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Aktuelles Leipziger Arbeitspsychologe rät, klare Grenzen zu ziehen
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22:01 03.06.2019
Prof. Dr. Hannes Zacher ist Arbeitspsychologe an der Universität Leipzig. Quelle: Swen Reichhold
Leipzig

Die Berliner Start-up-Szene hat es vorgemacht, wie ein innovativer Büroarbeitsplatz aussehen kann. Feste Schreibtischplätze gibt es nicht, stattdessen Hot Desks und Rollcontainer. In den Pausen trifft man sich an der Tischtennisplatte oder beim Kicker, um eine Runde zu zocken. Abends nach Dienstschluss wird gemeinsam bei einer hippen Biobrause entspannt. Führen diese Maßnahmen zu mehr Produktivität und machen sie die Arbeitenden glücklicher? Welche Trends zeichnen sich in der Arbeitswelt ab?

Coworking Spaces als Zukunftsweiser?

Coworking Spaces – Gemeinschaftsbüros zum Einmieten – sind ein guter Ort, um herauszufinden, wie der Arbeitsplatz der Zukunft aussehen könnte. Genutzt werden sie nämlich überwiegend von jungen Start-up-Unternehmen, Menschen also mit einer innovativen Geschäftsidee, die meisten zwischen 20 und 35 Jahre alt, die ihr eigenes kleines Unternehmen gründen. Im Basislager Coworking im Peterssteinweg 14 in Leipzig arbeiten Stefan, Hannes und Sven. Sie alle machen im weitesten Sinne etwas mit IT. Stefan Dänzer gehört zu Birdiematch, einem Job-Matching-Portal für die Logistikbranche. Hannes Witt hat D25.io mitgegründet, das Unternehmen bietet Services zum Erstellen und Verwalten Künstlicher Intelligenz für Online Marketing. Sven Noack wiederum vertritt IOTIQ, wo Produktentwicklung für das Internet der Dinge (engl. IoT) passiert.

Arbeiten in der Leipziger Start-up-Szene: Hannes Witt von D25.io (links), Stefan Dänzer von Birdiematch (unten) und Sven Noack von IOTIQ. Quelle: Katrin Similien

Viel Arbeit wenig Freizeit

In einer gemeinsamen Gesprächsrunde berichten die drei jungen Männer aus ihrem Arbeitsalltag. Mit den Klischees über die Rahmenbedingungen des Arbeitens in jungen Start-ups räumen sie ordentlich auf. Die Gleichung viel Spaß und Freizeit am Arbeitsplatz, wenig Arbeiten können sie nicht bestätigen. Selbst das viel zitierte Kicker-Spielen nutzen nur wenige der hier im Gebäude Arbeitenden und auch die nur selten. Sie sind sich einig, vor allem wird viel gearbeitet, schließlich muss man ja Umsatz machen, das Unternehmen voranbringen. Sie sind alle sehr ambitioniert, das merkt man ihnen an. „Meine Arbeitszeit ist von 7.30 bis 18 Uhr“, meint Sven. Und Hannes wirft ein: „Hier lässt keiner 17 Uhr den Stift fallen.“

Starke Identifikation mit Job birgt Risiken

Was sie am Arbeiten in einem Start-up besser finden als bei einem konventionellen Unternehmen? „Es gibt viel Gestaltungsspielraum für die Mitarbeiter. Sie können viel Einfluss nehmen, wenn sie Lust haben.“, sagt Sven. „Jeder von den Kollegen baut sein Baby“, fügt Stefan hinzu. Alle hier würden sich wahnsinnig mit den Produkten und Projekten, die sie betreuen, identifizieren. Damit spiegeln sie einen Trend in der Arbeitswelt wider: das Commitment, die starke Identifikation mit dem eigenen Job und dem Arbeitgeber. Kann gut sein, birgt aber auch Gefahren, wie Arbeitspsychologe Prof. Dr. Hannes Zacher von der Universität Leipzig weiß. „Identifikation mit dem Job ist ein zweischneidiges Schwert. Positiv betrachtet kann sie einen neuen Mitarbeiter auffangen, wenn er oder sie neu in der Stadt ist. Generell sollte aber jeder klare Grenzen zwischen den verschiedenen Lebensbereichen ziehen. Der Mensch muss sich auch von anderen Menschen, wie in diesem Falle den Kollegen, erholen können. Studien haben gezeigt, umso mehr verschiedenen Gruppen ein Mensch angehört, umso besser ist seine psychische Gesundheit. Ich kann nur davon abraten, die Kollegen zur Familie zu machen.“

