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Verlosung Eine Ja-Umgebung für alle schaffen - Nora Imlau im Interview
Mehr Schlingel & Familie Verlosung Eine Ja-Umgebung für alle schaffen - Nora Imlau im Interview
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17:30 30.10.2019
Das Buch "Mein kompetentes Baby" von Nora Imlau ist 2016 im Kösel Verlag erschienen. Darin beschreibt sie, wie Kinder bereits im Babyalter zeigen, was sie brauchen und wie Eltern am besten auf ihren Nachwuchs eingehen sollten.
Leipzig

Ist man früher davon ausgegangen, dass ein bisschen Schreien nicht schadet, werden Eltern heute darauf getrimmt, die Bedürfnisse ihrer Kinder möglichst schnell und uneingeschränkt zu erfüllen. Warum ist das so wichtig? Wo gibt es Grenzen? Bindungsexpertin Nora Imlau findet Antworten.

Uta Zangemeister: Frau Imlau, woher kommt dieses Umdenken?

Nora Imlau: Tatsächlich ist es so, dass es im 19. / 20. Jahrhundert sehr modern war, mit Rhythmen zu arbeiten. Es war die Zeit der Industrialisierung, man arbeitete in Schichten. Auch Kinder sollten auf Regelmäßigkeiten getrimmt werden. Also stillten Mütter alle vier Stunden und nachts gar nicht. Dabei blieb bei vielen Frauen die Milch aus und sie mussten zufüttern. Mit den biologischen Bedürfnissen hatte das nie etwas zu tun. Die Rückbesinnung kam in den Siebzigern.

Auch in der Entwicklungspsychologie gab es einen Paradigmenwechsel?

Ja, vom Behaviorismus, also der Konditionierung des Kindsverhaltens, hin zur Bindungstheorie. Sie besagt, dass es für die gesunde Entwicklung eines Kindes wichtig ist, dass auf seine Bedürfnisse geachtet wird. Nicht nur auf die körperlichen, sondern auch auf die seelischen. Es braucht sichere Bindungserfahrungen. Bindung entsteht, indem ein Kind ein Bedürfnis äußert und die Bezugsperson prompt und angemessen darauf reagiert.

Was heißt angemessen?

Das ist oft eine Frage der Kultur. In vielen Naturvölkern wird schnell reagiert, ohne hektisch zu werden. Man ignoriert das Bedürfnis des Kindes aber nicht bewusst aus pädagogischen Gründen. Wenn ich aber Mutter von mehreren Kindern bin, ist es schwer, immer gleich zu reagieren. Dann ist es wichtig, dass ich dem Kind zugewandt bin und mit ihm spreche: Gleich bist du dran. Den feinen Unterschied spüren Kinder. Sie merken, meine Bedürfnisse sind wichtig und werden erfüllt. Aber manchmal muss ich eben auch warten. Leider ist dieses intuitive Gefühl in unserer Gesellschaft oft verloren gegangen. Viele haben diese zwei Stimmen im Kopf: Du kannst nicht bei jedem Mucks springen. Und auf der anderen Seite: Du musst dich aber kümmern und bist nicht schnell genug. So hat man ständig das Gefühl, abgehetzt zu sein. Das ist gut gemeint, aber die Gelassenheit ist uns dabei verloren gegangen.

Ist es also mehr Fluch als Segen, dass wir heute so viel über Bindung wissen?

Der Segen überwiegt. Wenn man sich anguckt, wie Kinder in den Fünfzigern aufgewachsen sind – in oft ganz distanzorientierten Erziehungsmodellen. Da ist viel Leid über Familien gekommen. Trotzdem gibt es heute eine neue Art von Stress. Viele Eltern sind sehr perfektionistisch. Beim „Stillen nach Bedarf“ machen manche daraus: Wenn das Baby einen Mucks macht, muss es an die Brust. Aber Babys können ja nicht nur Hunger haben. Manchmal suchen sie vielleicht Nähe. Dann hilft es, zu kuscheln oder das Kind in die Babytrage zu nehmen. Dabei muss ich einem Baby aber auch etwas Zeit geben, auf ein Angebot zu reagieren.

In der Debatte zum Thema Schreien geraten Eltern schnell unter Druck. Sie haben das Gefühl, ihr Kind dürfte am besten gar nicht mehr weinen.

