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Grundschulen in Leipzig Unterrichtsvermittlung an Leipzigs Grundschulen
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09:08 15.05.2019
Frontalunterricht ist eine gängige Form der Wissenvermittlung in deutschen Schulen. Quelle: Kzenon/Fotolia.com

Die Sonne scheint durch die Fenster ins Klassenzimmer der 1B, an die Tafel sind mit Kreide liebevoll ein Frühlingsbild sowie das Motiv eines Clowns für den Buchstaben C gemalt, die Tische und Stühle stehen in geraden Reihen – klassisch mit Blick zur Tafel.

„Wir arbeiten bei uns viel im Klassenverbund, das Klassenzimmer ist frontal ausgerichtet“, erklärt Nina Luckner von der Freien Waldorfschule in Leipzig. „Für viele Schüler ist es gut zu wissen, wo rechts und links ist, vorne und hinten – vor allem für die Kleinsten.“

Alles hat seine Ordnung: Lehrerin Nina Luckner von der Freien Waldorfschule in Leipzig setzt bei ihren Grundschülern auch auf „frontale“ Elemente. Quelle: Thomas Bothe

Die Klassenlehrerin führt heute durch die Schule im Norden Leipzigs, vorbei an Selbstgehäkeltem und Selbstgefärbtem, durch Zimmer mit Webstühlen, durch Eisen- und Holzwerkstatt. Doch sogar hier wird heutzutage nicht den ganzen Tag gesungen und im Schulgarten gearbeitet, auch in alternativen Schulformen finden sich „frontale“ Elemente wieder.

„Die Erfahrung zeigt einfach, dass es beim Einführen von neuem Stoff wichtig ist, dass die Aufmerksamkeit aller auf dem Thema ruht.“ So könnten zum Beispiel Experimente erst frontal erklärt und dann selbstständig durchgeführt werden.

Von wegen „Wenn alles schläft und einer spricht: Dieses nennt man Unterricht.“ Dieses Zitat unbekannten Ursprungs halten die einen für lustig, den anderen vergeht das Lachen.

Wer sich unter den Eltern angehender Grundschüler umhört, der erhält mancherorts den Eindruck, an staatlichen Schulen hätte sich seit Jahrzehnten nichts verändert.

Auf der einen Seite stehen Vorstellungen von stundenlangem Frontalunterricht in Stille, mit einem autoritären Lehrer, der Vokabeln und Formeln in Köpfe eintrichtert.

Auf der anderen Seite stehen alternative Schulformen mit freigeistigen Schülern und Pädagogen, Unterricht in der Natur und Projektarbeit laut lachender Kinder.

Dabei haben sich die Regelschulen schon lange weiterentwickelt und auch die freien Schulen nutzen „frontale“ Varianten – und zwar dort, wo es Sinn ergibt.

Verpönte Unterrichtsform

Das schlechte Image des Frontalunterrichts, das ihm besonders in den Neunzigerjahren in Ostdeutschland anhaftete, hat laut Roman Schulz, Sprecher des Sächsischen Landesamtes für Schule und Bildung, eine einfache Erklärung: „Vor dem Hintergrund der DDR-Schulen und der dortigen Politisierung und Indoktrinierung haben die Menschen ihren berechtigten Unmut über das System auf dieser Methode abgeladen.“

Da diese Unterrichtsform auch während der nationalsozialistischen Vergangenheit sowie im preußisch geprägten, kaiserlichen Deutschland vorherrschte, wurde sie als veraltet und pädagogisch nicht zeitgemäß abgelehnt.

Aber die Zeiten hätten sich geändert, so Schulz. Während Lehrer vor 100 Jahren noch die einzige Wissensquelle für viele Schüler darstellten und gleichzeitig Grundtugenden wie Disziplin von Haus aus mitgegeben wurden, seien die heutigen Anforderungen an die Pädagogen andere.

„Mit der Demokratisierung und auch Medialisierung sind die Lehrer eher Prozessbegleiter, Mediatoren“, sagt Schulz. Und manchmal auch Sozialpädagogen. Die allermeisten Lehrer in Sachsen würden diese unterschiedlichen Rollen auch erfüllen.

Kein „Richtig“ oder „Falsch“

Dabei helfe die große Methodenvielfalt, die das sächsische Schulsystem ermögliche. Denn: In den sächsischen Lehrplänen sind keine Lehr- oder Unterrichtsformen verbindlich vorgesehen, dort werden ausdrücklich nur die Lernziele und Lerninhalte festgelegt. Oder wie Roman Schulz es sagt: „Alles ist möglich, was zum Ziel führt – und Spaß macht.“

Diese grundsätzliche Freiheit im Unterricht bestätigt auch Prof. Katrin Liebers, Professorin für Grundschulpädagogik an der Universität Leipzig.

Kinder lernen durch unterschiedliche Methoden und Sinneserfahrungen. Quelle: pixabay.com

„Es gibt eigentlich keine richtigen und falschen Methoden, es geht um die für den jeweiligen Lerninhalt und das jeweilige Kind angemessenen Methoden“, erklärt sie. „Wenn ich systematisches Wissen mit Kindern aufbauen möchte, sind zum Beispiel Methoden wie direkte Instruktion durch einen Lehrervortrag, ein Unterrichtsgespräch oder Wiederholen wichtig. Wenn ich das Können unterstützen möchte, braucht es Methoden wie situiertes Lehren, problemlösenden Unterricht, Werkstattunterricht und Planspiele. Und wenn ich überfach liche Kompetenzen fördern möchte, kann ich das durch offenen Unterricht oder selbstständige Teamarbeit anregen.“ Das schließe Frontalunterricht aber nicht aus.