Neben der starken Identifikation mit dem Unternehmen erwarten Hannes, Stefan und Sven von potenziellen, neuen Mitarbeitern unbedingt eine große intrinsische Motivation für den Job, Selbstdisziplin und eigenständiges Arbeiten. Sind das überhöhte Forderungen? Dazu Professor Hannes Zacher: „Wir beobachten die Entwicklung, dass zunehmend mehr Verantwortung auf die Mitarbeiter übertragen wird. Das sind natürlich hohe Anforderungen, was nicht schlecht sein muss, wenn die Ressourcen gut sind. Diese Ressourcen des einzelnen Mitarbeiters sind persönlicher Handlungsspielraum, Autonomie, eine bedeutsame Arbeit und die Situation verschiedene Fertigkeiten anwenden zu können.

Vorsicht vor Selbstausbeutung

Persönlichkeitsmerkmale wie Gewissenhaftigkeit sind gut, wichtig ist aber emotionale Stabilität und Stressresistenz. Vorsicht vor Selbstausbeutung, die zu einem Zuviel führen kann! Man muss seine Grenzen kennen. Entrepreneurs arbeiten nicht nachhaltig. Sie neigen dazu, sich selbst zu verbrauchen bis zur Erschöpfung. Wir registrieren immer mehr Depressionen und Burn-outs. Die Ursache dafür ist beispielsweise die steigende Verantwortung des einzelnen Mitarbeiters. Man sollte sich fragen: ist es das wert? Es ist immer gut, wenn der Chef oder die Kollegen einem auch mal sagen, dass es jetzt reicht und man nach Hause gehen soll. Der Mensch braucht Erholungsphasen.“ Da wäre sie, die Rede von der Work-Life-Balance. Ein Begriff, der schon länger kursiert.

Agiles Arbeiten für mehr Flexibilität

Noch ein Schlagwort ist wichtig, wenn es um zukunftsweisendes Arbeiten geht: agiles Arbeiten. Es ist eng verbunden mit der zunehmenden Flexibilisierung des Arbeitsplatzes. Ein Instrument agilen Arbeitens sind tägliche oder wöchentliche Teambesprechungen, in denen untereinander Feedback übermittelt wird. Wo steht der Einzelne gerade in seinem Arbeitsprozess, welche Ergebnisse sind da? So kann schneller reguliert werden, wenn Korrekturen nötig sind. Im Falle der kleinen Unternehmensgröße eines Start-up bringt Sven von IOTIQ den bildhaften Vergleich von Speedboat und Öltanker. „Weil wir klein sind und flexibel strukturiert, können wir schnell und wendig reagieren im Vergleich zu einem großen Konzern mit konventionellen Strukturen.“ Für das agile Projektmanagement verwendet man bei Birdiematch in Leipzig ein digitales KanBan Board, das Ticketing-System Trello. Es ersetzt das White Board an der Bürowand. Solche digitalen Helfer haben den großen Vorteil, dass sie von allen Mitarbeitern genutzt und gelesen werden können, auch wenn diese nicht im Firmenbüro anwesend sind, weil sie gerade im Homeoffice arbeiten oder auf Dienstreisen sind. Hier lässt sich ein weiterer Trend der Arbeitswelt erkennen. Der Büroarbeitsplatz der Zukunft ist flexibel. Das bezieht sich sowohl auf seinen Ort – man denke an Homeoffice und Hot Desk - als auch auf die Gesamtbürofläche eines Unternehmens. Die Leipziger Start-ups im Basislager Coworking machen es vor. Je nach Bedarf mieten sie Schreibtischplätze oder ganze Büros hinzu oder kündigen sie wieder auf. So vermeiden sie unnötige Mietkosten, was wiederum die Gesamtkosten senkt.

Experte plädiert für den festen, persönlichen Arbeitsplatz

Experte Prof. Hannes Zacher plädiert, entgegen der wirtschaftlichen Argumente für flexible Büroflächen, für den festen, persönlichen Arbeitsplatz: „Es ist besser, Planbarkeit zu schaffen. Wenn man morgens auf dem Weg zur Arbeit noch nicht weiß, wo man heute sitzen wird und man keine persönlichen Dinge auf dem Schreibtisch lassen kann, ist das eher problematisch.“

Von Katrin Similien

Rund zehn Jahre hat Constanze Rykovskij bei der Dresdner Bank – heute Commerzbank – in Frankfurt gearbeitet. 2010 kehrt die gebürtige Schleußigerin an die Pleiße zurück und freut sich, wieder in der Messestadt zu leben.

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