Ich bin selber eine große Advokatin, ein Baby nicht alleine schreien zu lassen. Kleine Kinder können sich schlecht selber beruhigen, gerade wenn sie Stress haben. Deshalb ist es richtig, gegen das Schreien anzugehen. Oft kann man aber auch beobachten, dass Kinder gar nicht weinen dürfen. Das ist ganz verkehrt. Ein Baby muss ja auch zum Ausdruck geben können, dass es ihm nicht gut geht. Manchmal kann ich das schnell beheben, manchmal nicht. Wenn das Baby beispielsweise besonders viele Reize aufgenommen hat. Gebe ich dann das Gefühl, dass es nicht mehr schreien soll, nehme ich ihm ein wichtiges Ventil. Das ist für Eltern eine schwierige Lektion: Aushalten, dass mein Baby vielleicht Stress oder Frust loswerden muss. Dann muss ich das begleiten. Kinderweinen ist niemals bedeutungslos, aber es gehört zum Menschsein dazu, die ganze Palette der Gefühle zu haben.

Beim „Stillen nach Bedarf“ gehen die meisten noch mit, beim Dauertragen und schlafen im Familienbett geraten viele an ihre Grenzen. Sind sie die schlechteren Eltern?

Nein. Es ist absolut menschlich, beim Elternsein an die eigenen Grenzen zu kommen. Ich halte es für ganz wichtig, im Familienleben eine gesunde Balance der Bedürfnisse aller anzustreben. Es ist eine große Herausforderung, Wege zu finden, diese teils widersprüchlichen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Kleine Neugeborene sind zu 100 Prozent abhängig, sie können wenig aufschieben. Da ist es normal, eigene Bedürfnisse hinten anzustellen. Oft finden Eltern aus diesem Modus jedoch nicht mehr heraus. Auch wenn der Nachwuchs älter wird und einen Bedürfnisaufschub tolerieren kann. Für das Kind ist es wichtig, zu erfahren, dass auch andere Menschen Bedürfnisse haben. Das versteht es auch schon mit ein oder zwei Jahren. Passiert das irgendwann abrupt, ist das für die Kinder oft ganz schlimm. Sie wollen ja nicht die Familie dominieren. Sie haben nur nie das Signal bekommen, dass es auch andere Bedürfnisse gibt. Dann wehren sie sich. Und man selbst hat tatsächlich das Gefühl, man kann Kinder verwöhnen und dann hat man kleine Tyrannen.

Was ist die Alternative?

Ganz graduell schon im Babyjahr auf die eigenen Bedürfnisse achten. Beim Thema „Schlafen“ sollte man sich fragen: Geht es allen gut damit, dass das Kind mit uns in einem Zimmer schläft? Oder belastet es uns? Dann kann ich sanft und schrittweise versuchen, etwas zu ändern. So kann das Kind im eigenen Zimmer einschlafen und in der Nacht ins Elternbett geholt werden, wenn es das braucht. Oder man stellt ein großes Bett ins Kinderzimmer. Dann ist man beim Einschlafen dabei. Ähnlich ist es beim Stillen: Was bringe ich meinem Kind bei, wenn ich meine körperlichen Grenzen stets überschreite? So kann man mit anderthalb schon Regeln aufstellen: Abends und morgens im Bett wird gestillt, tagsüber nicht. Den aufkommenden Frust kann man begleiten.

Wann hört die reine Bedürfnisbefriedigung auf, wann fängt Erziehung an?

Da kann man keine Altersgrenzen definieren. Das ist ein Prozess. Selbst im Wochenbett gibt es Dinge, zu denen ich sage: bis hierhin und nicht weiter. Eltern rutschen schnell in die Selbstaufgabe. Vergessen, auf die Toilette zu gehen oder was zu trinken. Doch was ist Erziehung? Im positiven Sinne tauscht man sich über Grenzen aus, das passiert von Geburt an und verändert sich mit den Monaten.

Mit dem Krabbeln begeben sich Babys auf Entdeckungstour: Die Steckdose oder empfindliche Gegenstände werden spannend. Der Reflex vieler Eltern schreit nach einem Nein. Experten raten davon ab. Warum?