Werkzeugkasten fürs spätere Leben vermitteln

Die umfassende Wissens- und Kompetenzentwicklung, die der sächsische Lehrplan vorsieht, bedarf jedoch unterschiedlicher Ansätze. Schüler sollen neben den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen einen großen Werkzeugkasten für ihr Leben erhalten: situationsangemessene, partnerbezogene Kommunikation, fachliche Methoden, Lern- und Arbeitstechniken, das mehrperspektivische Erfassen von Themen und Probleme und vieles mehr.

Hier hat die Waldorfpädagogik mit ihrem ganzheitlichen Ansatz einen klaren Vorsprung. So wird beim Herstellen von Salzteigbuchstaben in der Gruppe das Alphabet mit konkreten Sinneserfahrungen verknüpft, beim Rechnen mit Kastanienkästen in Partnerarbeit gehen Summen und Differenzen ebenfalls Hand in Hand mit der haptischen Wahrnehmung.

„In der Waldorfschule dreht sich vieles um Kreisläufe, wenn beim Partner-Bauernhof der Weg des Korns vom Pflügen und Säen bis zum Brot begleitet wird oder die älteren Jahrgangsstufen in Handarbeit Stofftaschen nähen, die später an die Grundschüler weitergegeben werden“, erklärt Lehrerin Nina Luckner. Dieses verknüpfte und emotionale Lernen gilt als sehr nachhaltig.

Regelschulen mit ambitionierten pädagogischen Ansätzen

Diese Herangehensweise ist auch an Regelschulen möglich: Unterrichtsformen von Projekt- und Gruppenarbeit über differenziertes Selbstlernen oder Lerntheken bis hin zur Freiarbeit.

„An vielen Grundschulen herrscht da eine erfrischende Lockerheit“, sagt Schulsprecher Schulz. Manche Schulen verfügten über ein Etagensystem, bei dem mehrere Klassen stufen zusammen auf einer Etage in Deutsch- oder Mathe-Bereichen arbeiteten.

„Viele staatliche Grundschulen, die ich kenne, verfolgen ambitionierte pädagogische Ansätze“, betont Katrin Liebers. „Dennoch könnten staatliche Grundschulen hier vermutlich noch innovativer sein.“ Denn gerade in Leipzig wählten aufgrund der offeneren Ansätze besonders viele Eltern private Grundschulen für ihre Kinder.

Auch Roman Schulz weiß: Im System Schule gelten die gleichen Regeln wie im Rest der Gesellschaft. Es gibt eifrige und innovative Lehrer und solche, die seit Jahrzehnte an ihren altbewährten Methoden festhalten.

Gleichzeitig habe in den vergangenen Jahren bereits im Zuge eines allgemeinen Generationenwechsels eine große Veränderung der Lehrerschaft stattgefunden: „In Sachsen wurde vor allem in den Grundschulen relativ viel eingestellt, die Kollegien sind durchmischter“, so Schulz. Das bedeute nicht, dass ältere Kollegen schlecht und jüngere die Überflieger seien. Aber die richtige Mischung aus Innovation und Erfahrung tue den Schulen gut.

Es gibt Wichtigeres als die Unterrichtsform

Die Unterrichtsvermittlung ist jedoch nur ein Aspekt des erfolgreichen Lernens. Denn: „Für den Lernerfolg sind die Tiefenstrukturen des Unterrichts wichtiger als das, was wir oberflächlich im Unterricht sehen können“, sagt Professorin Liebers. „Zu den Tiefenstrukturen, die wir nicht gleich erkennen, gehört zum Beispiel die erfolgreiche Klassenführung und die inhaltliche Klarheit, die kognitive Aktivierung der Schülerinnen und Schüler sowie auch die Qualität der Rückmeldungen, die Lehrerinnen und Lehrer geben.“

Das gelte für alle Unterrichtsformen. So ist eine in appetitliche Acht- bis Zehn-Minuten-Blöcke unterteilte Grundschulstunde mit Bewegung, Spiel, Gruppen- sowie Einzelarbeit modern und fortschrittlich. Wenn aber aufgrund von Vorbereitung und schicken Arbeitsblättern keine Zeit mehr für ein individuelles Feedback übrigbleibe, nützt das beste Konzept nichts mehr.

An welcher Schule welcher Geist herrscht, ist und bleibt auch heute noch eine Art Glücksspiel für die Kinder – und ihre Eltern. Jahre vor der Einschulung sollten diese sich informieren über alternative Schulformen und die möglichen Grundschulen in ihrem Schulbezirk.

Eine Garantie, dass am Ende Kind und Lehrer harmonieren, gibt es leider nicht. Doch eines sollte laut Nina Luckner klar sein: „Im Mittelpunkt steht immer das Kind und seine gesunde Entwicklung.“

Von Thomas Bothe

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