnsystem zu arbeiten. „Wer also zweimal seine Hausaufgaben vergisst, erhält die gelbe Karte und es erfolgt eine Mitteilung an die Eltern. Bessert sich das nicht, wirkt sich das vorrangig auf die Kopfnote aus.“

Wenn Hausaufgaben zum Problem werden

Als wesentlich belastender empfinden Eltern oftmals das Pensum der Hausaufgaben, wie Michael Gerhardt vom Stadtelternrat Leipzig berichtet. Schließlich gehen viele Kinder nach Schulschluss noch Hobbys wie Sport oder Musik nach und bei nicht wenigen Familien beschränkt sich die gemeinsame Freizeit auf das Wochenende. „Wenn Lehrer darauf keine Rücksicht nehmen und darauf drängen, dass Hausaufgaben unbedingt und vollständig erledigt werden müssen, sitzen Schüler gern bis abends oder selbst am Sonntag am Schreibtisch. So verderben sie den Kleinen zu schnell die Lust auf Schule. Das ist bedauerlich“, beklagt der Vorsitzende des Arbeitskreises Grundschule. Dabei geht es auch anders: „Es gibt Lehrer, die für das Erledigen der Hausaufgaben zeitliche Richtwerte vorgeben. Werden diese überschritten, sollen die Kinder aufhören zu arbeiten, selbst wenn sie nicht fertig geworden sind. Das erleben wir als positiv.“
Neben Zeit kosten Hausaufgaben manchmal auch Nerven. Wenn es gar nicht klappt, sollten Eltern nach Meinung von Georg Biegholdt lieber abbrechen, bevor ihr Kind total frustriert ist, und dem Lehrer eine Mitteilung zukommen lassen, dass man an jener Stelle einfach nicht weitergekommen ist. Bei Problemen den Kontakt zur Lehrkraft zu suchen, sei ohnehin der beste Weg. „Wenn Eltern Hausaufgaben über einen längeren Zeitraum als zu schwer, zu umfangreich, als reine Beschäftigungstherapie oder demotivierend wahrnehmen, sollten sie darüber zuallererst mit der Lehrkraft ins Gespräch kommen. Mit dem Kind darüber zu sprechen, bringt dieses in einen Konflikt: Die Lehrkraft ist für das Kind eine Vertrauensperson und ein gutes Verhältnis zu ihr bedeutsam für den Lernerfolg in der Schule.“

Ein Blick in die sächsische Schulordnung für Grundschulen (Paragraf 20):

(1) Hausaufgaben sind so vorzubereiten und zu stellen, dass die Schüler sie ohne außerschulische Hilfe in angemessener Zeit bewältigen können. Umfang und Schwierigkeitsgrad der Hausaufgaben sollen dem Entwicklungsstand des einzelnen Schülers angepasst werden.

(2) Hausaufgaben werden im Unterricht besprochen und überprüft.

(3) Ferien sind von Hausaufgaben freizuhalten

Von Constanze Dietsch

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