Der Explorationsdrang eines Kindes ist ganz wichtig. Das nimmt man ihm, wenn man es ständig mit einem Nein begrenzt. Deshalb sollten Eltern versuchen, für Kinder eine Ja-Umgebung zu schaffen. So kann das Kind möglichst viel auf eigene Faust entdecken. Gleichzeitig ist es aber illusorisch, ein Umfeld zu haben, in dem es keine Gefahren gibt. Eine Heizung kann sehr heiß werden. Oder die Grenzen anderer müssen geschützt werden. Der Schwanz der Katze zum Beispiel. Auch im Fall der Steckdose sollte man klar und deutlich nein sagen und das Kind an einen anderen Ort setzen. Nur so versteht es den Zusammenhang. Ganz viele Eltern scheuen sich vor dieser Klarheit.

Töpfchentraining, Durchschlafprogramme, Tischmanieren – auch das gehört in den Augen vieler Eltern dazu. Sind die Erwartungen zu hoch?

In unserer Gesellschaft existiert das Paradox, dass wir den Kindern ganz wenig zutrauen und dann ganz plötzlich ganz viel von ihnen erwarten. Dann befinden wir uns schnell in der Kampfzone. Tatsächlich haben Kinder einen inneren Zeitplan, den man aufmerksam beobachten kann. Stichwort Trockenwerden: Bei uns ist es oft so, dass wir anderthalb Jahre gar nicht reagieren und dann plötzlich einen Topf hinstellen und sagen: Du bekommst ein Gummibärchen, wenn du da reinmachst. Das macht Druck und sorgt für viele Konflikte. Stattdessen kann ich es spielerisch nutzen, dass sich die Kinder schon früh bewusst sind, wann die Blase voll ist, und im Sommer auf die Windel verzichten. Dann läuft es an den Beinchen runter, das ist unangenehm. Dann kann ich sagen, da ist ein Töpfchen. Das ist ein konkretes Angebot. Viele Kinder haben ein großes Autonomiebedürfnis, das kann man nutzen. Jetzt kaufen wir dir ein großes Bett. Dann verstärkt man den Impuls, den das Kind sowieso gerade hat.

Welchen Einfluss hat Lob auf den Lernprozess?

Lob ist etwas Wertvolles, wenn es authentisch ist. In westlichen Kulturen beobachtet man allerdings, dass die Kinder früh lobsüchtig werden, dann lobtaub. Es ist hilfreich, sich klarzumachen, wie Motivation funktioniert: So haben Kinder einen großen inneren Drang, Dinge zu tun, beispielsweise laufen zu lernen. Auf der anderen Seite tun sie aber etwas, weil es andere gut finden. Lob sollte nicht zur Manipulation eingesetzt werden. Sonst nimmt man dem Kind die Möglichkeit, sich selbst zu motivieren.

Über die Autorin

Nora Imlau, Jahrgang 1983, ist Journalistin, Buchautorin, Referentin, Feministin und selbst junge Mutter von vier Kindern. Imlau ist Expertin für bindungsorientierte Elternschaft und wohnt in Leipzig. Ihre Bücher sprechen ein großes Publikum an. Darunter „Mein kompetentes Baby“, „Das Geheimnis zufriedener Babys“, „Schlaf gut, Baby!“, „Crashkurs Baby. Anleitung für Ungeübte“, „So viel Freude, so viel Wut“ oder „Babybauchzeit“. Erst vor wenigen Wochen ist ihr neues Buch  „Du bist anders, Du bist gut“ erschienen. Es beschäftigt sich damit, wie man gefühlsstarke Kinder beim Großwerden begleitet.

Quelle: Christoph Luttenberger

Verlosung

Wir verlosen 3 Exemplare von Nora Imlaus Buch „Mein kompetentes Baby“.

Um teilzunehmen, schicken Sie eine E-Mail mit dem Betreff "Baby" an gewinnspiel@lvz.de. Einsendeschluss ist Mittwoch, der 20. November 2019. Bitte vergessen Sie nicht, Ihren Namen und ggf. eine Telefonnummer für die mögliche Gewinnbenachrichtigung anzugeben.

Die Preise werden unter allen Einsendungen ausgelost. Die Gewinner werden persönlich benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Es gelten die Teilnahmebedingungen und Datenschutzbestimmungen von LVZ.de.

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Wir wünschen viel Glück!

Von Uta Zangemeister

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